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Ex-Bildungsministerin Birthler las in Lobetal

Bei Kerzenschein: In ihrem Buch beschreibt Marianne Birthler den Alltag in der DDR bis zu deren Untergang, aber auch den Neuanfang in einem vereinten Deutschland.
Bei Kerzenschein: In ihrem Buch beschreibt Marianne Birthler den Alltag in der DDR bis zu deren Untergang, aber auch den Neuanfang in einem vereinten Deutschland. © Foto: Rudi Meitner
Sabine Rakitin / 25.12.2015, 06:51 Uhr
Danewitz (MOZ) Eine neue Veranstaltungsreihe ist aus der Taufe gehoben. Die hergerichtete "Alte Schmiede" in Danewitz eignet sich besonders für Gespräche und Lesungen in kleinem Rahmen. Den Anfang machte eine Frau, deren Namen wohl jeder kennt. Marianne Birthler las aus ihrem Erinnerungsbuch "Halbes Land Ganzes Land Ganzes Leben"

Es gibt ein Foto, das zeigt Marianne Birthler, Matthias Platzeck und Günter Nooke Rücken an Rücken. Sie lächeln selbstbewusst in die Kamera über ihren Köpfen. Das Foto wurde 1990 aufgenommen. Es zeigt die drei Spitzenkandidaten von Bündnis 90 zur Landtagswahl am 14. Oktober in Brandenburg. Vier Wochen später werden die drei DDR-Bürgerrechtler der ersten Landesregierung angehören - in Koalition mit SPD und FDP. Marianne Birthler, damals 42 Jahre alt, wird Brandenburgs erste Ministerin für Bildung, Jugend und Sport. Sie hat keine Ahnung, wie man ein Bildungsministerium aufbaut. "Ich hatte noch nie eines von innen gesehen. Was zum Beispiel waren Referate? Und wofür brauchte man einen Staatssekretär?" schreibt sie fast 25 Jahre später in ihren Erinnerungen. Am Abend des 22. Novembers 1990, nach der Vereidigung, malte sie mit der Hand ein Schild mit der Aufschrift "Ministerium für Bildung, Jugend und Sport", suchte sich zwei freie, ineinander übergehende Räume im Landtag, befestigte das Schild an einer Tür und legte los.

"Ich wollte anstelle von DDR-Kommandopädagogik und Gleichmacherei Schulen, in denen Kinder wertgeschätzt und zu Selbstverantwortung und Solidarität ermutigt werden. Ich wollte Schulen, in denen die Individualität der Kinder respektiert wurde und in denen niemand Angst hatte. Einen Unterricht, der die Lust am Lernen, Wissen und Können weckte, und Lehrerinnen und Lehrer, die statt ideologischer Schwarzweißmalerei Meinungsvielfalt und Werte fördern... Und nicht zuletzt Schulstrukturen, die jedem Kind eine Chance boten", schreibt sie später in ihrem Buch "Halbes Land Ganzes Land Ganzes Leben". Sie ahnt damals schon, dass nicht alle dieser Visionen umzusetzen sein werden. Aber sie versucht es.

Marianne Birthler, heute 67 Jahre alt, hat ein geradliniges Leben geführt. Als junge Frau in der DDR gehörte sie zu den wenigen Menschen, die sich der Diktatur entgegenstellen. Anfangs eher, weil sie ein freies, selbstbestimmtes Leben führen will. Später aus der tiefsten Überzeugung heraus, dass dieses gesellschaftliche System aus Bevormundung und Überwachung geändert werden muss. In ihrem Buch beschreibt sie den Alltag in der DDR bis zu deren Niedergang, den Neuanfang in einem vereinten Deutschland und ihr Leben in beiden. Im Gegensatz zu manchen anderen biografisch angehauchten Werken gibt Marianne Birthler in ihrem viel von sich preis. Sie scheut sich nicht, Fehler einzugestehen - im Privaten ebenso wie in der Politik. Sie tut es charmant, amüsant - und immer tiefgründig. Begebenheiten, etwa als die Bundesbeauftragte für die Unterlagen der Staatssicherheit der DDR 2001 von Bundeskanzler Gerhard Schröder "einbestellt" wird (Innenminister Otto Schilly will, dass Kohls Stasi-Akten unter Verschluss bleiben, Birthler vertritt die Offenlage), lassen ahnen: Eigentlich ist diese Welt nicht unbedingt das, was sie braucht und will. Dennoch beißt sie sich durch - in einer Mischung aus Trotz, Ehrgeiz und der Erkenntnis: "Es ist toll, Macht zu haben!" Auch daraus macht die 67-Jährige keinen Hehl - und das wiederum ist doch sehr sympathisch.

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