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Mittendrin im Straßenkampf

Simon Rayß / 23.01.2016, 07:30 Uhr - Aktualisiert 29.01.2016, 17:35
Niederfinow (MOZ) Deutschland, Schweiz, Spanien, Griechenland - der in Niederfinow lebende Regisseur Moritz Springer ist jahrelang durch Europa gereist, um eine Doku über die Ausprägungen des Anarchismus' zu drehen. Nun kommt der bereits preisgekrönte Film "Projekt A" in die Kinos.

Ein brennender Mercedes. Eine Explosion. Der Anwohner, der gerade noch mit einem Eimer gelöscht hat, zuckt zurück.Dann kommt die Feuerwehr. Höhnischer Applaus aus der Menge, als sich die Einsatzkräfte mit dem Schlauch dem nahezu ausgebrannten Wrack nähern. Im Hintergrund eine neue Explosion: Der Wagen der Feuerwehr geht in Flammen auf. "Scheiße! Warum denn die Feuerwehr?", ruft der Anwohner.

Diese Szenen hat das Filmteam von "Projekt A" in Griechenland eingefangen. Genauer gesagt im Athener Viertel Exarchia, einem der widerständigsten Ecken des von der Eurokrise gebeutelten Landes. Sie kommen dem, was sich ein Normalbürger unter Anarchie vorstellt, wohl ziemlich nahe.

Szenenwechsel. Nur wenige Ecken weiter, im selben Viertel, verwandeln erklärte Anarchisten einen Parkplatz in einen Park, in dem sie Konzerte organisieren, Filme zeigen und Gemüse anbauen. In einem benachbarten Kulturzentrum haben die Aktivisten ein Café eingerichtet, einen Kindergarten und ein selbstverwaltetes Gesundheitszentrum. Dem Film zu Folge haben 25 Prozent der Griechen keinen Zugang mehr zur staatlichen Gesundheitsversorgung. In dem Kulturzentrum werden sie kostenlos versorgt.

Auch das ist Anarchismus. "Er strebt die Abschaffung aller Herrschaft an", heißt es in "Projekt A". Sein Ziel sei die Überwindung des Staates - eine freie Gesellschaft aus solidarischen Menschen, organisiert in kleinen, eigenständigen Einheiten, die wiederum derart vernetzt sind, dass sie alle Bedürfnisse der Menschen befriedigen können.

Eine Idee, für die Moritz Springer durchaus Sympathien hegt. "Auch wenn wir nicht alles gutheißen, was die Protagonisten im Film gemacht haben", sagt der Regisseur, der seit 2010 in Niederfinow lebt. Mit "wir" meint er auch Co-Filmemacher Marcel Seehuber, mit dem er sich in den vergangenen sieben Jahren mit dem Thema Anarchismus beschäftigt hat.

"Wir wollten das komplette Bild zeigen", erklärt Springer: das Widerständige, das Soziale, das Historische und das Wirtschaftliche. Sie sind nach Barcelona gereist, wo in den 1930er-Jahren eine anarchische Ordnung für kurze Zeit Realität wurde, bevor sie im spanischen Bürgerkrieg untergegangen ist. Die beiden Regisseure haben auch in Deutschland Kontakte geknüpft. Sie sind mit der Umweltaktivistin Hanna Poddig unterwegs gewesen, haben sie bei ihren Vortragsreisen und Aktionen gegen Uran- und Atommülltransporte begleitet. Und sie zeigen, wie das sogenannte Kartoffelkombinat aus München mehr als 750 Haushalte mit fair gehandelten Bio-Lebensmitteln ohne Zwischenhändler versorgt und seine Mitglieder auch in die Produktion miteinbezieht.

"Anarchismus ist sicher nicht der Heilige Gral", sagt Moritz Springer, "aber es gibt da viele spannende Ansätze." Einige dieser Ansätze versuchen er, seine Lebensgefährtin, ihre zwei Kinder und Freunde in Niederfinow umzusetzen. Einerseits im Kleinen - seine Familie teilt sich ein Haus mit einem befreundeten Paar und deren zwei Kindern -, andererseits in der dörflichen Gemeinschaft mit der Einrichtung eines Mehrgenerationenplatzes.

"Es ist wichtig, einen Platz zu haben, wo Alte und Junge sich treffen können", erklärt Springer, der 1979 im bayerischen Starnberg geboren wurde. Auch über Möglichkeiten einer solidarischen Landwirtschaft denken er und seine Freunde nach. "Ich habe das Gefühl, dass viele dieser Dinge Einzug halten in den gesellschaftlichen Mainstream", sagt er. Die Jugend sei mehr auf gemeinsamen Nutzen fokussiert als aufs Besitzen. Ökologisches Denken, Gemeinschaftsgärten, Volksentscheide - "da passiert schon viel", konstatiert der Regisseur.

Sein Interesse an alternativen Lebensweisen ist es auch gewesen, das ihn zur Arbeit an "Projekt A" bewogen hat. "Ich gehe immer davon aus, was mich beschäftigt", sagt Springer. Wenn ein Thema etwas in ihm auslöse, bestehe auch die Chance, dass es andere interessiere. Das war bei seinem vorhergehenden Projekt nicht anders. Für "Journey to Jah", der 2013 in die Kinos gekommen ist, reiste er mit dem deutschen Reggaemusiker Gentleman nach Jamaika, in die Heimat dieser Musikrichtung.

Doch auch wenn es damals um spirituelle Fragen ging und bei "Projekt A" das Politische im Zentrum steht: Für Springer geht es immer wieder um grundsätzliche Überlegungen. Wie will ich leben? Wie gehe ich mit Mitmenschen um? Wie verorte ich mich in der Welt? Was für Werkzeuge gibt es, diese Welt zu gestalten?

In "Projekt A" stellt er nun Menschen vor, die mehr oder weniger radikale Mittel benutzen, um die Welt zu verändern. Beim Dreh ist das kleine Filmteam daher auch in brenzlige Situationen geraten. In Athen zum Beispiel, als Marcel Seehuber und er die Straßenkämpfe zwischen Demonstranten und Polizei gefilmt haben. "Da wollte einer unsere Kamera runterreißen und das Band zerstören", berichtet Springer. Ein anderer Demonstrant, den sie zuvor kennengelernt hatten, konnte das in letzter Sekunde verhindern. "Wir konnten dort nur drehen, weil wir Leute vor Ort kannten", erklärt der Regisseur. Zwei Jahre habe es allein gedauert, um das Vertrauen der Protagonisten zu gewinnen.

Ein Aufwand, der sich nun auszahlt. Beim Filmfest in München im vergangenen Sommer hat "Projekt A" den Publikumspreis gewonnen. "Das war ein tolles Erlebnis", sagt Moritz Springer. "Das bestätigt einen, dass all die Arbeit nicht umsonst gewesen ist."

"Projekt A" ist ab 4. Februar in den deutschen Kinos; Vorführung im Eberswalder Movie Magic: 10. Februar, 20.30 Uhr

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