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Noteinsatz des Baumdoktors

Modellversuch in der Uckermark: Das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin hat in Vietmannsdorf vier 300 Jahre alte Linden gerettet. Sie gefährdeten plötzlich den Verkehr. Spezialseile schützen mögliche Bruchstellen. Die Bäume bleiben stehen.
Modellversuch in der Uckermark: Das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin hat in Vietmannsdorf vier 300 Jahre alte Linden gerettet. Sie gefährdeten plötzlich den Verkehr. Spezialseile schützen mögliche Bruchstellen. Die Bäume bleiben stehen. © Foto: Oliver Schwers
Oliver Schwers / 11.11.2015, 06:48 Uhr
Angermünde (MOZ) Wenn ein Baum alt wird, kippt er um. Oder er muss gefällt werden. Bei manchen traumhaft schönen Exemplaren wäre das tragisch. In solchen Fällen kann ein Baumdoktor helfen. Mit einem chirurgischen Eingriff sichert er die Haltbarkeit. Das Biosphärenreservat bezahlt ihn.

Das Urteil der Baumschau klingt hart: "Verkehrssicherheit nicht mehr gegeben. Entweder ganz fällen oder nur einen Stamm stehen lassen." Gerade bei Alleebäumen oder Einzelexemplaren, die sich in Ortschaften befinden, wäre das schon optisch ein Frevel. "Wenn Bäume sprechen könnten, hätten sie viel zu erzählen von dem, was unter ihrer Krone in vergangenen Jahrhunderten geschehen ist", sagt Christiane Franke vom Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Sie sind schon in alten Chroniken erwähnt. Unter ihnen saßen Liebespärchen. Sie haben Stürme und Kriege überstanden.

Doch nicht jeder Baum, dessen tonnenschwere Äste abzustürzen drohen, muss gleich gefällt werden. Christiane Franke will wertvolle Einzelstücke für die Nachwelt retten. "Altgehölze sind von Bedeutung für das örtliche Klima und für das Erscheinungsbild unserer Orte." Im Biosphärenreservat unterliegen sie zudem einem besonderen Schutz.

Die Rettung kommt in Form von Holger Radke. Der Baumdoktor aus Eberswalde ist Chef der Firma BaumZeit. Mit verschiedenen Methoden verhindert er die Kettensäge. Seine chirurgischen Eingriffe konzentrieren sich auf die Schwachpunkte der alten Baumriesen. Radke hängt dicke Spezialseile in die Kronen. Bei starkem Wind und hoher Belastung bieten sie Ästen und Stamm einen zusätzlichen Halt. Die Verseilung wird zuvor genau berechnet und kann nachjustiert werden. Zu sehen sind die Hilfsmittel erst bei näherem Hinschauen.

In Vietmannsdorf in der Uckermark hat das Biosphärenreservat einen Modellversuch gestartet. Dort prägen vier mindestens 300 Jahre alte Linden das Ortsbild. "Fällung" lautete das Todesurteil der Baumschau. Doch keiner will sie missen. Holger Radke hat sich den Notfall angesehen und ein Gegengutachten erstellt. Zwei Ärzte - zwei Meinungen. Der Baumchirurg ließ die alten Patienten so beschneiden, dass es äußerlich kaum auffällt. Er entlastete die Äste und brachte seine Seile an. Zwölf Jahre Bruchlastgarantie.

Radke wird immer dann geholt, wenn ein besonders alter oder schöner Baum gerettet werden soll. Doch die Kosten sind hoch. Der medizinische Eingriff in Vietmannsdorf belief sich auf 5000 Euro. Das Geld teilen sich die Stadt Templin und das Biosphärenreservat. "Eine bisher einmalige Aktion", sagt Christiane Franke.

Wenn es nach ihr geht, soll das Beispiel Schule machen. Kommunen, Straßenbetriebe, Eigentümer von Parkanlagen oder der Landesbetrieb Straßenwesen können sich hier am Modellversuch anschauen, wie die Baumchirurgie funktioniert.

Gerade die Bäume entlang von stark befahrenen Straßen oder in den Ortsbereichen sind großem Stress ausgesetzt. Wurzelverletzungen durch Bauarbeiten, Tausalze oder Schäden durch Unfälle hinterlassen Spuren. Das sehen Experten schon an den Kronen. Auch Abgase und Pilze spielen eine Rolle.

Inzwischen gibt es viele technische Hilfsmittel, um die Krankheitsbilder der Patienten zu erkennen. Mit Sonden, Hämmerchen und Schalltomografie gehen die Gutachter vor. Am Ende muss der kranke Baumriese nicht immer umfallen. Baumdoktoren können helfen.

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