Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Als es Butter und Milch nur auf Marken gab

Rund um die Lebensmittelkarten: Der Bad Freienwalder Museologe J³rgen Weber hat gemeinsam mit Hannelore Mai Dokumente zum Thema zusammengetragen. Foto: MOZ/Doris Steinkraus
Rund um die Lebensmittelkarten: Der Bad Freienwalder Museologe J³rgen Weber hat gemeinsam mit Hannelore Mai Dokumente zum Thema zusammengetragen. Foto: MOZ/Doris Steinkraus © Foto:
DKLEMENTZN / 16.05.2008, 05:20 Uhr
Seelow 842 Mitarbeiter sind in den einzelnen Ämtern der Kreisverwaltung beschäftigt. Zum größten Teil erledigen sie vom Gesetz vorgeschriebene Aufgaben. MOZ blickt in loser Folge hinter die Kulissen. Heute: Kreisarchiv.

In den Kellerräumen des Landrats­amtes ruht das Gedächtnis des Kreises. 550 Meter Akten lagern in zwölf großen Räumen. Die beiden Mitarbeiter Hannelore Mai und Jürgen Weber sortieren nicht nur ständig neues Material ein, sie arbeiten auch auf, stellen zu Themen spezielle Sammlungen zusammen - wie jetzt zur Abschaffung der Lebensmittelkarten vor 50 Jahren. Die älteren Märkisch-Oderländer werden sich noch gut daran erinnern können. Zumal sie in der DDR acht Jahre länger im Einsatz waren als in der Bundesrepublik. Erst 1958 wurden sie offiziell abgeschafft.

Bis dahin nützte alles Geld nichts, konnte man in den Lebensmittelgeschäften nicht die unscheinbaren Abschnitte auf den Tisch legen. Aus heutiger Sicht mutet manches, was die Archivare jetzt zusammengetragen haben, schwer vorstellbar an. Alle paar Wochen gab es neue Rundverfügungen und Sonderaktionen.

Im Kreisarchiv lagert z. B. die Rundverfügung 119/47 an den Amtsvorsteher Lietzen, wie sie viele Amtsvorsteher damals erhielten. Darin wird auf einen Befehl der sowjetischen Militäradministration (SMAD) zur Trinkmilchausgabe verwiesen. Danach war Kindern bis zu einem Jahr täglich ein halber Liter und Kindern von ein bis fünf Jahren täglich ein viertel Liter Milch auszugeben. Auch für Schwangere und Kranke in Krankenhäusern wurde ein viertel Liter gewährt. Die Ausgeber hatten streng darauf zu achten, dass nicht etwa das Krankenhauspersonal von möglichen Mehrmengen Milch etwas abzweigte.

Nicht nur für die alltäglichen Lebensmittel waren Marken nötig. Die Kreisbezirkskartenstelle Booßen (zuständig für den damaligen Kreis Lebus) ordnete im Januar 1950 an, dass im Februar an alle männlichen Personen ab 18 Jahre ein Stück Rasierseife auszugeben ist. Im Kreisarchiv finden sich auch viele handschriftlich gestellte Anträge von Bürgern, die z. B. Berechtigungsscheine für Schuhsohlen, Damenstrümpfe, Kinderkleider, Stoff oder Hochzeitsgarderobe stellten. Kartoffeln gab es bis in die 1960er Jahre hinein nur auf Marken. Und mit den Kohlenkarten blieb gar bis zum Ende der DDR das Modell der Marken in Resten erhalten.

Der Verlust der Lebensmittelkarte war für Familien dramatisch. Nur mit eidesstattlichen Erklärungen, von denen ebenfalls einige im Kreisarchiv erhalten blieben, konnten sie hoffen, Ersatz und damit die rationierten Lebensmittel zu bekommen.

Trotz oder gerade wegen der Rationierung blühte der Schwarzmarkt. Die Verantwortlichen in der sowjetischen Besatzungszone initiierten ständig Aktionen, um dem zu begegnen. Zu den historischen Zeugnissen im Archiv gehören z. B. Flugblätter vom November 1948. "Freier-Markt-Aktion für das Weihnachtsfest" war ein solches Flugblatt betitelt, das die Mitglieder der Ortsausschüsse in den Dörfern an alle Haushalte verteilten. "Für Arbeiter Fleisch, für Bauern Zucker, Tabak, Textilien und Kohle", hieß es darin. Bauern wurden nicht nur Sonderpreise für ihre Erzeugnisse geboten, sondern auch Ware im Tausch. Für ein Kilogramm Gans oder Pute wurden 5,50 DM sowie ein Berechtigungsschein über 750 g Zucker oder alternativ für 100 Zigaretten, Textilien im Wert von 5,50 DM oder Kohle im gleichen Wert offeriert.

Dass mit dem Ende der Lebensmittelkarten nicht automatisch die Versorgung prob-lemlos funktionierte, belegen andere Dokumente im Kreisarchiv. So gibt es einen Situations- bericht zu Kontrollen in Verkaufsstellen vom 29. Mai 1958. Es gäbe kaum Kunden, heißt es da, die Stimmung sei schlecht, was wohl auf das eher magere Angebot zurückzuführen war. Von September 1959 stammt ein erhalten gebliebener Aufruf an alle Pioniere. Zum 10. Jahrestag der DDR sollte es zumindest genügend Eier geben. Die Jüngsten waren aufgerufen, sich an einem Eier-Sammelwettbewerb zu beteiligen. Sie sollten von Haus zu Haus gehen und den Hühnerhaltern Eier abkaufen. Die Kreise Bad Freienwalde, Seelow und Angermünde standen im Wettbewerb. Seelow wollte 200 000 Eier zusammenbekommen. Nicht verbrieft ist, wer den Wettbewerb damals gewonnen hat.

Die Lebensmittelkarten taten ihren Dienst auch noch, als sie längst nichts mehr Wert waren. Hannelore Mai hat zahlreiche Notizen, Protokolle und Festlegungen in den Akten gefunden, die auf der Rückseite der großen Kartenblöcke geschrieben wurden. "Papier war knapp, alles wurde verwendet", erklärt sie. Hannelore Mai und ihr Kollege wollen die Erinnerung an dieses Stück Geschichte festhalten. Sie haben derzeit eine kleine Ausstellung zum Thema Lebensmittelkarten im Flur des Archivs gestaltet. Wer Lust hat, kann im Besucherraum auch gern in weiteren Dokumenten stöbern. Das Archiv des Kreises steht jedermann offen.

Stichwort Lebensmittelmarken:

In Deutschland wurde im Ersten Weltkrieg Anfang 1915 zunächst Brot rationiert, später dann auch Milch, Fett, Eier und andere Nahrungsmittel. Im Zweiten Weltkrieg wurden in Deutschland am 28. August 1939, zwei Tage vor Kriegsbeginn, Lebensmittelmarken ausgegeben. Wenig später folgte die Reichskleidermarke. Die Marken stellten keine Garantie dar. Anstehen und Glück waren angesagt.

Nach dem Krieg gaben die Alliierten Besatzungsmächte ab Mai 1945 in ihren jeweiligen Sektoren neue Lebensmittelkarten aus. Entsprechend der Schwere der Arbeit waren sie in Verbrauchergruppen (Kategorien) von I bis V eingestuft. Es gab Rationen für Brot, Fleisch, Fett, Zucker, Kartoffeln, Salz, Bohnenkaffee, Kaffee-Ersatz und echtem Tee.

Durch öffentliche Aushänge wurden an den Wochenenden die für die jeweils nächste Woche käuflichen Waren "aufgerufen". Schwerkranke bekamen auf ärztliche Anweisung eine "Schwerarbeiterzulage", die eigentlich nur körperlich schwer arbeitenden Menschen zustand.

Man erhielt rationierte Lebensmittel in den Geschäften und Gaststätten nur, wenn man die entsprechenden Lebensmittelkartenabschnitte, die Marken, abgeben konnte (und zusätzlich die vom Händler geforderte Summe bezahlte).

Oft wurde mit Lebensmittelmarken auf dem Schwarzmarkt Tauschhandel betrieben. Gaststätten gaben auf der Speisekarte an, wie viel Marken welcher Art für das jeweilige Gericht vom Gast abzugeben waren.

