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Ärzte am Limit

Provisorische Sprechstunde: Allgemeinmediziner Hiwa Dashti behandelt eine Patientin. Die Ausstattung des kleinen Raums wurde vom Klinikum Barnim gespendet. Vor dem Behandlungszimmer warten viele Menschen, die ebenfalls einen Arzt benötigen.
Provisorische Sprechstunde: Allgemeinmediziner Hiwa Dashti behandelt eine Patientin. Die Ausstattung des kleinen Raums wurde vom Klinikum Barnim gespendet. Vor dem Behandlungszimmer warten viele Menschen, die ebenfalls einen Arzt benötigen. © Foto: Sören Tetzlaff
Anna Fastabend / 07.01.2016, 19:58 Uhr
Eberswalde (MOZ) Der Hausarztmangel hat sich dramatisch verschärft. Weniger Ärzte und mehr Patienten. Das bekommen Eberswalder und Flüchtlinge zu spüren. Besonders die 182 Bewohner der Notunterkünfte. Niemand behandelt sie. Außer Dr. Hiwa Dashti - in seiner Freizeit. Es muss etwas passieren.

Hiwa Dashti, Allgemeinmediziner in Eberswalde, tut alles, was in seiner Macht steht. Doch langsam neigen sich seine Kräfte und die seiner Arzthelferinnen gen Ende. Seit Monaten befindet sich seine Hausarztpraxis im absoluten Ausnahmezustand. Das Telefon steht nicht mehr still, minütlich flattern Terminanfragen ins elektronische Postfach, das Sprechzimmer ist bis zum Bersten gefüllt. Zu allem Überfluss verabschiedete sich Ende 2015 eine weitere Eberswalder Allgemeinmedizinerin in den Ruhestand. Einen Praxisnachfolger gibt es nicht. Damit stehen etliche weitere Eberswalder ohne Hausarzt dar. Hinzu kommen 830 Flüchtlinge (Stand Dezember 2015). Zwar gibt es laut der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB) mit etwas mehr als 48 Sitzen theoretisch genügend Hausärzte. Neuzulassungen seien möglich. Praktisch reichen die Ärzte aber hinten und vorne nicht, bestätigt Eberswaldes Pressesprecherin Nancy Kersten. Die Stadt habe die KVBB erneut auf den Notstand aufmerksam gemacht. Die Antwort stehe aus.

Wäre da nicht Dr. Dashti hätten die 182 Bewohner der Eberswalder Notunterkünfte überhaupt keine Chance auf einen Hausarzttermin, berichtet Unterkunftsleiter Mario Drechsler. Von Terminen bei Fachärzten ganz zu schweigen. Erschwerend für die Notunterkunftbewohner kommt hinzu, dass sie nur für kurze Zeit in der Einrichtung verbleiben, bis kreisweit etwas Besseres für sie gefunden wird. Ärzte betreuen Patienten aber lieber über einen längeren Zeitraum, vermutet Drechsler.

Ebenso wie seine niedergelassenen Kollegen hat auch Hausarzt Dashti eigentlich schon längst keine Kapazitäten mehr frei. Und er hat Verständnis für die Ärzte, die momentan keine neuen Patienten aufnehmen. "Wir arbeiten hier alle so viel wir können", betont er. Darüber hinaus opfert Dashti für die geflüchteten Frauen, Kinder und Männer einen Großteil seiner Freizeit. Eine großzügige Geste, die von niemandem verlangt werden kann. Denn laut der KVBB sind niedergelassene Ärzte nur in medizinischen Notfällen verpflichtet, zu behandeln. Um den Ärzte-Notstand ein wenig zu lindern, bietet Hiwa Dashti für die leichter erkrankten Notunterkunftbewohner in der Eisenbahnstraße regelmäßig Sprechstunden an. Schwerer Kranke behandelt er in seiner Praxis. "Ich bin Arzt geworden, weil ich Menschen helfen will", sagt Dashti. "Ich weise niemanden ab. Keinen Eberswalder, keinen Neuankömmling." Doch wenn nicht bald etwas geschieht, breche alles zusammen.

Dashti fordert von den verantwortlichen Stellen nun schnelles Handeln. "Wir brauchen ganz dringend Hilfe", sagt er. Und wendet sich damit an die Stadt Eberswalde und den Landkreis Barnim. Vor allem aber an den Kreis. Denn der ist gesetzlich verantwortlich für die ausreichende medizinische Versorgung der Asylbewerber in den ersten 15 Monaten ihres Aufenthalts. Das besagt das Asylbewerberleistungsgesetz. Einzig Potsdam-Mittelmark hat die KVBB als Organisator der Ärzteversorgung von Flüchtlingen zwischengeschaltet.

"Ein offizieller Plan ist mir bisher nicht bekannt. Alles beruht auf dem Ehrenamt", beklagt Hausarzt Dashti. Dabei müssten Stadt und Kreis nur mal zum Runden Tisch einladen. "Ich kenne niedergelassene Kollegen, die ebenfalls bereit wären, sich ehrenamtlich einzubringen", sagt er. Doch müssten solche außerplanmäßigen Sprechstunden von der Verwaltung organisiert werden, so der Mediziner. In anderen Kommunen klappe die medizinische Versorgung von Geflüchteten wesentlich besser, weiß er zu berichten. Und nennt als Beispiele Hamburg, Frankfurt (Oder) und Potsdam.

Der Kreis arbeite an einer Verbesserung der Situation, so Pressesprecher Oliver Köhler. Als Haupt-Teilhaber der Gesellschaft für Leben und Gesundheit (GLG) sei man momentan mit den Geschäftsführern im Gespräch. "Eine Entlastung der niedergelassenen Ärzte bei der Behandlung von Flüchtlingen ist in Kürze vorgesehen", verspricht die Verwaltung.

Dass es richtig eilt, zeigt auch das zusätzliche Engagement der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal, die lediglich der Betreiber der kreiseigenen Notunterkünfte ist. "Wir konnten aus unseren eigenen Reihen einen Mediziner gewinnen, der Dr. Dashti künftig unterstützen wird", berichtet Unterkunftsleiter Drechsler - bei der Versorgung von Menschen, die von einer oft qualvollen Flucht traumatisiert und gesundheitlich geschwächt sind.

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