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Gleichstellungsbeauftragte in Frankfurt engagieren sich für Chancengleichheit - nicht nur am Frauentag

"Eine Aufgabe für 365 Tage"

Gleichstellungsbeauftragte  der Stadt: Sabine Stuchlick
Gleichstellungsbeauftragte der Stadt: Sabine Stuchlick © Foto: FOTO Michael Benk
Frauke Adesiyan / 07.03.2016, 18:52 Uhr - Aktualisiert 08.03.2016, 12:31
Frankfurt (Oder) (MOZ) Viele Chefs und Ehemänner verschenken zum heutigen Frauentag Blumen. Jenseits von solchen Aufmerksamkeiten kümmern sich in Frankfurt Gleichstellungsbeauftragte um Chancengleichheit. Sie sagen einhellig: Es gibt noch viel zu tun.

"So lange wir noch einmal im Jahr über den Frauentag reden müssen, so lange gibt es noch keine Gleichstellung", ist Sabine Stuchlick überzeugt. Chancengleichheit ist für sie eine Aufgabe für 365 Tage im Jahr. Sie arbeitet in der Stadtverwaltung als Gleichstellungsbeauftragte und hat fast jeden Tag mit Problemen zu tun, die Frauen aufgrund ihres Geschlechts haben. Da geht es um Unterschiede in der Bezahlung, Probleme bei der Vereinbarung von Familienarbeit und Beruf oder häusliche Gewalt.

Seit 1999 arbeitet sie in dieser Funktion. Vieles habe sich seit den 90er-Jahren verbessert. "Nicht zufrieden kann ich aber damit sein, dass wir keine aktiven Frauenvereine haben und keine Vertretung in der Stadtverordnetenversammlung wie früher mit den Frauen für Frankfurt", sagt sie. Wieviel Durchhaltevermögen es braucht, hat sie selbst vor einigen Jahren erfahren, als sie sich dafür einsetzte, Straßen nach Frankfurter Frauen zu benennen. Seit 2012 die Medizinerinnen Ursula Sellschopp und Hedwig Hahn Namenspatroninnen für Straßen in West wurden, gibt es vier nach Frankfurterinnen benannte Straßen. "Aber es gibt viel mehr wichtige Frauen, die als Vorbild dienen könnten", ist Sabine Stuchlick überzeugt.

In der Verwaltung sind die Frauen mit 57,7 Prozent überrepräsentiert. Bei den Sachgebiets- und Abteilungsleitern stellen sie 33 von 60, bei den Amtsleitern immerhin noch sieben von 17. Nur die Dezernentenposten sind derzeit zu 100 Prozent männlich besetzt. Dass es in diesem Kreis die Frauen nicht leicht haben, deutet Sabine Stuchlick nur an.

Dafür, dass in Führungspositionen mehr Frauen Verantwortung übernehmen, setzt sich auch Jeannette Marti ein. Sie ist seit zwölf Jahren gewählte Gleichstellungsbeauftragte im Institut für Mikroelektronik IHP und manchmal ratlos. "Wir versuchen seit Jahren so viel, aber es fällt uns immer noch schwer, Frauen zu gewinnen", berichtet sie. Im Institut seien 40 Prozent weiblich, allerdings seien die Führungspositionen vor allem mit Männern besetzt. "Viele Unternehmen konkurrieren um die wenigen Frauen in diesem Bereich", berichtet Marti.

Das IHP versucht mit Angeboten beim Zukunftstag, einer Sommerschule und gezielten Ausschreibungen Mädchen für technische Berufe zu interessieren und Frauen für das Unternehmen zu gewinnen. "Forschung braucht auch den weiblichen Blick, Vielfalt bringt Erfolge", ist die Programmiererin überzeugt. Der Erfolg hält sich bei all den Bemühungen in Grenzen. "Dabei tun wir viel für die Mitarbeiterinnen, vor allem auch in punkto Familienfreundlichkeit", sagt sie und erwähnt Angebote wie das Eltern-Kind-Zimmer und die kinderfreundliche Kantine. Mit solchen Dingen richte man sich natürlich nicht nur an Frauen. "Über den Punkt sind wir ja zum Glück hinweg, dass Familie nur bei den Frauen abgeladen wird", sagt sie.

Ganz so optimistisch ist Hildegard Graf da nicht. Sie ist Gleichstellungsbeauftragte in der Arbeitsagentur und sieht, dass oft vor allem die Frauen mit der Familienarbeit in Verbindung gebracht werden. Zwar stehe Frankfurt bei den Rahmenbedingungen - etwa der Kinderbetreuung auch in den Abendstunden - ganz gut da. Einiges zu tun gebe es aber noch bei Vorbehalten auf Seiten der Arbeitgeber. "Hier müssen wir weiter sensibilisieren, dass man bei jungen Frauen nicht nur an zu erwartende Ausfälle wegen Schwangerschaft oder kranker Kinder denkt", betont sie.

Ein weiteres Problem sieht sie darin, dass der in Frankfurt starke Dienstleistungssektor, etwa im Handel und bei den Callcentern, vor allem von Frauen besetzt ist. Ein geringes Einkommen und schwierige Arbeitszeiten sind hier oft programmiert. Viel investiere die Arbeitsagentur darin, junge Frauen für andere Berufe zu interessieren. "Aber das Berufswahlverhalten ist so fest zementiert", wundert sich Hildegard Graf bisweilen. Der Frauentag ist auch aus diesem Grund für sie noch lange nicht überholt. "Laut Gesetz ist alles wunderschön, aber in der Wirklichkeit gibt es noch das eine oder andere Ungleichgewicht", findet sie.

Für Hildegard Graf wird es vom Chef heute keine Frauentags-Aufmerksamkeit geben, das weiß sie aus den vergangenen Jahren. "Auf die Blume kann ich verzichten. Wichtiger ist mit, dass ich Themen ansprechen kann und sie Gehör finden." Ähnlich empfinden es die anderen beiden Gleichstellungsbeauftragten. Denn eins haben sie gemein: Sie alle arbeiten unter männlichen Chefs.

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