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Ehemaliger Stadtrat Wilfried Pröger gibt in der Stadtbibliothek Einblicke in seine Vergangenheit

Ein Leben für Kinder und Kunst

Reichhaltiger Schatz an Erinnerungen: Wilfried Pröger erzählte in der Frankfurter Stadtbibliothek.
Reichhaltiger Schatz an Erinnerungen: Wilfried Pröger erzählte in der Frankfurter Stadtbibliothek. © Foto: MOZ
Anja Rütenik / 17.02.2016, 07:12 Uhr - Aktualisiert 17.02.2016, 17:16
Frankfurt (Oder) (MOZ) Zehn Jahre lang war Wilfried Pröger in Frankfurt Stadtrat für Kultur und hat Schwung in die Oderstadt gebracht. Auch heute, mit 81 Jahren, befindet er sich eher im Unruhestand. Für die Reihe "Mein Leben" erzählte er am Montag in der Stadtbibliothek von seinen Erfahrungen.

Rappelvoll ist die Bibliothek an diesem Montagnachmittag. Alles, was an Stühlen noch aufzutreiben ist, tragen die Mitarbeiter heran. Riesig ist das Interesse am jüngsten Erzählnachmittag, den die Stadtbibliothek in Kooperation mit dem deutsch-polnischen Verein "My Life - erzählte Zeitgeschichte" anbietet. Zu Gast ist dieses Mal Wilfried Pröger, ehemaliger Stadtrat für Kultur in Frankfurt.

"Frankfurt ist für mich ein Stück meiner Lebensheimat", sagt der 81-Jährige zu Beginn.Zehn Jahre lang war Wilfried Pröger, der aus Lichtenstein im Vorerzgebirge stammt, Stadtrat für Kultur in Frankfurt- von 1969 bis 1979.

Und so legt er den Fokus auf seine Jahre in der Oderstadt. Nur, wenn er etwas zitiert, ein Gedicht etwa, schaut Wilfried Pröger auf seine Notizen. Ansonsten redet er frei und von der Leber weg über seine Erinnerungen. Mit einer Präsenz sowie Sprachgewandtheit und Witz, die das Zuhören zur Freude machen.

Vor allem ältere Menschen sitzen im Publikum, darunter viele Weggefährten von einst. "Sehen Sie, ich kann hier keinen Stuss erzählen", bemerkt der Referent mit Blick auf die vielen bekannten Gesichter in den Stuhlreihen. Immer wieder spricht er Zeitgenossen aus dem Publikum direkt an.

"Mein ganzes Leben dreht sich darum, Kindern zu Bildung zu verhelfen und Künste auszuüben oder zu unterstützen", sagt der promovierte Kommunikationswissenschaftler und Pädagoge. Nach einer Stelle als Pionierleiter an einer Schule in Hennigsdorf (Oberhavel) und einer Dozententätigkeit an einem Lehrerbildungsinstitut, an dem man ihm unter anderem den Spitznamen "Kugelblitz" verpasste, kam Wilfried Pröger im Jahr 1969 in die Oderstadt. Der damalige Oberbürgermeister Fritz Krause hatte ihn als Stadtrat für Kultur nach Frankfurt berufen.

Die meisten Anwesenden haben den bitterkalten Winter, an dem Wilfried Pröger samt Familie an die Oder kam, noch in Erinnerung. Es folgen Anekdoten aus seiner Zeit in der Stadtverwaltung, aus dem Leben in der DDR und was sich damals alles in Sachen Kultur in Frankfurt getan hat: Die Wiederentdeckung Heinrich von Kleists, die Konzerthalle, und und und.

Nach einer Stunde, die wie im Flug vergangen ist, bemerkt Wilfried Pröger, dass er gnadenlos überziehen wird. So viel gibt es zu erzählen. "Was mache ich denn jetzt", fragt er scherzhaft und lässt das Publikum entscheiden, ob es noch weiter zuhören mag. "Wer will, kann gehen", sagt er und fügt hinzu, das er es keinem übel nehmen würde. Doch dieses "Angebot" nimmt niemand an, und so lauschen die Zuhörer weiter den Ausführungen des Kulturexperten. "Bildung und Kultur machen das Wesen einer Stadt aus", sagt er. Offene Kritik übt Wilfried Pröger am Umgang mit Kunst im öffentlichen Raum in Frankfurt. Und erzählt schließlich vom Jahr 1978, für ihn "eines der schönsten und traurigsten Jahre." Es war das Jahr, in dem der große Festumzug zur 725-Jahr-Feier der Stadt geplant wurde. Weil das Konzept längst überfällig war, schrieb der Stadtrat das Drehbuch kurzerhand selbst - zwischen Weihnachten und Neujahr. Im Frühling 1979, der Hochphase der Vorbereitungen für das Spektakel, das im Sommer stattfinden sollte, verunglückte Wilfried Prögers 11-jähriger Sohn tödlich. Ein tragischer Einschnitt im Leben des Stadtrats. Still ist es im Raum, als Wilfried Pröger davon erzählt und dass er daraufhin den Posten des künstlerischen Leiters des in der Hauptstadt entstehenden Pionierpalasts annahm.

Mit 67 ging Wilfried Pröger in Rente - zur Ruhe gesetzt hat er sich aber längst nicht. Er hält Seminare zum Thema frühkindliche Bildung. "So lange mein Körper und Kopf mich noch lassen, lasse ich mich nicht vom aktiven Leben abbringen", sagt er ins Publikum. Für ihn sei es ein großes Glück gewesen, das alles getan und keine Schaffenspausen gehabt zu haben. Wie man ein solches Pensum bis ins hohe Alter beibehält, verrät er zum Abschluss seines Vortrags gleich mit: "Man muss eine innere Berufung haben."

Der nächste Erzählnachmittag in der Stadtbibliothek, Bischofstraße 17, findet am Montag, 14. März, ab 15 Uhr statt. Zu Gast ist dann Siegfried Fiedler, Gründer und Leiter des Jugendfilmclubs "Olga Benario".

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Roland Totzauer 17.02.2016 - 18:00:06

Offene Kritik am Umgang mit Kunst im öffentlichen Raum

Seine offene Kritik am Umgang mit Kunst im öffentlichen Raum in Frankfurt übt Wilfried Pröger zu Recht aus. Aber nicht nur er kritisiert diesen laxen Umgang. Ich ergänze hier: Eigentum verpflichtet - unter anderem zur Sicherung des Eigentums. Es ist das Eigentum der Stadt Frankfurt, also das Eigentum von uns allen Frankfurtern. Die in Frankfurt für die Kunst Verantwortlichen hätte man spätestens nach dem Diebstahl der "Großen Badenden" zur Kasse beten müssen, wenn erneut Kunst aus dem öffentlichen Raum gestohlen oder zerstört wurde. Wir leben seit 1989/90 nicht mehr in der kleinen ummauerten DDR, sondern in einem globalisierten Mitteleuropa mit all seinen positiven und negativen Folgen. Spätestens nach Dezember 2007 (Abschaffung der Grenzkontrollen) hätte ein neues SVV-Konzept hergehört in Bezug auf die Kunst im öffentlichen Frankfurter Raum! Die Frankfurter Kunst-Verantwortlichen sind scheinbar noch immer nicht in der Realität angekommen und lassen zu, dass Frankfurt weiterhin ausgeplündert wird.

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