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Ein Herz für Esperanto

Bilddokument vom 24.Juni 1993: Fritz Wollenberg interviewte vor mehr als 22Jahren Ludwig Schödl in dessen Wohnung an der Neuruppiner Rosa-Luxemburg-Straße. Das Gespräch kann im Internet abgerufen werden.
Bilddokument vom 24.Juni 1993: Fritz Wollenberg interviewte vor mehr als 22Jahren Ludwig Schödl in dessen Wohnung an der Neuruppiner Rosa-Luxemburg-Straße. Das Gespräch kann im Internet abgerufen werden. © Foto: MZV/Kluge
Christian Schönberg / 29.12.2015, 20:24 Uhr
Neuruppin (MZV) Es gibt verdienstvolle Deutsche, die haben keinerlei biografischen Eintrag in der deutschsprachigen Version des Internet-Lexikons Wikipedia - dafür aber einen in der englischsprachigen Variante. Ludwig Schödl(1909 bis1997) gehört zu diesen Persönlichkeiten.

Dass der Neuruppiner eher internationale Bekanntheit erlangte, lag vor allem an einem Buch: "Wir lernen Esperanto sprechen" heißt es und ist in so exotische Sprachen wie zum Beispiel Hocharabisch übersetzt worden und Standard-Lehrbuch in der Sowjetunion gewesen. Bei Esperanto handelt es sich um eine sogenannte Welthilfssprache. Es ist ein künstlich entwickeltes, aber sehr einfach strukturiertes und damit leicht erlernbares Idiom, das helfen sollte, Grenzen zu überwinden und Völker zu verbinden. Schödl schuf einen allseits anerkannten Leitfaden, wie diese Kunst-Sprache an Schüler einfach, rasch und wirkungsvoll vermittelt werden kann.

Das Spannende daran: Dass er das Buch schreiben konnte und es überhaupt gedruckt wurde, war nicht selbstverständlich. Denn den DDR-Oberen war die Esperanto-Bewegung suspekt. Die Kunstsprache war bis zum Anfang der 1960er Jahre praktisch verboten. Schödl hatte zwar selbst 1945 bei seiner ersten Schulamtsanwärter-Stelle an der Grundschule in Großzerlang die Sprache gar als normales Unterrichtsfach zu etablieren versucht. Doch Schulamt und Volksbildungsministerium machten ihm bald einen Strich durch die Rechnung - auch nachdem er 1951 Leiter der Neuruppiner Schule des Friedens wurde.

Im Gegenteil: Weil er nicht nachgab und mit Eingaben und Zeitungsartikel für das Erlernen der Welthilfssprache weiter warb, klopften irgendwann Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit an seine Tür. Sie wollten ihm diese Flausen austreiben. Schödl blieb unbeirrt: Er erzählte ihnen, dass sie ihn doch festnehmen sollten, wenn es ihnen nicht passt. So weit wollten die Stasi-Leute dann aber doch nicht gehen. Vielleicht war ihnen die Esperanto-Bewegung trotz ihres geheimbündlerisch wirkenden Sprachverkehrs dann doch nicht wichtig genug. Vor allem hatten sie es aber mit einem alten Kämpfer zu tun, der sich der Sache des Kommunismus von jung auf verschrieben hatte.

Schon als Wandergeselle war der in Berlin geboren Schödl der KPD treu. Er war in den scheren Zeiten der Weimarer Republik arbeitslos und ging als 18-Jähriger auf die Walz, wie es damals hieß. Zwei Genossen begleiteten ihn. Die Wanderschaft führte ihn durch die romanischsprachigen Länder Frankreich, Katalonien und Spanien. Auch Esperanto fußt im Wortschatz zu großen Teilen auf Latein.

Während die Begleiter lange ausschliefen, war Schödl schon morgens um sechs wach und blätterte in einem Buch: Es war ein Wörterbuch des Esperanto. Er habe Lektüre mitgenommen, "mit der man längere Zeit zu tun hat", wird er später sagen. In Valencia traf er dann plötzlich einen, der ebenfalls dieses Idiom gelernt hatte. Von da an ließ ihn die Faszination für die Sprache nicht mehr los.

Die Welthilfssprache war damals noch kein rotes Tuch für die Arbeiterbewegung - im Gegenteil. Der Kommunismus verstand sich international. Und was passt besser dazu, als eine Kunstsprache, die Völker aller Länder verbinden soll?

Schödl wurde einer der engagiertesten Esperantisten der Berliner Arbeiterbewegung. Er wurde 1931 sogar zum Zentrum der Gruppe, als er eine Versammlung einberief, die helfen sollte, die Organisationsstrukturen zu straffen und vor allem Kurse zu organisieren. Schließlich kann nur Spracherwerb selbst die Bewegung aufrecht erhalten, war seine Überzeugung. Zudem hielt Schödl über Korrespondenz Kontakte nach China, war Teilnehmer internationaler Esperanto-Konferenzen und schrieb über die Sprache eifrig Artikel, so für die "Rote Fahne".

Als Adolf Hitler (NSDAP) Reichskanzler wurde und der Demokratie mit Ermächtigungsgesetzen den Garaus machte, ging auch die Arbeiter-Esperanto-Bewegung in die Illegalität. Es gab weiterhin konspirative Treffen. Auch die Schulungen wurden im Geheimen weiter betrieben. Da wurden auch keine Mühen gescheut und statt der Post das Fahrrad benutzt, um Korrespondenz zum Beispiel nach Leipzig zu bringen. Es wurde mit Tarnschriften experimentiert.

Doch die Schlinge zog sich immer enger zur. Schödl versuchte ihr zu entgehen, in dem er wieder nach Frankreich ging. Als das Land von der Wehrmacht überrollt und besetzt wurde, plante er, sich der Partisanenbewegung anzuschließen. Doch in Paris schnappte ihn die Gestapo. Ein Jahr lang ließen sie ihn in einer Zelle schmoren - ohne Anklage. Weil sie aber offenbar nichts gegen ihn in der Hand hatten, kam er Weihnachten 1941 auf freien Fuß.

1945 brach dann die neue Zeit an, die auch für Schödl nur zum Teil eine befreiende war. Das Quasi-Verbot des Esperanto belastete seine in der Jugend gewonnene Leidenschaft. Schödl nutzte aber jede Nische, um das Esperanto nicht aufzugeben. So wurde er Mitglied des nach 1945 gebildeten Internationalen Friedensrates. Solche Gruppierungen gab es weltweit und Schödl nutzte seine alten Esperanto-Kontakte, um zum Beispiel nach China und Japan im Sinne des Friedensrates Netzwerke zu bilden. So gelang es ihm, zum Beispiel Ausstellungen mit gezeichneten Friedensbekundungen von japanischen Schülern zu organisieren. Sie erregten Aufmerksamkeit und Anerkennung seitens der Schulräte und Vertreter des Volksbildungsministeriums.

Kontakte zu Esperantisten im anderen sozialistischen Ausland aufrecht zu erhalten, gelang aber nur unter einem Deckmantel:, für die deutsche Friedensbewegung ging es nach Sofia oder Warschau auf Reisen. Das Politbüro-Mitglied Paul Wandel sagte Schödl einmal offen, dass er die Esperantisten für eine konspirative Bewegung hält. Der Neuruppiner saß einmal sogar im Vorzimmer von Walter Ulbricht und wurde abgefertigt: Einem Austausch von Argumenten folgte ein "Naja, ich weiß auch nicht, was Walter dagegen hat" des Genossen, der Ulbrichts Vorzimmer hütete.

Schödl selbst vermutete später, dass Ulbrichts Abneigung gegen die Esperantisten gar nicht gegen eine Kunstsprache an sich ging. Der gebürtige Leipziger hat aber offenbar gute Kontakte zu Idisten gehabt. Ido war eine andere Welthilfsprache. Ob Ulbricht die Esperantisten ausbooten wollte, um das Ido allein aufs Schild zu heben, erfuhr Schödl nie direkt.

Besondere Bitterkeit aber lösten Meinungen von Linguisten aus, die generell den Hilfssprachen wie Esperanto einen Sinn absprachen. Ein Professor von der Universität Halle/Saale schrieb 1964 einen Zeitungsbeitrag, der für Schödl "provozierend" war, wie er sich später erinnerte. Der Neuruppiner verfasste eine Gegenrede, griff auch den Linguisten an, oder wie Schödl selbst später sagte: "Ich belegte die Dummheit des Professors."

Schödl machte sich kein Illusionen und erwartete ein Parteiverfahren. Doch es kam anders. Ganz anders. Die Schrift schlug ein wie eine Bombe. Redaktion und Parteiführung zeigten sich verunsichert. Der verdiente Antifaschist ließ sich auch von höchst intellektueller Seite nicht klein kriegen. Der Kleinkrieg gegen die Esperantisten wurde beendet. Wenige Wochen nach dem Leserbrief wurde Ludwig Schödl darüber informiert, dass ihm mitnichten ein Parteiverfahren droht. Stattdessen wurden ihm und allen anderen Esperantisten der Kulturbund der DDR als Heimat angeboten. Die Welthilfssprache war damit im Arbeiter- und Bauernstaat offiziell anerkannt.

Anders als Schödl befürchtete, zeigten auch die Verantwortlichen vom Kulturbund ein offenes Ohr für die Esperantisten. Beeindruckt hat die Verantwortlichen vor allem, dass bei der ersten einberufenen Versammlung ausnahmslos alle kamen, die auch eine Einladung erhalten hatten - offenbar ein Novum im Kulturbund. Aus dieser Versammlung heraus wurde der zentrale Arbeitskreis Esperanto gebildet. Schödl wurde stellvertretender Vorsitzender - und machte sich buchstäblich ans Werk: Ein Lehrbuch musste her.

Anfangs wollte der Neuruppiner gar nicht selbst das Buch verfassen. Es wurden diverse Experten angeschrieben, die das neue Lehrbuch schreiben sollten. Nur ein Autor schickte ein ausgearbeitetes Manuskript. Schödl fand es mit seiner jahrzehntelangen didaktischen Erfahrung aber, wie er es formulierte, "schlecht geschrieben". Er machte sich selbst ans Werk.

Der Entwurf zu seinem bald weit verbreiteten Buch entstand bei einem zweiwöchigen Krankenhaus-Aufenthalt. Die Einbindung der Esperantisten in den Kulturbund der DDR sorgte dafür, dass Geld und ein Verlag da war, um das Buch zu drucken. Die erste Auflage von 1967 mit immerhin 10000Stück war aber bald vergriffen. 2000Exemplare wurden nachgedruckt. Übersetzt wurde es im Übrigen nicht nur in andere lebende Sprachen. Auch in der von Braille entwickelten Blinden-Schrift ist es später erschienen.

Als 1993 der Esperantist Fritz Wollenberg Ludwig Schödl interviewte, schloss der damals 83-Jährige mit den Worten: "Ich glaube, meine Bemühungen haben gezeigt, dass trotz aller Widerstände man weiter machen kann und weiter machen muss."

Das komplette Interview von Fritz Wollenberg mit Ludwig Schödl vom 23. Juni 1993 ist im Internet-Videoportal www.youtube.com zu sehen. Schödl berichtet dort in insgesamt 14 rund zehnminütigen Beiträgen ausführlich und anekdotenreich vor allem über den Esperantismus in Berlin von den späten 20er-Jahren bis in die 60er-Jahre.

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