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Muharrem Batman sammelt Elektroschrott / Was er nicht reparieren kann, verwandelt er in Kunst

Aus Liebe zu alten Geräten

Muharrem Batman sammelt Elektroschrott
Muharrem Batman sammelt Elektroschrott © Foto: MOZ
Maria Neuendorff / 05.01.2016, 20:39 Uhr
Berlin (MOZ) Ob alte Handys, Kassettenrekorder oder Fotoapparate - nicht einfach wegwerfen, lautet die Bitte von Muharrem Batman. In seinem Neuköllner Laden erweckt er alte Geräte zum Leben. Und was wirklich unwiederbringlich futsch ist, wird zu Kunst.

Menschen hasten über die Neuköllner Herrmannstraße, vorbei an Billigshops mit Einheitsware. Vor dem Computerladen von Muharrem Batman halten viele plötzlich inne. Im Schaufenster drehen sich Puppen mit futuristischen Kleidern aus bunten quadratischen Leiterplatten. Kleine goldene, rote und grün funkelnde Mosaike wurden in monatelanger Arbeit wie ein Puzzle zu einem Kunstwerk zusammengesetzt.

Die Puppenköpfe haben Frisuren aus bunten Kabeln, Spulen, Lämpchen, Dioden und Schaltkreisen, in ihren Augen funkeln Glimmlampen. Im Gehirn rotieren Zahlen in Nixie-Röhren aus den 1950er-Jahren. "Digitale Demenz" hat Muharrem Batman eine seiner Kunstfiguren genannt. "Eine Krankheit, die bald die Menschheit ereilen wird, wenn die Jugend mit nichts anderem mehr hantiert als dem Smartphone", meint der Deutsch-Türke, während er gerade das Netzteil im Computer eines Kunden auswechselt.

Als das Internet vor 20 Jahren noch in den Kinderschuhen steckte, spezialisierte sich der Spross einer Istanbuler Uhrmachermacherfamilie schon auf Computerteile. Mit einem Trödelstand im Treptower Hallenflohmarkt fing er an und war damals seiner Zeit voraus.

Nun, da sich Computer- und Handy-Läden im Neuköllner Kiez an fast jeder Ecke Konkurrenz machen, ist sein Laden erneut etwas Besonderes. Denn in ihm kann man eine Zeitreise durch die Elektronik-Geschichte machen. In langen Regalen reihen sich Adler Schreib- und Singer Nähmaschinen. Radios aus den 30er-Jahren sind zu bewundern. Ein alter Münzfernsprecher ziert die Wand. Ein kleiner Roboter mit Kassettenfach erinnert an R2-D2 aus den frühen Star Wars Filmen.

Zu Batmans Lieblingsteilen gehören unter anderem Commodore Computer mit massiven beigen Gehäusen. "Die sehen wenigsten noch nach etwas aus", sagt der Deutsch-Türke, der die heutigen Einheitsbildschirme gerne mit Schrottkunst umrahmt, um ihnen wieder ein Gesicht zu geben.

Wenn er Kita- oder Schülergruppen durch seinen Laden führt, um Aufklärung zum Thema Recycling zu betreiben, stellt er gerne das Grammophon an. "Was glauben Sie, wie die gucken. Und wenn ich sie mit meiner alten Polaroid fotografiere, wischen die Kleinen über den Abzug, als wäre es ein I-Pad", berichtet der 50-Jährige.

Doch die alten analogen Geräte, die viele aus dem Kiez bei ihm kostenlos abgeben und die er wieder auf Vordermann bringt, sind nicht nur Dekoration. "Gerade ältere Verstärker oder Walkmans liegen wieder im Trend", hat Batman festgestellt. Menschen, die sich wirklich für Klang interessieren, empfänden die digitale Musik ohne Hintergrund-Geräusche als "tote Musik", beschreibt es der Tüftler.

Er will die alten analogen Geräte vor der sinnlosen Verschrottung retten, die sie selbst im Recyclinghof erfahren und sie stattdessen wieder in den Kreislauf einführen. Dass er sie überhaupt noch reparieren kann, ist seinem lebenslangen Interesse an Elektroschrott zu verdanken, das bis in die Kindheit zurückreicht.

Bei Muharrem Batman hört die Elektronik-Innovation aber schon Ende der 1990er-Jahre auf. "Seitdem wird nicht mehr auf Qualität und Langlebigkeit Wert gelegt, sondern quasi Einweg-Ware produziert, die nach Ablauf der Garantie abschaltet", sagt der Elektronik-Experte. Zu Hause schwört er auf seine 30 Jahre alte Miele-Waschmaschine.

Doch auch gegen das vorprogrammierte Computer-Sterben hat Batman seine ganz eigene Methode entwickelt. Statt mit Pinsel und Staubsauger, befreit er die Geräte seiner Kunden mit einem alten medizinischen Druckluft-Kompressor vom gefährlichen Staub, der zum Hitzetod führen kann. "Damit habe ich schon vielen Laptops das Leben gerettet."

Batman Elektronik, Hermannstraße 47, www.elektroschrottkunst.de, Tel: (030) 695 19 101

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