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Selbst ist die Schule

So macht Sprachunterricht Spaß: Elke Hoppe ist eigentlich längst pensioniert. Nun hilft sie in der Grundschule Schwärzesee aus. Sie bringt Anzhela (12) aus Tschetschenien, Alexandru (12) aus Rumänien und Sidra (11/ v.l.) aus Syrien Deutsch bei.
So macht Sprachunterricht Spaß: Elke Hoppe ist eigentlich längst pensioniert. Nun hilft sie in der Grundschule Schwärzesee aus. Sie bringt Anzhela (12) aus Tschetschenien, Alexandru (12) aus Rumänien und Sidra (11/ v.l.) aus Syrien Deutsch bei. © Foto: MOZ/Thomas Burckhardt
Anna Fastabend / 07.12.2015, 18:25 Uhr
Eberswalde (MOZ) In Brandenburg mangelt es an Lehrern. Das gilt auch für den Deutschunterricht von fremdsprachigen Kindern. Dabei müssen die Mädchen und Jungen erst einmal die Sprache verstehen, um mitzukommen. Die Grundschule Schwärzesee hat nun selbst die Initiative ergriffen.

Eigentlich sollte das Kollegium nach den Herbstferien aufgestockt werden. Das Landesschulamt hatte zwei neue Lehrer versprochen, die auf den Deutschunterricht von fremdsprachigen Kindern spezialisiert sind. Doch der erste Schultag kam und kein neues Gesicht war zu sehen, berichtet Schulleiterin Anke Billing.

Da war der Schock groß. Die Grundschule, deren Schülerschaft aus den unterschiedlichsten Nationalitäten zusammengesetzt ist, wird zur Zeit von 26 Kindern besucht, die erst kurz in Deutschland leben. "Seit zwei Jahren werden bei uns kontinuierlich mehr fremdsprachige Kinder angemeldet", berichtet die Direktorin. Die Tendenz ist steigend. Eine Herausforderung für die Lehrer. Denn die Klassen sind groß und unter den 325 Schülern gebe es einige, die verhaltensauffällig oder lernschwach sind. Da bliebe kaum Luft, um mit fremdsprachigen Kindern mal einen Text zu lesen oder die Zahlen zu erarbeiten, so die Schulleiterin. "Die Stunde ist vorbei, und man weiß, es war nicht genug", beschreibt sie die unbefriedigende und kräftezehrende Situation.

Zum Glück gibt es an der Grundschule Schwärzesee aber Elke Hoppe. Die pensionierte Lehrerin gibt bereits einmal die Woche Sprachunterricht. Nun hat sie sich bereiterklärt, ihr Engagement auf 18 Stunden auszuweiten. Damit ist sie die Rettung in letzter Sekunde. Die Grundschule Schwärzesee verhandelte mit dem Landesschulamt, das die Kosten übernimmt. Ab nächster Woche soll es dann richtig losgehen. "Wir haben uns entschieden, keine Willkommensklasse einzurichten", erklärt Billing das Konzept. Da die Kinder unterschiedlich gut Deutsch sprechen können. Stattdessen werden sie in drei kleine Gruppen aufgeteilt, die drei Mal die Woche Förderunterricht erhalten. Zusätzlich helfen ein Mal die Woche zwei Ehrenamtliche von der Akademie 2. Lebenshälfte beim Deutschlernen. Weitere Freiwillige sind willkommen. "Das ist so wichtig", sagt die Schulleiterin. Für die Kinder sei es nämlich unglaublich demotivierend, stundenlang herumzusitzen und kein einziges Wort zu verstehen.

Elke Hoppe sprüht auch an diesem Tag vor Energie. "Meine Kinder sind so lernwillig", freut sich die ehemalige Lehrerin. Mit Anzhela (12) aus Tschetschenien, Alexandru (12) aus Rumänien und Sidra (11) aus Syrien übt sie auf vielfältige Art und Weise. Denn langweilig darf es nicht werden. Es wird gesungen, am Computer und Whiteboard gearbeitet - die Technik ist kein Problem für die pensionierte Lehrerin. Besonders gern verwendet sie ein Bilder-Wörterbuch, mit dem sie vor langer Zeit schon einmal russischsprachigen Kindern erfolgreich Deutsch beigebracht hat.

Heute geht es um das Thema Küche. Unter kindgerecht gezeichneten Bildern stehen Begriffe wie Brotschneidemaschine und Korkenzieher. Die Kinder sagen die Worte laut vor sich hin und klatschen gleichzeitig die Silben. Dann schreiben sie die Substantive ab und setzen den richtigen Artikel davor.

"Ich habe keine Enkelkinder", begründet Elke Hoppe ihr Engagement. "Außerdem hält mich das Lernen mit den Kindern jung." Zu einigen ihrer Schützlinge hat sie über Jahre den Kontakt gehalten. "Bei der Familie eines ehemaligen türkischen Schülers werde ich immer noch zum Tee eingeladen." Was es bedeutet, eine neue Sprache zu erlernen, dafür hat sie vielleicht mehr Verständnis als andere. "Ich lerne gerade Englisch", erzählt sie. Da fiele ihr besonders auf, was alles von fremdsprachigen Kindern erwartet wird.

Schulleiterin Billing weiß, Kinder, die ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, eingeschult werden, sind am Schuljahresende auf dem gleichen Niveau wie Muttersprachler. "Doch stoßen sie erst in der zweiten Klasse dazu, müssen sie erheblich gefördert werden." Hätte sie einen Wunsch frei, dann wären es mehr Lehrer für den Sprachunterricht. Schließlich sei Bildung die Voraussetzung für gelungene Integration.

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