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Die erste Gans seit 20 Jahren

Volker Thieß vom Rotary Club hilft beim Servieren der 90 Gänsekeulen im Haus am Finowkanal.
Volker Thieß vom Rotary Club hilft beim Servieren der 90 Gänsekeulen im Haus am Finowkanal. © Foto: MOZ/Thomas Burckhardt
Anna Fastabend / 22.12.2015, 08:00 Uhr
Eberswalde (MOZ) 90 Gänsekeulen, 250 Klöße und 50 Kilogramm Rotkohl - damit verköstigt das Restaurant Haus am Finowkanal 90 bedürftige Bürger. Die Stammgäste der Eberswalder Tafel dürfen sich am Montagmittag über ein köstliches Weihnachtsmahl in festlicher Umgebung freuen.

"Ich habe 250 Klöße gedreht", berichtet Olga Otto, Inhaberin des Restaurants und Chefköchin des Hauses am Finowkanal. Seit zwei Tagen sind sie, ihr zweiköpfiges Küchenteam und ein weiterer Koch im Einsatz, um das große Gänseessen für bedürftige Eberswalder vorzubereiten. Eine halbe Stunde vor Beginn ist fast alles geschafft. Die Gänsekeulen, die nach einem Hausrezept zubereitet werden, brutzeln bei 170 Grad im Ofen noch ein wenig vor sich hin. Auf dem Herd stehen vier große Töpfe voll mit Bratensauce. Um die Sauce herzustellen, hat Olga Otto Gänseteile, Möhren, Sellerie, Lauch, Knoblauch und Zwiebeln angebraten, mit Wasser abgelöscht und aufgekocht. Daraus ist ein schmackhafter Fond entstanden, den sie mit Thymian, Nelken und Zimt abgeschmeckt hat. Ein weihnachtlicher Duft erfüllt den Raum.

Vorn im Restaurant wird das Serviceteam aufs Servieren eingeschworen. Die Mitarbeiter, die am Montag normalerweise frei haben, lassen ihren Ruhetag extra für das Gänseessen ausfallen. Kurz bevor es losgeht, muss der Ablauf noch einmal abgesprochen werden. Denn es ist gar nicht so einfach, 90 Gänsekeulen warm auf den Tisch zu bekommen. Um die Aufgabe zu meistern, wird das Serviceteam vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) unterstützt. Auch Sophie-Charlotte Prasse (17) und Till Hoffmann (18) vom DRK tragen am Montagmittag ausnahmsweise mal Teller an den Tisch.

Doch nicht nur mit Aushilfskellnern unterstützt das DRK das große Weihnachtsessen. Der Wohlfahrtsverband hat außerdem rund 500 Schokoweihnachtsmänner mitgebracht. Einen Teil davon haben Schüler des Alexander-von-Humboldt-Gymnasiums gesammelt. Insgesamt sind mehr als 1000 Weihnachtsmänner von Unternehmen und Privatpersonen gespendet worden. Diese werden später von Herma Schulz vom Verein Brot & Hoffnung, dem Träger der Eberswalder Tafel, an die rund 1000 dort registrierten Kinder verteilt.

Auf die Idee, ein Festessen für Bedürftige zu organisieren, kam das Gastronomen-Ehepaar durch eine andere Hilfsaktion. Als die Ottos von der städtischen Förderung für geflüchtete Menschen "Eberswalde handelt" hörten, wollten auch sie etwas Gutes tun, berichtet Michael Otto. Dabei wollten sie sich jedoch für Eberswalder einsetzen, die seit Langem auf die Tafel oder die Suppenküche angewiesen sind. "Viele von ihnen haben momentan das Gefühl, vergessen zu werden", sei ihm zu Ohren gekommen, berichtet Michael Otto.

Den Vorwurf, mit der Hilfsaktion Wahlkampf betreiben zu wollen, der aus anderen Fraktionen kam, weist er weit von sich. "Wir wollen etwas für die Menschen tun. Das ist alles", sagt er. Da spiele es keine Rolle, dass er Mitglied des CDU-Stadtverbandes ist, so Otto. "Wir wollen den Menschen das Gefühl geben, nicht allein gelassen zu werden", erklärt Jens Koeppen, CDU-Bundestagsabgeordneter und Schirmherr der Veranstaltung, das Engagement.

Gastronom Otto berichtet, dass er und seine Frau erst Mitte November für das große Gänseessen zu sammeln begonnen haben. Wie groß die Welle der Unterstützung war, daran hätten die Ottos im Traum nicht gedacht. Recke Fleischwaren-Spezialitäten aus Berlin übernahm 80 Prozent der Kosten für die Gänsekeulen. Viele regionale Unternehmen wie die RCP Betriebsführungs GmbH aus der Schorfheide, die Fahrgastschifffahrt Neumann und das Ingenieurbüro Dieme, zudem der Rotary Club sowie zahlreiche Privatpersonen spendeten Geld. Der Großhändler Metro aus Prenzlau spendierte im vierstelligen Bereich Kochutensilien für die Suppenküche wie Kaffeemaschine und Messer. Das griechische Restaurant Kreta half unter anderem mit Tellern und Besteck für das Essen aus.

Auch Schlagersänger Frank Zander, der jedes Jahr zu Weihnachten Tausende Obdachlose in Berlin mit Gänsebraten versorgt, unterstützt das Eberswalder Pendant mit CDs und Autogrammkarten. Der Erlös geht nach einer Versteigerung ebenfalls an den Verein Brot & Hoffnung. Im nächsten Jahr wollen die Ottos mit Unterstützung mehr als 90 Leute verköstigen.

Das Essen kommt gut an. "Hier ist alles so fein gemacht", freut sich ein Gast. "Meine letzte Gänsekeule habe ich vor über 20 Jahren gegessen."

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