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"Wat hett he secht?"

Arbeitet seit Gründung in der Zentralstelle für Sprache und Literatur in Prenzlau mit: Doris Meinke sieht im Uckermärker Platt nicht nur ein Stück Geschichte, sondern auch Lebensart und Typisches eines besonderen Menschenschlags.
Arbeitet seit Gründung in der Zentralstelle für Sprache und Literatur in Prenzlau mit: Doris Meinke sieht im Uckermärker Platt nicht nur ein Stück Geschichte, sondern auch Lebensart und Typisches eines besonderen Menschenschlags. © Foto: Oliver Schwers
Oliver Schwers / 20.11.2015, 06:48 Uhr
Prenzlau (MOZ) Die Augen der alten Uckermärker strahlen, wenn Doris Meinke loslegt. Sie ist eine der wenigen, die Plattdeutsch sprechen und schreiben kann. Die Prenzlauerin will eine verloren gehende Sprache retten und an Kinder weitergeben.

"Gudden Dach, Fru Meinke", schallt es hinter ihr her. Eine Gruppe von Kindern winkt auf der Straße. Doch die Kinder wollen sie nicht veräppeln, sondern ihr einen besonderen Gefallen tun. Fru Meinke freut sich darüber. Je mehr Mädchen und Jungen die Sprache der alten Uckermärker im normalen Alltag nutzen, desto langsamer stirbt das Plattdeutsche aus. "Bet tum nächsten Mol", ruft sie den Kinnern nach.

Zuhause spricht sie mit dem Vater in dem freundlich-kauzigen Ton des Uckermärker Platt. Selbst bei harten Kraftausdrücken bleibt das in Jahrhunderten herausgebildete Niederdeutsche stets ein Quentchen höflicher als die hochdeutsche Variante. "Komm man her mien Schieter" klingt eben doch liebevoll und wäre übersetzt wohl kaum eine artige Höflichkeit.

Eltern und Großeltern legten Doris Meinke schon in ihrem Heimatdorf Schenkenberg den eigentümlichen Klang der Mundart in die Wiege. "Plattdeutsch ist wie eine Haarfarbe oder Sommersprossen", sagt sie. "Das muss man eben geerbt haben."

Früher gab es Prügeleien unter den Dorfjungs der Uckermark, wenn sich einer über unterschiedlich klingende Ausdrücke des Nachbarn lustig machte. Jedes Nest pflegte voller Stolz sein eigenes Lokalkolorit. Heute macht Doris Meinke schon einen Luftsprung, wenn sich einer der alten Dorfbewohner außerhalb der eigenen vier Wände traut, einen Snack up platt anzustimmen. Sie verstand zwar als Kind, was der Grootvadder dem Vadder vertellte, konnte aber selbst nicht ins Niederdeutsche verfallen.

Und plötzlich - bei der Berufsausbildung in Weißenfels - bekam sie auch noch Heimweh nach den vertrauten Tönen und der derb-herzlichen Sprachmelodie. "Da erkannte ich, dass Platt mehr ist als Sprache. Es gibt Auskunft über den Menschenschlag, über Lebensart und Landschaft." Manchmal träumt sie sogar auf Plattdeutsch.

Daran ist ein Zeitungsartikel schuld. Der Forscher und Autor Eberhard Krienke suchte in den 90er Jahren nach Mitstreitern für seine Zentralstelle für Sprache und Literatur - ein Rettungsarchiv für das untergehende Niederdeutsch in der Uckermark. Doris Meinke nahm bei ihm Unterricht, besuchte Volkshochschulkurse, half beim Einrichten des Büros. "In dat Archiv steiht dårto een wissentschaftlicher Deel parat un eene Sammlung van Schriewers ut de Uckermark (un van uns Nåwers) van jister un hüt in Originål orrer as Kopie." Auf Hochdeutsch: Im Archiv finden sich wissenschaftliche Arbeiten und eine Sammlung von Autoren der Uckermark (und angrenzenden Regionen) von gestern und heute in Originalen und Kopien.

Das Kuriose: In der Uckermark wird das Niederdeutsch weitaus weniger gepflegt als zum Beispiel im benachbarten Mecklenburg-Vorpommern. Zugezogene Berliner zeigen sogar mehr Interesse daran als Einheimische, wollen die alte Sprache lernen, die Bräuche pflegen. "Und auch für den Tourismus könnte man Platt viel stärker nutzen", meint Doris Meinke.

Doch das plattdeutsche Erbe ist ihr nicht nur Lust, sondern auch Last. In der Zentralstelle im Prenzlauer Stadtarchiv fehlt eine hauptamtliche Stelle. "Ich kann das Wort Ehrenamt schon nicht mehr hören", sagt sie. "Man springt von einem Fördertopf zum nächsten." Und so machte die gelernte Schusterin und studierte Textilmaschinenkonstrukteurin noch eine Ausbildung zur Krankenschwester, um Brötchen zu verdienen. Wieder eine neue Erfahrung. Am Krankenbett entstand schnell der Kontakt zu den alten Uckermärkern. Schließlich musste sie sogar übersetzen, als ein sehr gut Deutsch sprechender ausländischer Arzt die Patientin gar nicht verstand. "Was spricht die Frau?", wunderte sich der Mediziner. "Wat hett he secht?", wollte die Patientin wissen.

Vielleicht verschwindet das Platt eines Tages in den Wörterbüchern und im Archiv. Weil es keiner mehr spricht oder versteht. Doch Doris Meinke schöpft neue Hoffnung. Sie begleitet die noch existierenden Mundartgruppen in Schwedt, Prenzlau und Templin. Sie pflegt den Kontakt zu den vielen Autoren, die Schnurren und Bräuche, Lebensgeschichten und Witze niederschreiben. Sie kauft Veröffentlichungen und sogar ins Platt übersetzte Märchen. Es gibt sogar Asterix in dieser Form. Sie macht Stadtführungen auf Niederdeutsch. Und sie unterrichtet Kinder.

"Wer hier eine Schule besucht hat, muss was von Platt gehört haben", so ihre Meinung. In der Max-Lindow-Schule (benannt nach dem plattdüütschen Schriewer) begleitet sie eine Klasse fachübergreifend in der alten Mundart. Ein Projekt, das mit Interesse verfolgt wird. Am Ende will Doris Meinke eigene Arbeitsanleitungen herausgeben für Pädagogen.

Und wieder ein Stück Hoffnung nährt die neue Arbeitsgruppe im Kulturministerium, in der sich Plattsnacker aus allen Landesteilen beteiligen. Natürlich auch Doris Meinke. "Erstmals haben wir jetzt eine bessere Gewichtung gegenüber der Politik", sagt die Uckermark-Botschafterin.

De Zentrålstell in Prenzlow in d` Dominikanerkloster: Telefon 03984 753541. Weitere Informationen unter www.platt-in-brandenburg.de im Internet.

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