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Frankfurter Rhetorik-Klub Toastmasters hat sich der Kunst der freien Rede verschrieben / Treffen einmal monatlich

Die Liebe zur Sprache

Anja Rütenik / 07.03.2016, 06:42 Uhr - Aktualisiert 02.08.2017, 15:58
Frankfurt (Oder) (MOZ) Aus jemandem, der bei Vorträgen vor Publikum in Angstschweiß ausbricht, einen kompetenten Redner zu machen: Das ist das Ziel der Toastmasters. Auch in Frankfurt gibt es einen Ableger des weltweit arbeitenden Rhetorik-Klubs. Einmal pro Monat treffen sich die Hobby-Redner im Kleist Forum.

Sigrid Koppe ist sichtlich nervös. Sie ist erst seit Anfang des Jahres Mitglied des Rhetorik-Klubs Toastmasters und hält an diesem Abend ihre erste Rede - den sogenannten Eisbrecher. Die Frankfurterin spricht über ihren Garten. Sechs Minuten hat sie dafür Zeit - der Aufregung wegen ist sie aber schneller fertig, als sie wollte. "Ich bin fast gestorben", sagt sie hinterher lachend. Die Büroleiterin hat über eine Freundin von den Toastmasters erfahren und ist dem Klub gleich bei ihrem zweiten Besuch beigetreten. Für ihre erste Rede hat sie mit ihrer Tochter geübt. "Hier zählt nicht nur die Kunst, zu reden, sondern auch die Kunst, zuzuhören", sagt die 55-jährige Büroleiterin, die die Sprache liebt. "Das finde ich ganz wertvoll."

Toastmasters wurde im Jahr 1924 von Ralph Smedley in den USA gegründet. Die gemeinnützige Organisation hat sich der Förderung der Kunst des öffentlichen Redens, der effektiven Kommunikation und der Menschenführung verschrieben. Etwa 14 350 Clubs mit über 292 000 aktiven Mitgliedern gibt es weltweit. Die Frankfurter Gruppe besteht seit Oktober 2014 und befindet sich mit zurzeit zehn festen Mitgliedern noch im Aufbau. Einmal im Monat trifft sich die bunt gemischte Runde im Restaurant Schroffensteins im Kleist Forum. Die Atmosphäre ist freundschaftlich. "Wir sind beim Arbeits-Du," sagt Claudia Cassel. Die Geschäftsfrau ist seit mehreren Jahren im Club aktiv und hat bereits die höchste Auszeichnung erhalten, den Distinguished Toastmaster. Ihr Heimatclub ist in Berlin-Steglitz ansässig.

Der Abend ist minutiös vorgeplant. Reden und andere Beiträge sind streng getaktet. Die Teilnehmer übernehmen abwechselnd die Rollen des Moderators, Zeitnehmers und Bewerters. Sogar einen "äh-Zähler" gibt es, der die gefürchteten Füllwörter auf dem Kieker hat. Für jeden Redebeitrag gibt es ein Zeitfenster. Nähert sich der Redner der Höchstdauer, leuchtet ein gelbes Lämpchen auf. Bei rotem Licht sollte er schnell zum Ende kommen.

Das Thema seines Vortrags darf sich jeder selbst aussuchen. Nicht erwünscht ist allerdings Politisches oder Religiöses - zu schnell könnte das in einen Diskurs ausarten. Bei den Toastmasters soll es jedoch nur um das rhetorische Handwerkszeug gehen, nicht aber um den Inhalt der Reden. "Wir sind kein Debattierclub", betont Claudia Cassel. Zur Ausbildung gehören spezielle Handbücher, die die Mitglieder fit für die freie Rede machen sollen.

Philipp Hennig hat für sein sechstes Redeprojekt das Thema "Zu Ihrer eigenen Sicherheit" gewählt. Mit viel Körpereinsatz berichtet er von seinen Erlebnissen mit einem Nacktscanner an einem Flughafen, läuft umher, macht ausladende Gesten. Wie alle, die sich während des Clubabends zu Wort melden, wird der 29-Jährige mit wohlwollendem Applaus belohnt. Rund fünf Stunden hat er an seinem Redeprojekt gearbeitet. "Rhetorik ist ein mächtiges Werkzeug," sagt der junge Marketing- und Sales Manager. Er ist seit April 2015 bei den Toastmasters und stellt deutliche Fortschritte fest. "Es bringt ein besseres Lebensgefühl," fasst er zusammen.

Der zweite Teil des Abends besteht aus den sogenannten Stegreifreden - kurzen Stücken von ein bis zwei Minuten Länge, bei der die Rhetoriker auf eine bestimmte Frage antworten müssen - ohne Zeit zur Vorbereitung. Heute dreht sich alles um das Thema Farben. "Welche Farben sollte Dein neues Auto haben?" Und "Was ist Deine Lieblingsfarbe bei Kleidung?" sind die Fragen, die Clubmitglied Yvonne Nickel an diesem Abend den Anwesenden stellt. Hier dürfen ausdrücklich auch Gäste mitmachen. Und wen es dann "erwischt", der steht plötzlich vor der versammelten Mannschaft und referiert beispielsweise über textile Farbvorlieben. Dabei stellt er fest, dass es gar nicht so leicht ist, zwei Minuten zu füllen, vor allem, wenn das Ganze auch noch Struktur haben soll. Aus dem Stegreif zu reden ist doch ganz anders, als etwas aufzuschreiben. Doch der Applaus und die netten Worte im Anschluss lassen die Aufregung schnell verblassen.

Zu guter Letzt werden die Reden des Abends bewertet - und selbst die Bewertungen folgen den rhetorischen Prinzipien. Die Kritik ist immer wohlwollend, nie destruktiv. Auch das gehört zu den Prinzipien der Organisation. Das Rhetoriktraining lässt sich beruflich und privat nutzen. Es kann helfen, die Scheu vor Vorträgen zu verlieren und schult im Umgang mit dem Kulturgut Sprache. Es macht Spaß, zu hören und zu sehen, wie die Clubmitglieder mit Sprache und Gesten spielen. Und es ist bezeichnend, dass den fortgeschrittenen Toastmasters auch im persönlichen Gespräch nicht ein einziges "äh" herausrutscht.

Nach dem formellen Teil des Abends sitzen die Teilnehmer noch gemütlich bei Speis und Trank beisammen, bevor es wieder nach Hause geht, um an den nächsten Reden zu feilen.

Der nächste Clubabend der Toastmasters findet am Dienstag, 8. März, um 19 Uhr im Restaurant Schroffensteins im Kleist Forum statt. Gäste und neue Mitglieder sind jederzeit willkommen. Mehr Informationen unter www.frankfurttoastmasters.de

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