Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Bahnwerker haben resigniert

Herber Verlust: Das Eberswalder Bahnwerk droht nun spätestens Ende 2016 endgültig zu schließen.
Herber Verlust: Das Eberswalder Bahnwerk droht nun spätestens Ende 2016 endgültig zu schließen. © Foto: MOZ/Thomas Burckhardt
Anna Fastabend / 01.12.2015, 20:20 Uhr
Eberswalde (MOZ) Nur wenige der nur noch 350 Mitarbeiter wollen die vermutliche Schließung des Bahnwerks in Eberswalde kommentieren. Kaum jemand möchte seinen Namen nennen, so gut wie niemand will vor die Kamera. Dienstagnachmittag herrscht auf dem Betriebsgelände eine bedrückende Stimmung.

Für Trauer und Wut ist an diesem Nachmittag bei vielen nicht mehr oder noch nicht der richtige Zeitpunkt. Bei dem einen sind die Kräfte nach mehr als einem Jahr des Bangens um den Arbeitsplatz aufgebraucht. Beim anderen herrscht Ungläubigkeit. "Wir haben es ja nur in der Presse gelesen", sagt ein Bahnwerker, der gerade von seiner Schicht kommt. "Die Geschäftsführung ist da anderer Meinung als die Zeitung."

Unter den Bahnwerkern herrscht Verwirrung: Das Brandenburgische Wirtschaftsministerium sieht die Gespräche mit der Deutschen Bahn als gescheitert an. Der Konzern dementiert den Schließungsbeschluss. Betriebsratsvorsitzender Ulf Boehnke ist am vorherigen Abend von der schlechten Nachricht völlig überrumpelt. "Am kommenden Freitag wollten wir uns eigentlich mit Bahnchef Rüdiger Grube zusammensetzen," berichtet er am Telefon.

Bei Nachfrage, wie die Bahnwerker die traurige Botschaft auffassen, reichen die Kommentare von "Ich muss den Zug kriegen" über "Keine Lust mehr" bis zu "Wir haben alle die Schnauze voll" - kaum einer möchte sich zu der mutmaßlichen Schließung des Bahnwerks äußern.

Schnellen Schrittes, die Schultern hochgezogen, die Blicke gesenkt, sehen die Mitarbeiter zu, dass sie das Betriebsgelände an der Eisenbahnstraße so schnell wie möglich verlassen. Auch untereinander sprechen sie kaum ein Wort. Die Welt da draußen wird mit Ohrstöpseln ausgesperrt. Einer der wenigen, der seinen Namen nennt, ist Marco Adermann aus Eberswalde. "Die Situation ist beschissen", regt sich der 43-jährige Schlosser auf. Er findet es katastrophal, dass die Deutsche Bahn Güterwagen verschrotte und die Waren anstatt über Schienen mit Lastkraftwagen auf der Straße transportiere. "Es kann doch nicht sein, dass eine der größten Speditionen in Deutschland zur Deutschen Bahn gehört."

"Mir tut es einfach unglaublich leid für meine Kollegen", sagt ein Mitarbeiter, der lieber anonym bleiben möchte. Er will, so sagt er, seinen Namen nicht nennen, weil er vor dem baldigen Ruhestand keinen Stress mehr mit seinem Arbeitgeber bekommen möchte. Doch seine Meinung sagen, will er schon. "Wenn das wirklich stimmen sollte, ist diese Nachricht, das Traurigste, was ich je erlebt habe." Der Mann, der seit mehr als 40 Jahren im Bahnwerk arbeitet, findet es richtiggehend "ekelerregend, was man mit uns macht". An diesem Werk hingen so viele Existenzen, berichtet er. "Doch das kennt man ja im Osten", sagt er. "Aber wir sind doch als Instandhaltungswerk bekannt und machen gute Arbeit."

Und Arbeit sei mehr als genug da, sagt Schlosser Carsten Olschewski. Der 47-Jährige, der seit fast 30 Jahren im Bahnwerk tätig ist, hat große Existenzängste. "Wenn das Werk schließt, bin ich meinen Job los." Er vermutet, dass die Deutsche Bahn mit den potenziellen Investoren keine Konkurrenten begünstigen wolle und deshalb die Gespräche abgebrochen hat.

Der Prüfmittelbeauftragte Andreas Kietz aus Klosterfelde sieht das Ganze leidenschaftslos. Er habe einen Arbeitsvertrag unterzeichnet, der dann in dieser Form enden wird. "Dann muss ich mir halt etwas anderes suchen", sagt er resigniert. Das sei eben so in der heutigen Zeit. Doch er sei auch erst fünf Jahre im Eberswalder Werk tätig. Für die altgedienten Kollegen sei die Schließung, wenn sie denn wahr ist, ein herber Schlag.

Bitter ist es aber auch für die junge Generation und die Kinder der Angestellten. Ein 24-jähriger Industriemechaniker hat Sorge bei einem alternativen Jobangebot der Deutschen Bahn aus der Region wegziehen zu müssen. Dem 17-jährigen Auszubildenden Julian Preuß gefällt es in Eberswalde. Er möchte seine Ausbildung dort beenden.

Hundert Meter weiter wartet Alexandra Linde auf den Bus. Die 17-jährige Schülerin aus Finowfurt hatte sich gemeinsam mit ihrer Freundin Pauline Maeß im vergangenen Jahr für den Erhalt des Bahnwerks eingesetzt. Die beiden Mädchen, deren Väter im Instandhaltungswerk arbeiten, hatten rund 8000 Unterschriften gegen die Schließung gesammelt. Die Listen sowie mehrere Protestbriefe schickten sie an die Landesregierung und DB-Chef Grube. Nur auf ihren ersten Brief bekamen sie von der Deutschen Bahn eine Rückmeldung. Alle anderen blieben unbeantwortet.

Die heutige Mahnwache findet ab 14 Uhr vor dem Betriebsgelände des Bahnwerks Eberswalde, Eisenbahnstraße 37, statt. Die Beschäftigten freuen sich bei ihrer Kundgebung über zahlreiche Unterstützer.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG