Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Bahnwerker Dirk Turowski bangt um seinen Job in Eberswalde

Ein Fest mit Zukunftsangst

Unzertrennlich: Enkelin Sophie-Nicole und Opa Dirk Turowski. Er möchte Eberswalde nicht verlassen.
Unzertrennlich: Enkelin Sophie-Nicole und Opa Dirk Turowski. Er möchte Eberswalde nicht verlassen. © Foto: MOZ/Thomas Burckhardt
Anna Fastabend / 23.12.2015, 20:45 Uhr
Eberswalde (MOZ) Manchmal müssen Erwachsene eine Entscheidung treffen, die ihnen fast das Herz zerreißt. Eine Entscheidung, die ein dreijähriges Mädchen wie Sophie-Nicole erst später verstehen wird. Wenn sie selbst groß ist und eine Familie zu versorgen hat. Noch hoffen alle, dass Opa nicht gehen muss.

Er ist ihr Ein und Alles: Opa Dirk, 46 Jahre, mit freundlichen blauen Augen und einem Lächeln für jedermann. Wenn Sophie-Nicole ihren Opa besucht, weicht sie ihm nicht von der Seite. Sobald er auf dem Sofa sitzt, klettert sie auf seinen Schoß. Erzählt ihm von ihren Abenteuern oder lauscht seinen Geschichten. Oft spielen Großvater und Enkelin ein Spiel zusammen - am liebsten Affenalarm oder Vier Gewinnt.

Seit Längerem schon kann Dirk Turowski die Zeit mit seiner Enkelin nicht mehr so unbeschwert genießen wie früher. Genauer gesagt seit Oktober 2014. Denn da gab die Deutsche Bahn den Schließungsbeschluss für das Bahnwerk bekannt. Und damit zerplatzte bei Hunderten Beschäftigten der Traum von einer sicheren Zukunft für sich und ihre Familien in Eberswalde.

Auf dem Wohnzimmertisch steht ein Adventsgesteck. Ein Tannenzweig, auf dem eine Holz-Lokomotive steht. Das Gesteck hat Dirk Turowski in den besseren Zeiten gekauft. Als er sich verbunden fühlte mit dem Bahnwerk - und über den 135 Jahre alten Betrieb auch mit der Deutschen Bahn. Dieses Jahr hat er lange überlegt, ob er das Gesteck überhaupt aufstellen soll.

Dirk Turowski ist einer, der vor der Deutschen Bahn da war. Da ist es um so härter, wenn der Konzern ihm nun sein Leben diktiert. Der 46-Jährige lernte auf dem Gelände Betriebsschlosser, als es noch Reichsbahn Ausbesserungswerk 8. Mai hieß. Als die Deutsche Bahn das Werk nach der Wende übernahm, blieb er. Bis heute sind es rund 30 Jahre, die er als Betriebsschlosser im Bahnwerk gearbeitet hat. Heute in der Abteilung, die Zugeinrichtungen und Puffer repariert. Dort ist er Gruppenführer. "Ich bin da Mutti, Psychologe und Pädagoge in einem", sagt Turowski. Er kümmert sich nicht nur um Organisatorisches, sondern hat immer ein offenes Ohr für seine Kollegen.

"Wir haben alle große Zukunftsängste", sagt er. Niemand wisse, wie es weitergeht. Wer konnte, hat sich längst andersweitig umgeschaut. Ist beispielsweise zu der DB-Tochter, S-Bahn, nach Berlin gegangen. Ein Job in Berlin - darauf hoffen viele. Schließlich wäre die Strecke gut pendelbar.

Andere wird es schlechter treffen. Macht die Instandhaltung in Eberswalde dicht, kann der neue Job in der Ferne liegen. Das hieße für Dirk Turowski unter der Woche weit weg zu leben. In Paderborn vielleicht. Denn dort soll seine Abteilung - so munkelt man - bald angesiedelt sein.

Wie viel wiegt Sicherheit? Das Gute an der Deutschen Bahn: "Sie setzt niemanden auf die Straße", sagt der gelernte Betriebsschlosser. Das Bittere: "Keiner gibt mir die Garantie, dass ich später nicht Toiletten putzen muss." Dennoch würde er einen solchen Job vielleicht sogar in Kauf nehmen. Eventuell lieber, als bei einem der potenziellen Investoren zu bleiben. Denn: "Was wäre, wenn der Investor sich auf dem Markt nicht behaupten kann und den Laden nach drei Jahren dicht machen muss?", fragen sich viele Bahnwerker, sagt Turowski.

Denn, es gilt eine Familie zu versorgen. Die Zähne zusammenzubeißen und erwachsen zu sein. Auch dieses ungewisse Weihnachten muss wieder ein Baum geschmückt werden, unter dem die Geschenke liegen können- für Sophie-Nicole und den Rest der Familie.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG