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Planspiel zum Thema demografischer Wandel mit Jugendlichen und Erwachsenen in Petershagen zeigt Herausforderungen

In jeder Runde zwei Rentner mehr

Überlegen zum nächsten Zug: Das Team Dahme-Spreewald diskutiert Varianten, Spielleiter Horst Gerlich (l.) schaut zu.
Überlegen zum nächsten Zug: Das Team Dahme-Spreewald diskutiert Varianten, Spielleiter Horst Gerlich (l.) schaut zu. © Foto: Thomas Berger
Thomas Berger / 22.02.2016, 06:06 Uhr
Petershagen-Eggersdorf (MOZ) Der demografische Wandel macht selbst vor den einwohnerstarken Kommunen im Speckgürtel mittelfristig nicht Halt. Wie sich auf die Entwicklung reagieren lässt, kann mit einem Planspiel simuliert werden, das am Freitagabend im Jugendclub Petershagen stattfand.

Drei Gemeindevertreter, ein Bürgermeister, ein Pfarrer, zwei Revierpolizisten, ein Vertreter der Sparkasse. Dazu diverse Jugendliche, zumeist zwischen 16 und 18 Jahren alt. Statt wie ursprünglich geplant in zwei Teams, Fredersdorf-Vogelsdorf gegen das Doppeldorf, anzutreten, gruppierten sich die Teilnehmer um drei Spielfelder, die geografisch die Planungsregionen Oderland-Spree, Havelland-Fläming und Dahme-Spreewald symbolisierten, ansonsten aber identische Voraussetzungen aufwiesen.

Das Altern der Gesellschaft lässt sich nicht aufhalten. Sechs verschiedenfarbige normale Spielfiguren gibt es - Erwachsene in den Bereichen medizinische Versorgung (weiß), Bildung (braun), Wirtschaft/Arbeit/Verwaltung (gelb), Infrastruktur/Umwelt (grün) sowie Familie und Soziales (rot) und Kultur/Tourismus (blau) symbolisierend. Nach jeder der sechs Spielrunden werden zwei davon zu Rentnern, also Figuren mit grauem Kopf, die aus dem Stoffsäckchen am Rande entnommen werden. Zudem ist da das Problem Abwanderung: Zwischen vier und sechs "Fachkräfte" kommen in die Wagen auf der Autobahn Richtung Berlin.

Und dann sind die noch die speziellen Ereignisse pro Runde, die ihre Auswirkungen haben Zum Beispiel, wenn sich ein Flughafenbau als Planungskatastrophe erweist, aus jeder Kategorie eine Figur extra abwandert. Zwar werden dann durch Leitzinssenkungen Kredite günstiger, was Vermögende mehr Bauland kaufen lässt und dazu führt, dass auch die Kommunen investieren: Je eine Arbeitskraft in Infrastruktur, Wirtschaft und Kultur kommt dazu. Dann aber schließt eine Runde später die Sparkasse mehrere Filialen, was zum Wegzug von Jugendlichen führt und somit zu Einsparungen bei Kultur und Bildung, wo je ein Mitarbeiter entlassen wird. Weil beim Bauboom zu viel Boden versiegelt wurde, trocknen zudem die Gewässer aus - nach Runde vier muss somit eine Ortschaft auf jedem Spielfeld ganz aufgegeben werden.

An jedem der drei Tische saß mindestens einer jener Jugendlichen, die vor einigen Wochen schon einmal im kleinen Kreis das Spiel gespielt hatten. Sie waren mit ihrem Erfahrungsvorsprung nun diejenigen in den Teams, die zu Wortführern wurden, Überzeugungskraft gegenüber den anderen - auch den gestandenen Erwachsenen - entwickelten, wenn es darum ging, mit welchen gemeinsam beschlossenen Maßnahmen sich gegensteuern lässt. Denn zum einen müssen die immer zahlreicher auf dem Spielfeld stehenden Rentner mit Angeboten "versorgt" werden. Und nur für Orte mit allen Farben komplett gibt es pro Runde einen Glückstaler, deren Gesamtzahl am Ende über den Sieg entscheidet.

Ging es anfangs noch sehr zurückhaltend zu, fanden sich ab Runde zwei alle zunehmend in das Spielprinzip, diskutierten aktiv mit, loteten Varianten aus. Wie im realen Leben, muss schließlich weiter in die Zukunft gedacht werden: Sind alle Orte zu halten? Lässt sich Geburtenzuwachs erzielen, also ein oder zwei Kinder in einen Ort holen, aus denen nach Runde drei und sechs Erwachsene einer festgelegten Farbe werden? Oder sollte man lieber zwei, drei passendfarbige Fachkräfte von der Autobahn zurückholen?

Vom Verein LAG politisch-kulturelle Bildung in Brandenburg, der mit dem 2013 an der Uni Potsdam entwickelten Planspiel regelmäßig durchs Land tourt, waren an diesem Abend in Petershagen Steffen Mörbitz und Horst Gerlich als Spielleiter dabei. Sie erklärten eingangs die Regeln, lasen die Ereignisse vor, gaben hier und da Hinweise, waren bei Fragen zur Stelle.

Nach drei Stunden konnten die Mitglieder des Teams Oderland-Spree (mit Fredersdorf-Vogelsdorfs neuem Bürgermeister Thomas Krieger, Sparkassenvorstand Dirk Rieckers und Gemeindevertreter Andreas Lüders aus dem Doppeldorf) über den Sieg jubeln. Die Abstände mit jeweils zwei Punkten Differenz sind aber eher minimal: Auf Rang zwei hat es das Team Havelland-Fläming mit Pfarrer Rainer Berkholz und Revierpolizistin Stefanie Gotzner geschafft - vor der Gruppe um deren Kollegen Thorsten Kühnel sowie die Gemeindevertreter Ronny Kelm und René Trocha. "Wir hatten sehr gute Gespräche", sagt dieser. "Das Spiel macht Spaß und man lernt viel dabei", ergänzt Jonathan Köhler, ein jugendlicher Teamkollege. Am Nachbartisch hatte es Benjamin Haischmann, wie Jonathan Schüler der benachbarten FAW-Schule, genossen, diesmal Wortführer zu sein. "Es bleibt aber schwierig, auch beim zweiten Mal." Sehr angetan von der Grundidee des komplexen Spiels ist Thomas Krieger: "Momentan passt das nicht ganz auf unsere Orte - aber in 20 Jahren haben wir diese Probleme auch hier."

Diskutiert wurde am Ende noch über die Zahl der "unversorgten" Rentner auf den Spielfeldern, für die es eigentlich Punktabzug gibt. Hier und da fielen sogar Geisterorte auf, wohin die grauen Figuren (zunächst) abgeschoben wurden.

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