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Sozialarbeiterin Anna Claßen hilft Geflüchteten in der Notunterkunft / Sie wünscht sich mehr Zeit für persönliche Gespräche

Beratung zwischen Tür und Angel

Eingangshalle als Treffpunkt: Anna Claßen spricht mit Jinan, Mariam, Maran und Marna. Auf ihrem Schoß sitzt Jinans viereinhalb Monate alte Tochter Tarfa. Die Sozialarbeiterin würde gern eine Frauensprechstunde abhalten.
Eingangshalle als Treffpunkt: Anna Claßen spricht mit Jinan, Mariam, Maran und Marna. Auf ihrem Schoß sitzt Jinans viereinhalb Monate alte Tochter Tarfa. Die Sozialarbeiterin würde gern eine Frauensprechstunde abhalten. © Foto: Sören Tetzlaff
Anna Fastabend / 09.03.2016, 05:45 Uhr
Eberswalde (MOZ) In der Notunterkunft Eisenbahnstraße leben momentan rund Hundert geflüchtete Frauen, Kinder und Männer auf engstem Raum. Viel Privatsphäre oder Zeit für den Einzelnen gibt es nicht. Sozialarbeiterin Anna Claßen bemüht sich nach Kräften, jedem gerecht zu werden.

"Anna, Anna, Anna", Sozialarbeiterin Anna Claßen kann keine drei Schritte tun, da wird sie von einem Bewohner der Notunterkunft aufgehalten, der eine dringende Frage hat: zu einem Schreiben von der Ausländerbehörde oder vom Arbeitsamt. Mal geht es darum, wie ein Konto eröffnet oder die Busfahrkarte beantragt werden kann. Manchmal geht es um Konflikte. Sehr oft darum, wann es für die Geflüchteten endlich weitergeht.

Anna Claßen - braune, schulterlange Haare und praktisch gekleidet - ist fröhlich und einfühlsam. Durch ihre Art vermittelt sie Ruhe und Sicherheit. Die 33-Jährige ist eine von wenigen Ansprechpartnerinnen für 110 Geflüchtete aus Afghanistan, Syrien und Tschetschenien. Da die Menschen eigentlich bloß kurz bleiben - bis besserer Wohnraum im Barnim gefunden wird - ändert sich ihre Zahl ständig. Neben Anna Claßen kümmern sich zwei weitere Sozialarbeiter, ein Übersetzer, drei syrische Bundesfreiwillige und zwei syrische Ein-Euro-Jobberinnen um die Menschen in der Eisenbahnstraße. Außerdem ist das Team für die Geflüchteten am zweiten Standort zuständig.

An Anna Claßens erstem Arbeitstag Ende September wurde die Unterkunft eröffnet. Und gleich kam der erste Bus. "Wir waren damals nur zu dritt", erinnert sie sich. "Alles war provisorisch und wirklich anstrengend. Wir hatten kein Telefon und kein Faxgerät. Ich habe mit meinem Privathandy telefonieren müssen. Oft habe ich zehn bis zwölf Stunden pro Tag gearbeitet." Obwohl ihr der Job von Anfang an Spaß machte, wusste sie nicht, ob sie die hohe Arbeitsbelastung aushält, erzählt sie. "Es waren aufregende Zeiten." Manchmal sei sie mit Gruppen von bis zu 50 Geflüchteten zur Ausländerbehörde gegangen. Da hätten die Leute schon geguckt, so Claßen. "Wir wussten nicht, ob Übergriffe von Neonazis zu befürchten sind oder die Notunterkunft von der Bevölkerung akzeptiert wird." Eine andere Sorge war, ob sich genügend ehrenamtliche Unterstützer melden würden.

Seitdem sind fünf Monate vergangen - und alles hat sich irgendwie eingespielt. Die Arbeitszeiten sind für Anna Claßen auf ein erträgliches Maß gesunken. Viele Eberswalder - wenn leider auch nicht mehr so viele wie zu Beginn - bringen sich ehrenamtlich ein, berichtet sie. Sie habe guten Kontakt zu den Bewohnern, sagt die Sozialarbeiterin. Und kein einziges sexistisches Erlebnis mit einem Geflüchteten gehabt. "Manchmal war ich die einzige Frau unter Männern." Sie sei immer mit großem Respekt behandelt worden. Die Menschen vertrauen ihr, so Claßen. Ihr sei persönlich wichtig, wie es ihnen geht. "Ich höre ihnen wirklich zu", erklärt sie. Leider hat sie dafür nicht so viel Zeit, wie sie gern hätte. "Ich würde gern eine Frauenberatungsstunde einrichten, habe aber zu viel mit bürokratischen Dingen zu tun."

Den Menschen zuhören, die einen Schicksalsschlag erlitten haben - das hat die 33-Jährige professionell gelernt. Sie hat eine Ausbildung in der Systemischen und der Traumatherapie und vorher fünf Jahre in einem Kölner Frauenhaus gearbeitet. Dort hatte sie auch mit Geflüchteten zu tun. Damit sie sich mit der Gesetzeslage auskennt, besuchte sie eine Asylrechts-Fortbildung. Ihre beste Freundin ist im Kölner Flüchtlingsrat aktiv. "Bei Fragen kann ich sie immer anrufen", sagt Claßen.

Zwar hat sich in der Notunterkunft eine gewisse Routine eingestellt. Dennoch ist Anna Claßen täglich mit den vielfältigen Problemen der Bewohner konfrontiert, erzählt sie in einem ruhigen Moment, in dem sie sich in einen kleinen Beratungsraum zurückgezogen hat.

Da wäre zum Beispiel eine große Ungerechtigkeit. "Die Syrer werden in vielen Bereichen bevorzugt. Sie können schneller einen Sprachkurs besuchen und auch ihr Asylantrag wird bevorzugt behandelt." Die Afghanen stünden oft fassungslos vor ihr und würden immer sagen: "Wir haben doch die gleichen schlimmen Kriegserfahrungen gemacht. Wieso werden wir wie Flüchtlinge zweiter Klasse behandelt?" Und da wundert man sich über Spannungen zwischen den Nationalitäten in den Unterkünften, merkt Claßen an.

Konflikte gebe es immer wieder, berichtet sie. Klar - wenn so viele fremde Menschen in einer provisorisch umgebauten Schule auf engstem Raum miteinander leben müssen. Wenn der Konflikt zwischen zwei Nationalitäten entstanden ist, würde es oft dauern, bis alles geklärt sei. Arabisch und Farsi und dann noch zwei Dolmetscher - das ist wahrscheinlich ein bisschen so wie "Stille Post".

Auch Eheprobleme habe sie schon lösen müssen, erzählt Claßen. Ein syrischer Ehemann wollte Frau und Kinder verlassen. Sie sprach mit beiden, er blieb. "Jetzt kommt er öfter zu mir und bedankt sich." Eine andere Beziehung war nicht mehr zu kitten. Der Mann sei seiner Ehefrau gegenüber schwer gewalttätig geworden. Sie musste an einen unbekannten Ort gebracht werden.

Anna Claßen zeigt die Turnhalle für die alleinstehenden Männer - Feldbetten, Privatsphäre gleich Null. Sie führt in die ehemalige Aula, die jetzt ein Familienzimmer ist. "Oft reisen Onkels und Tanten mit", erzählt sie. Da viele Frauen vor nicht blutsverwandten Männern ihr Kopftuch nicht ablegen dürfen, müssten sie im Zimmer die ganze Zeit verschleiert sein.

Ein großes Problem seien Diebstähle. Da es in den Zimmern aus Brandschutzgründen keinen Strom gibt, müssen alle ihre Handys im Gemeinschaftsraum aufladen. "Da kommt leider öfter mal eins weg."

Obwohl die Notunterkunft eigentlich nur eine Notlösung für wenige Wochen ist, säßen manche Familien dort schon seit zweieinhalb Monaten fest, bedauert Claßen. Eine unerträgliche Situation - vor allem für die vielen Kinder, die kaum Spielzeug und Platz zum Toben haben. "Spielgeräte auf dem Hof wären schön", findet Claßen. "Mir macht es zu schaffen, wie die Menschen verwaltet werden. Sie sitzen hier fest. Die Erwachsenen haben keine Arbeit, die Kinder keinen Schulunterricht."

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