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Die Sprache der Gefühle

Gudrun Sailer bringt im Durchgangsraum zur Stadtbibliothek 20 Zeichen aus schwarzem Ton an.
Gudrun Sailer bringt im Durchgangsraum zur Stadtbibliothek 20 Zeichen aus schwarzem Ton an. © Foto: MOZ/Thomas Burckhardt
Anna Fastabend / 11.02.2016, 08:00 Uhr
Eberswalde (MOZ) Begegnungen sind Gudrun Sailers Lebensthema. Daraus entstehen meist große Figuren aus Ton. Für das Bürgerbildungszentrum Amadeu Antonio (BBZ) hat die Eberswalder Künstlerin 20 figürliche Zeichen angefertigt, die seit gestern den Durchgang zur Stadtbibliothek säumen.

Einen Tag zuvor befindet sich Gudrun Sailer in ihrem Atelier in der Schleusenstraße 61. Auf dem Boden liegen aufgereiht die 20 Zeichen. Die freischaffende Künstlerin läuft vor ihnen auf und ab. Sie ist aufgeregt. Morgen wird ihre Arbeit im BBZ im Durchgang zur Bibliothek angebracht. Zehn Zeichen auf jeder Seite. Gudrun Sailer lebt seit 25 Jahren in Eberswalde - und die Symbole sind ihr erstes dauerhaftes Werk in der Stadt. Wird bei der Hängung alles gut gehen?

Bis vor ein paar Tagen schien es unproblematisch. Doch dann kamen vonseiten der Stadt Bedenken auf. Nicht, dass sich an der Stelle der Anbringung Stromleitungen befinden. "Ich hoffe, dass alles wie geplant verläuft", sagt die 52-Jährige.

Denn ein Werk hängt man nicht einfach so an die Wand. Da ist viel Vorarbeit nötig. Den passenden Raum im BBZ zu finden, sei nicht unkompliziert gewesen, berichtet sie. "An vielen Stellen ist kein Platz für künstlerische Arbeiten. Dort wollen die eingemieteten Initiativen Informationen an die Wand hängen." Und auch sonst würden sich Funktionalität und Kunst in vielen Bereichen in die Quere kommen.

Der kleine Raum vor der Bibliothek habe ihr aber sofort gut gefallen. Die Atmosphäre, die vielen Bücher hinter der Tür. Doch was könnte dort hineinpassen? Nachdem die Stadt Gudrun Sailer und den anderen beiden Eberswalder Künstlerinnen Ina Abuschenko-Matwejewa und Antoinette für jeweils 2000 Euro ein Kunstwerk abgekauft hatte, ging es für Sailer an die Ideenfindung. Sie entschied sich wegen des schmalen Durchgangszimmers und der Putzabsätze an den Wänden für Elemente, die links und rechts hängen sollten. Durch die räumliche Nähe zur Bibliothek kam sie schnell darauf, dass ihre Arbeit aus Zeichen bestehen müsste. Durch das vorherrschende Schwarz und Weiß in dem Raum sollten auch die Plastiken schwarz werden.

Da die Arbeit nicht so viel wiegen sollte, Papier aber nicht lange hält, versuchte Sailer sich erst in der Verarbeitung von Kunststoff. Dazu schmolz sie Plastik. Diese Herangehensweise verwarf sie jedoch schnell wieder. "Den Werkstoff fand ich einfach eklig." So besann sie sich auf ihr geschätztes Material, den Ton. Sie entschied sich für eine Sorte, die mit dem schwarzfärbenden Mangan angereichert ist. Dann ging es daran, welche Zeichen sie formen wollte. Ihr kam die Idee, arabische Worte zu schreiben.

"Seit einem Kunstprojekt in einer Eberswalder Grundschule habe ich Kontakt zu einer syrischen Flüchtlingsfamilie", erzählt Sailer. Sie hatte den besonders begeisterten Kindern damals den übrig gebliebenen Ton mit nach Hause gegeben. Sie hatte ihnen außerdem angeboten, zum Brennen bei ihr vorbeizukommen. Kurze Zeit später habe sich die kleine Mariam gemeldet. Über das syrische Mädchen lernte Sailer die ganze Familie kennen. "Wir besuchen uns gegenseitig", erzählt die Künstlerin. Sie helfe bei alltäglichen Problemen, auch beim Ausfüllen von Anträgen. Mariam und ihre Geschwister kämen öfter mal, um bei ihr im Atelier zu werkeln.

"Als ich den Kindern den arabischen Schriftzug zeigte, brachen sie in Gelächter aus." Gudrun Sailer hatte unter anderem "Reise" schreiben wollen. "Der Anfang meines geschriebenen Wortes bedeutete aber so viel wie saure Gurke", so die Künstlerin. Auch die anderen Versuche, hätten die Kinder erklärt, waren Quatsch. Schließlich habe sie eine Schrift entwickelt, die aus universellen Zeichen aus der Gesellschaft, Religion und Natur bestünde.

"Einerseits soll der Betrachter Assoziationen entwickeln, andererseits aber nicht alles sofort entschlüsseln können. Die Zeichen sollen die Fantasie anregen und Heimatgefühle in den Menschen wecken, indem sie etwas Bekanntes in diesen entdecken." Die nun im BBZ hängende Arbeit habe Sailer damit auch den syrischen Kindern zu verdanken. "Sie haben mir geholfen, die passenden Zeichen zu finden."

Das Anbringen des Werks am Mittwoch ist übrigens problemlos verlaufen. In Kürze wird es offiziell eingeweiht.

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