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Die Poesie der Hände

Ohne Worte: Beim Adventskonzert in der St. Jacobi-Kirche macht der Chor unter der Leitung von Wolfgang Mescher (2. v. r.) Gebärdenpoesie erlebbar.
Ohne Worte: Beim Adventskonzert in der St. Jacobi-Kirche macht der Chor unter der Leitung von Wolfgang Mescher (2. v. r.) Gebärdenpoesie erlebbar. © Foto: Christian Schröder
Annemarie Diehr / 15.12.2015, 18:42 Uhr
Berlin (MOZ) In der Musik bezeichnet ein Chor eine Gemeinschaft von Singenden. Dass sich Gesang nicht in der Stimme erschöpft, erlebt man bei den Proben des Berliner Gebärdenchors.

Der Kirchenraum ist hell erleuchtet, zwei Männer und vier Frauen stehen den leeren Sitzreihen zugewandt in einem Halbkreis vor dem Altar. Stille. Plötzlich mit der rechten Hand eine Zeigebewegung in die Leere, zwei Mal wiederholt. Der rechte Arm schwingt zur Seite und in weit ausholendem Bogen vor den Körper. Dieselbe Hand wird neben den Kopf geführt, drei Finger sind erhoben, dann eine versetzte Auf-und-ab-Bewegung der nah am Körper flach ausgestreckten Hände. Die Münder bewegen sich ebenso synchron wie die Arme, doch die gehauchten Laute verflüchtigen sich sofort in den Höhen der Kreuzberger St. Lukas-Kirche.

Die Bedeutung des Ganzen erschließt sich dem Laien zwar nicht, eindrucksvoll ist der stille Fluss der Bewegungen aber allemal. Für Zuschauer jedoch, die der Gebärdensprache mächtig sind, eröffnet dieser Anblick eine Welt voller Wörter, Rhythmen und Sinn. Drei Finger zum Himmel gestreckt heißt Gott. Die abwägende Handbewegung heißt so viel wie Unterschied. "Gott macht keine Unterschiede", lautet der erste Vers des Liedes, das der Gebärdenchor der Berliner Gehörlosengemeinde ganz ohne Wort "singt".

Den Refrain "Schwarze, Weiße, Rote, Gelbe, Gott hat sie alle lieb" gebärdet der Chor sogar mit vollem Körpereinsatz, indem die Mitglieder mit rhythmischen Schwüngen des Oberkörpers ihr Gewicht von einem auf das andere Bein verlagern. Chorleiter Wolfgang Mescher, der seit mehr als zehn Jahren dabei und von Beruf Tischler ist, weiß um die Wirkung der Auftritte seines Chores auch bei Hörenden: "Sie sind eine Augenweide und gehen unter die Haut", übersetzt Andreas Plank die Gebärden des Chorleiters.

Seit zehn Jahren ist Plank, ein junger Mann mit Bart, Mitglied des Gebärdenchors. Im Gegensatz zu den anderen Chormitgliedern, die gehörlos oder schwerhörig und deshalb auf dieses Kommunikationsmittel angewiesen sind, ist Gebärdensprache für Plank lediglich ein Hobby. Wenn er spricht, gebärdet er zeitgleich mit den Händen; die Gebärden der anderen übersetzt er für Nicht-Gebärdende in Sprache.

Etwa 60 Lieder hat der Chor mittlerweile auf Lager - darunter solche, die für die Gebärdenpoesie adaptiert wurden, und andere, die bereits als Gebärdenlieder erdacht wurden, etwa das Lied "Gott gebärdet gerne".

"Ein Gebärdenlied ist schön anzusehen, wenn die Chormitglieder gleichmäßig gebärden", findet Wolfgang Mescher. Und so feilt er während der alle zwei Wochen stattfindenden Proben vor allem an der Einheitlichkeit der Gebärden. Gerade diskutiert der Chor, ob sich die rechte Hand an der Stelle "mein Licht" im Lied "Meine Hoffnung und meine Freude" nun vor dem Gesicht oder über dem Kopf öffnet. Obwohl der 49-jährige Chorleiter nicht vor, sondern in einer Reihe mit dem Chor steht, orientieren sich die anderen an der Ausführung und dem Rhythmus seiner Gebärden.

Als der Chor der Evangelischen Gehörlosengemeinde vor 15 Jahren gegründet wurde, ging es vor allem darum, die Öffentlichkeit überhaupt für die Gebärdensprache und ihre Schönheit zu sensibilisieren. Denn bis zur amtlichen Anerkennung als Sprache 2002 war es ein weiter Weg: Jahrzehnte lang war die Gebärdensprache geächtet. "Seit Ende des 19. Jahrhunderts war es Pädagogen verboten, in Gebärdensprache zu unterrichten", erzählt Gemeindepfarrer Roland Krusche, der seine Gottesdienste in Gebärdensprache hält. Es galt die Meinung, Gehörlose sollten sich lieber im Mundablesen und Artikulieren üben.

Erst in den Achtzigerjahren wandelte sich das Verständnis langsam auch in Deutschland, nachdem der amerikanische Linguist William Stokoe die Gebärdensprache wissenschaftlich erforscht und als anderen Sprachen ebenbürtig beschrieben hatte.

Nach der Probe schaut sich der Chor im kleinen Gemeindebüro Videomitschnitte vom Gebärdenchor-Treffen vor drei Wochen an. Vier Chöre aus ganz Deutschland - insgesamt gibt es etwa zehn - haben ein Wochenende lang Ideen für Lieder gesammelt, Erfahrungen ausgetauscht und gemeinsam ein Adventskonzert gestaltet.

Gerade wird ein Auftritt des Chors aus Westfalen begutachtet. "Das kann man sich für spätere Auftritte merken", gebärdet Mescher mit Blick auf die kleine Tanzeinlage der Chormitglieder. Auch die Outfits der anderen Chöre bieten Inspiration. Zur Christvesper am Heiligen Abend um 15 Uhr in der Kreuzberger St. Lukas-Kirche bleibt aber erst einmal alles beim Alten: schwarze Hose, lilafarbenes Oberteil.

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