Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Biesenthaler Lesereihe startet mit "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht" ins neue Jahr"

Als junge Frauen in die Schlacht zogen

Berührend: Isabell Garcia liest aus "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht"
Berührend: Isabell Garcia liest aus "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht" © Foto: Renate Meliß
Renate Meliß / 26.01.2016, 05:15 Uhr
Biesenthal (MOZ) Am Freitagabend fand die erste Lesung einer Bisenthaler Lesereihe im Rathaus statt - es gastierte Isabel Garcia. Der Roman der weißrussischen Autorin Svetlana Alexijewitsch  trägt den Titel "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht". Handelnd von einer Zeit, die lange zurück liegt, die geprägt war von unglaublichen Heldentaten der stillen Art. Eine, die die Zuhörer aus dem eher beschaulichen Heute in die Vergangenheit eines grausamen Krieges schleudert und sie direkt an der Seele packt. "Ganze Züge voller Frauen gingen an die Front", erinnert sich eine ehemalige Rotarmistin im Gespräch mit Swetlana Alexijewitsch. "Es waren nicht mehr genug Männer da. Sie waren in Gefangenschaft oder sie waren gefallen und lagen unter der Erde." Die Frauen waren "bereit, für die Heimat zu sterben. So waren wir erzogen."

Es sind die Mädchen von 1941, die den Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion erlebten und die Zeit unfassbarer Grausamkeiten. "Ich schreibe ein Buch über den Krieg, denn alles hatte für uns den Ursprung in dieser schrecklichen Zeit", liest Garcia über die anderen Farben und Gerüche, eben jenes "weiblichen Gesichts" des Krieges, von dem man sonst nur gewohnt ist, das Männer ihn auf ihre Art schildern.

Und in der die Frauen meist schweigen. "Sie waren nicht nur Ärztinnen und Krankenschwestern, sondern auch Fliegerinnen, weibliche Scharfschützen und Panzersoldaten, Kraftfahrerinnen, Lehrerinnen und Partisaninnen." Und sie waren jung: "Ich war noch so klein, als ich an die Front ging", erzählt eine ehemalige Scharfschützin, "dass ich im Krieg noch gewachsen bin." Und sie waren für ihr Leben traumatisiert. Sie erzählten der Autorin vom Tod und vom Töten, von Blut, Dreck und Läusen, von Kriegsverbrechen, von Verwundungen, Schmerzen, Hunger und miserabler Ausrüstung - und wie man sie vergessen hat, als es nach dem Krieg darum ging, die "Helden" zu feiern.

Das erschütternde Dokument einer ausgeblendeten Seite des Zweiten Weltkriegs: Rund eine Million Frauen haben in der Roten Armee gekämpft. Swetlana Alexijewitsch lässt sie in ihrem Roman zu Wort kommen. Bevor sie töten lernten, mussten sie lernen, aus Liebe hassen zu können und aus Hass zu lieben. Der erste Schuss, der erste Tod, bei dem die Kraniche schreiend über den Himmel flogen. "Das drei Monate alte schreiende Baby, dessen Körper ich mit Salz und Knoblauch eingerieben hatte, damit ich die Wache passieren konnte und zwischen dessen Ärmchen und Beinchen ich Medikamente versteckt hatte, um sie den Verwundeten zu bringen", so die Partisanin.  "Wie konnten sie es nur ertragen?", fragt die Autorin in ihrem Roman. "Sie, die gestern noch wohl behütete Mädchen, Schülerinnen und Studentinnen waren." Das bewegende Buch über jene Frauen und Mädchen, dessen Schicksale niemals vergessen werden sollten, war ein bewegender Auftakt der diesjährigen Lesereihe.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG