Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Stalin soll weg, Hitler darf bleiben

Dietrich Schröder / 05.02.2016, 09:30 Uhr - Aktualisiert 05.02.2016, 10:06
Cybinka/Witnica (MOZ) Die Diktatoren Stalin und Hitler haben für Polen im Zweiten Weltkrieg eine verhängnisvolle Rolle gespielt. Umso erstaunlicher ist es, dass sich östlich der Oder immer noch einzelne Örtlichkeiten finden, in denen an sie erinnert wird.

In der Kleinstadt Cybinka, dem einstigen Ziebingen, östlich von Eisenhüttenstadt, fanden mehr sowjetische Soldaten ihre letzte Ruhestätte, als der Ort heute Einwohner hat. Genau 566 Offiziere und über 3500 Soldaten, die vor 71 Jahren bei den Schlachten von der Oder bis Berlin den Tod fanden, wurden auf zwei monumentalen Friedhöfen begraben. Bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden diese Anlagen, bei deren Bau auch deutsche Gefangene zum Einsatz gekommen sein sollen.

Obwohl man in Polen mit der kommunistischen Vergangenheit eher wenig am Hut hat und die Insignien der Sowjetmacht in den meisten Orten längst beseitigt wurden, störten die Zeugnisse der Vergangenheit dort an der Oder bis vor kurzem niemanden. Doch jetzt ist ein Streit um das Bildnis von Josef Stalin entbrannt, das auf einer großen Gedenkplatte zu sehen ist.

Es könne nicht sein, dass einem Verbrecher, der so viel Blut an den Händen habe, immer noch eine Tafel gewidmet ist, auf der auch noch der Spruch zu lesen ist: "Unsere Sache ist die Richtige, wir haben gesiegt." Diesen Standpunkt vertritt Mieczyslaw Opalka. Der Einzelhändler aus Cybinka ist wie die meisten Bewohner des Ortes ein Nachfahre von Polen, die 1945 von den Sowjets aus ihrer einstigen Heimat in der heutigen Ukraine oder Weißrussland vertrieben wurden. Opalka besteht darauf, dass die Tafel endlich verschwinden soll und kämpft um politische Unterstützung.

Völlig anderer Meinung ist Eugeniusz Niparko. "Das Stalinbild ist lediglich die Darstellung auf der Siegesmedaille, die nach dem Krieg an die sowjetischen Soldaten verteilt wurde", weiß der 60-Jährige. Sein Vater Kazimierz, der damals in der 1. Polnischen Armee ebenfalls an der Oderfront kämpfte, habe auch so eine Medaille erhalten. "Als Kind hab ich damit gespielt", lacht Niparko.

Natürlich halte auch er Stalin für einen Verbrecher. "Aber in erster Linie ist das hier doch ein Friedhof, auf dem junge Menschen liegen, die nicht die Wahl hatten, ob sie in die Kämpfe ziehen mussten", sagt er.

Niparko, der mit anderen Bewohnern im Ortsteil Bialkow ein Freiluftmuseum geschaffen hat, dass an die wolhynische Heimat der Vorfahren erinnert, geht sogar noch weiter: "Da unsere Jugend kaum noch Russisch kann, müsste man eigentlich Informationstafeln auf Polnisch und Deutsch aufstellen, die über den Friedhof informieren."

In dem Dorf Witnica (einst Vietnitz), das 100 Kilometer weiter nördlich in der Nähe von Schwedt liegt, findet sich ein noch bizarreres Relikt der Geschichte. Mitten im Dorf liegt ein riesiger Granitstein, auf dem die Inschrift "Hitler-Eck" und die Jahreszahl 1933 zu lesen sind. Zwar glänzen die Zeichen nicht mehr so goldig, wie sie der von Hitlers Machtantritt begeisterte einstige deutsche Gutsbesitzer anfertigen ließ. Doch die Mühe, sie zu beseitigen oder den Stein zu entfernen, hat sich niemand gemacht.

"Warum auch?", fragt ein betagter Anwohner. "Uns hat doch nicht Hitler aus unserer Heimat im Osten vertrieben, sondern Stalin." Außerdem hätten die Polen damals gegen ukrainische Nationalisten gekämpft, berichtet der Mann. Darauf, dass der Stein keine Kultstätte für Rechtsradikale wird, würde man freilich auch aufpassen.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.
Norbert Wesenberg 05.02.2016 - 16:51:19

Hallo Herr Schröder

Tja, da hat mir Google Earth wohl einen üblen Streich gespielt. Das Witnica südlich von Choina muss man manuell suchen und nur über den Suchbegriff gibt es den gleichen Ort an der Fernstr. 132 von Küstrin nach Landsberg an der Warthe, so wie ein dritter Ort mit dem Namen Witnica - Oksza an der Warthe gelegen. Hatte mich auch schon gewundert, das mir der Stein in Vietz (Witnica), das ich recht gut kenne, nicht aufgefallen ist. Besten Dank für die Klärung.

Roland Totzauer 05.02.2016 - 15:34:09

Danke für die Klarstellung

Hallo Herr Schröder, besten Dank für die Klarstellung. In diesem Sommer plane ich eine Radtour von Bad Freienwalde nach Chojna und zurück. Da liegt Witnica (Vietnitz) quasi am Rückweg in Richtung Moryn/Gozdowice. Bei einer günstigen Gelegenheit bitte ich Sie, mir mal die genaue Lage des Steins in Witnica per Mail zu beschreiben, damit ich dort ein eigenes Foto für mein Archiv knipsen kann. https://www.openstreetmap.org/#map=16/52.8694/14.4749 Mit freundlichem Gruß R.T.

Dietrich Schröder 05.02.2016 - 14:43:04

Es gibt zwei Orte namens Witnica

Sehr geehrter Herr Wesenberg, tatsächlich gibt es östlich der Oder zwei Orte namens Witnica. Der eine hieß bis 1945 Vietnitz und liegt südöstlich von Schwedt in der Nähe von Chojna (früher Königsberg/Neumark). Dort befindet sich auch der Stein mit der Aufschrift "Hitler-Eck". Das von ihnen angeführte Witnica (einst Vietz an der Ostbahn) ist der andere Ort. Freundliche Grüße vom Autoren des Beitrags

Norbert Wesenberg 05.02.2016 - 13:51:01

Für historisch Interessierte

Das "Dorf Witnica (einst Vietnitz), das 100 Kilometer weiter nördlich in der Nähe von Schwedt liegt" hieß bis 1945 Vietz und liegt südwestlich von Landsberg an der Warthe (Gorzów) in der ehemaligen Neumark. Ansonsten erstaunlich wie die dort, je nach eigenen Kriegserlebnissen, zwangsangesiedelten Polen aus der polnischen Ukraine mit den historischen Hinterlassenschaften in ihrer neuen Heimat umgehen. Bei Reisen durch die ehemalige Neumark erfährt man, dass in den Ortschaften damit sehr unterschiedlich umgegangen wird. So etwa im 50 km östlich von Frankfurt (Oder) schön gelegenen Lagow (Lagów). der Ort kam 1251 unter deutsche Herrschaft und war Sitz der Bischöfe von Lebus. Die Ansiedlung des Johanniterordens mit dem Kommendator von Burgsdorff konnte man über dem Eingangsportal der der Burg gegenüberliegenden Kirche auf einer Freskoplatte noch in den 70er und 80er Jahren nachlesen. Nun ist sie und damit jeglicher historische Bezug auf Burg und Schloss verschwunden.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2018 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG