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Erdbeertorte für die neue Freundin

Anna Fastabend / 29.02.2016, 07:15 Uhr
Groß Schönebeck (MOZ) Menschen sind so lange fremd, bis man sie kennenlernt. In Groß Schönebeck berichten Tschetschenen über ihr Leben im Nordkaukasus und ihre Flucht. Viele Schorfheider sind zum Begegnungsabend gekommen. In der Gemeinde klappt das Miteinander gut.

"Ich mag Dich", sagt Chadizhat (16) aus Tschetschenien und lächelt das Mädchen neben sich an. "Wir sind beste Freundinnen", erklärt Marie-Christin (14). Zwischen den beiden Mädchen herrscht eine tiefe Verbundenheit, das merkt man sofort. Vom ersten Augenblick ihres Kennenlernens waren sie sich sympathisch. Der Funke ist über kulturelle Unterschiede und die Sprachbarriere hinweggesprungen. Einfach so. Es war einer dieser unerklärlichen Momente, denen ein Zauber innewohnt. Man trifft einen fremden Menschen und hat ihn gern. Da braucht es keine großen Worte. Es passiert einfach.

Nun ist es fast ein Jahr her, seitdem die ersten tschetschenischen Flüchtlinge nach Groß Schönebeck gekommen sind. Mittlerweile haben vier Familien dort ihr neues Zuhause gefunden. Sie haben sich gut eingelebt. Sind in die Dorfgemeinschaft integriert. Beim zweiten Begegnungscafé am Freitag wollen sie den neuen Nachbarn etwas von sich erzählen - von ihrem früheren Leben und der Flucht.

Tschetschenien, dessen Bevölkerungsmehrheit dem islamischen Glauben angehört, ist ein von Gewalt gepeinigtes Land. Immer wieder fand ein Kräftemessen mit dem übermächtigen Russland statt. Die Unabhängigkeitsbestrebungen der Tschetschenen führten 1944 zu ihrer Deportation und 50 Jahre später zu zwei blutigen Kriegen. Unentwegt sind beide Seiten mit äußerster Brutalität gegeneinander vorgegangen. Russland ließ Bodentruppen einmarschieren und zerstörte die Infrastruktur. Zahlreiche Menschen starben. Tschetschenische Terroristen nahmen russische Geiseln und sprengten Zivilisten in die Luft. Der jetzige Präsident Ramsan Kadyrow hingegen gilt als politischer Ziehsohn Wladimir Putins. Er regiert autokratisch. Ihm werden zahlreiche Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Wer sich gegen ihn stellt, muss um sein Leben fürchten. Dies muss man wissen, wenn man an das Land denkt. Die Tschetschenen aus Groß Schönebeck sind durch die Hölle gegangen.

Trotzdem werden jetzt Spezialitäten in den Saal des Jugendclubs gebracht. Die geflohenen Frauen haben köstliche Fladenbrote und Kuchen für ihre Gäste gebacken. Eine von ihnen ist die 48-jährige Zeynab. Sie stellt eine kunstvolle Torte auf den Tisch, bei deren Anblick alle sprachlos sind. Ein solches Meisterwerk hat bisher kaum einer gesehen. Die Torte ist über und über mit Rosen aus Buttercreme, Erdbeerscheiben und Goldpuder verziert. Die Schichten aus Creme, Früchten und Biskuit sind mehr als nur Kuchen. Sie stehen für das süße Glück. Sie sind ein Zeichen dafür, dass sich Menschen ihren Mut nicht nehmen lassen. Frauen wie Zeynab haben ums Überleben gekämpft - für sich und die nächste Generation. Dafür, dass ein junges Mädchen wie Chadizhat eine Zukunft hat.

Zeynab trägt Trauer, ihr Blick ist klug. Die 48-Jährige erzählt: "Wir kommen aus der Hauptstadt Grosny." Während des ersten Tschetschenienkriegs wurden ihr erster Mann und ihr Bruder umgebracht. Die Familie entschied sich, zu fliehen. Mitgenommen wurde nur das, was sie tragen konnte. Bevor die Familie nach Deutschland kam, lebte sie in Polen - unter schwersten Bedingungen. Oft arbeitete Zeynab mehr als zehn Stunden, um alle durchzubringen. Der Lohn für die Putzjobs und andere Hilfsarbeiten war meist nicht mehr als umgerechnet zwei Euro pro Tag.

Die Familie fühlte sich in Polen zum Schluss nicht mehr sicher. Sie wurde von der tschetschenischen Geheimpolizei bis dorthin verfolgt. Von der polnischen Bevölkerung fühlte sie sich zunehmend diskriminiert. Denn: Die überwiegende Mehrheit der Polen möchte keine muslimischen Flüchtlinge im Land. Die Angst wurde zum ständigen Begleiter. Dann wurde der Asylantrag in Polen abgelehnt.

In Groß Schönebeck scheint ein Neuanfang geglückt zu sein. Zeynab und die anderen haben mit dem Willkommensteam unter Leitung von Annette Flade, Pfarrerin a. D., kompetente und hilfsbereite Ansprechpartner. Zeynab arbeitet seit Oktober 2015 als Ehrenamtliche in der örtlichen Kindertagesstätte der Johanniter. "Sie macht einen tollen Job", sagt Leiterin Ilona Schönfeld. Den nächsten Schritt, den die beiden angehen wollen: "Ich möchte Zeynab als Bundesfreiwillige einstellen", so Schönfeld. Ein ARD-Filmteam dreht eine Langzeitdokumentation über die Familie.

Dennoch ist nicht alles gut in der Schorfheide. Die Gesetzeslage erschwert vieles, sagt Annette Flade. Besonders schlimm findet sie: Immer wieder werden Familien auseinandergerissen. "Aktuell suchen wir eine bezahlbare Unterkunft in der Schorfheide für Zeynabs Schwiegertochter und ihr schwerbehindertes Kind."

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