Im Jahre 1950 wurden die Lebensmittelmarken in der Bundesrepublik und acht Jahre später dann auch in der DDR abgeschafft.

Stichwort Kreisarchiv MOL:

Mit der Großkreisbildung wurden alle drei Archive der einst eigenständigen Kreise Bad Freienwalde, Strausberg und Seelow zusammengelegt. Es beginnt mit dem Jahr 1952, dem Jahr der großen Gebietsreform nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die einzelnen Abteilungen der Kreisverwaltung bündeln seit jeher - und das bis heute - ihre Unterlagen. Sie wandern in ein Zwischenarchiv. Nach zehn Jahren wird entschieden, was aufgehoben wird. Ins Endarchiv kommen vor allem Bauunterlagen. Aus den alten Kreisarchiven wurden zudem diverse Akten eingelagert, von Listen der Meldeämter (bis zur Wende waren die beim Kreis angesiedelt) über Patientendateien aus den Polikliniken, Lohn- und Gehaltslisten, Daten aus der Landwirtschaft, der Bodenreform und vieles mehr. Die Nutzung steht jedem offen.

----------

Kreisarchiv, Puschkinplatz 12, 15306 Seelow, Telefon: 03346 850-339/ -539

l In Deutschland wurde im Ersten Weltkrieg Anfang 1915 zunächst Brot rationiert, später dann auch Milch, Fett, Eier und andere Nahrungsmittel. Im Zweiten Weltkrieg wurden in Deutschland am 28. August 1939, zwei Tage vor Kriegsbeginn, Lebensmittelmarken ausgegeben. Wenig später folgte die Reichskleidermarke. Die Marken stellten keine Garantie dar. Anstehen und Glück waren angesagt.

l Nach dem Krieg gaben die Alliierten Besatzungsmächte ab Mai 1945 in ihren jeweiligen Sektoren neue Lebensmittelkarten aus. Entsprechend der Schwere der Arbeit waren sie in Verbrauchergruppen (Kategorien) von I bis V eingestuft. Es gab Rationen für Brot, Fleisch, Fett, Zucker, Kartoffeln, Salz, Bohnenkaffee, Kaffee-Ersatz und echtem Tee.

l Durch öffentliche Aushänge wurden an den Wochenenden die für die jeweils nächste Woche käuflichen Waren "aufgerufen". Schwerkranke bekamen auf ärztliche Anweisung eine "Schwerarbeiterzulage", die eigentlich nur körperlich schwer arbeitenden Menschen zustand.

l Man erhielt rationierte Lebensmittel in den Geschäften und Gaststätten nur, wenn man die entsprechenden Lebensmittelkartenabschnitte, die Marken, abgeben konnte (und zusätzlich die vom Händler geforderte Summe bezahlte).

l Oft wurde mit Lebensmittelmarken auf dem Schwarzmarkt Tauschhandel betrieben. Gaststätten gaben auf der Speisekarte an, wie viel Marken welcher Art für das jeweilige Gericht vom Gast abzugeben waren.

l Im Jahre 1950 wurden die Lebensmittelmarken in der Bundesrepublik und acht Jahre später dann auch in der DDR abgeschafft.

Mit der Großkreisbildung wurden alle drei Archive der einst eigenständigen Kreise Bad Freienwalde, Strausberg und Seelow zusammengelegt. Es beginnt mit dem Jahr 1952, dem Jahr der großen Gebietsreform nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die einzelnen Abteilungen der Kreisverwaltung bündeln seit jeher - und das bis heute - ihre Unterlagen. Sie wandern in ein Zwischenarchiv. Nach zehn Jahren wird entschieden, was aufgehoben wird. Ins Endarchiv kommen vor allem Bauunterlagen. Aus den alten Kreisarchiven wurden zudem diverse Akten eingelagert, von Listen der Meldeämter (bis zur Wende waren die beim Kreis angesiedelt) über Patientendateien aus den Polikliniken, Lohn- und Gehaltslisten, Daten aus der Landwirtschaft, der Bodenreform und vieles mehr. Die Nutzung steht jedem offen.

----------

Kreisarchiv, Puschkinplatz 12, 15306 Seelow, Telefon: 03346 850-339/ -539

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2018 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG