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Chansons zwischen Aleppo und Paris

Der 24-jährige Walid Habash singt so eindringlich, dass die Bilder seiner zerstörten Heimat Syrien ganz allein vor dem inneren Auge seiner Zuhörer entstehen.
Der 24-jährige Walid Habash singt so eindringlich, dass die Bilder seiner zerstörten Heimat Syrien ganz allein vor dem inneren Auge seiner Zuhörer entstehen. © Foto: Inga Dreyer
Inga Dreyer / 14.03.2016, 07:50 Uhr
Basdorf (id) Statt Vorträge zu halten und Denkmäler einzuweihen, praktizieren die Basdorfer eine andere Art der Erinnerung, die ins Ohr und von dort ins Herz geht: Sie singen Chansons. Doch nicht nur die Vergangenheit, auch aktuelle Konflikte und Schicksale fanden beim Jubiläumskonzert am Sonnabend ihren Ausdruck.

Seit zwölf Jahre gibt es den Verein "Brassens in Basdorf", der mit seinen Liederabenden eine lebendige Erinnerung an den berühmten französischen Chansonnier Georges Brassens pflegt. Brassens war von 1943 bis 1944 im Ort zur Zwangsarbeit verpflichtet worden. Anlässlich des Vereinsgeburtstag spielt Ortsvorsteher Peter Liebehenschel ein Lied, das er vor zwölf Jahren schrieb und in dem er den Einmarsch deutscher Truppen in Frankreich verarbeitet. "Hilflose, alte müde Männer verspielten unser Land", singt er. "Im Größenwahn überrollten sie euer Land."

Eindrücklich lassen die Basdorfer mit ihrer Musik die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus lebendig werden, doch sie bleiben nicht dort stehen. Sie holen die Gegenwart in die Basdorfer Festscheune - in Person von Walid Habash, einem kurdischen Flüchtling aus der Nähe der nordsyrischen Stadt Aleppo. Kaum hat er die Bühne betreten, nimmt der lächelnde junge Mann in weißen Turnschuhen, schwarzen Hosenträgern und Fliege das Publikum für sich ein. Auch Walid Habash hat Geschichten vom Krieg zu erzählen - doch bei ihm sind sie Gegenwart. Auf Arabisch singt er über seine Heimat, die seit Jahren im Bürgerkrieg versinkt. Eigentlich sollten bei dem Lied Bilder aus dem zerstörten Syrien gezeigt werden. Das ist aber gar nicht nötig. Walid Habash singt so eindringlich, die Augen geschlossen, die Hände zum Himmel erhoben, dass die Bilder ganz von alleine vor dem inneren Auge der Zuschauer entstehen.

Vor sieben Monaten ist der 24-Jährige im Flüchtlingsheim in Wandlitz untergekommen, inzwischen wohnt er bei einer Basdorfer Familie. In Syrien hat er Biologie studiert, nun wolle er aber seiner eigentlichen Leidenschaft nachgehen und etwas mit Medien machen, erzählt er. Von Georges Brassens habe er bis vor Kurzem noch nie etwas gehört. Arabische und europäische Musik seien so unterschiedlich, erklärt er. Umso erstaunter sei er über die Begeisterung der deutschen Zuhörer gewesen. Für das Konzert der Basdorfer hat auch er ein Stück von Brassens vorbereitet, das er mit einem arabischen Text singt.

Auf Polnisch, Russisch, Dänisch und Spanisch habe man Brassens ins Basdorf bereits gehört, jedoch noch nie auf Arabisch, erzählt Moderatorin Isabel Neuenfeldt. Das versteht vor Ort kaum jemand - aber ist das mit Französisch nicht genauso? Als die Basdorfer vor zwölf Jahren erfahren hätten, dass ein berühmter Franzose als Zwangsarbeiter im Ort gewesen war, habe niemand Brassens gekannt, erzählt Bürgermeister Peter Liebehenschel. "Das kannten nur Studienräte in Westberlin."

Seitdem engagiert sich der Verein für einen Austausch zwischen Frankreich und Deutschland, aber auch zwischen Berlin und dem Brandenburger Umland. Aus der nahen großen Stadt sind bekannte Gesichter mit neuem Programm gekommen: Lutz Keller spielt an der Gitarre Lieder und Blues-Stücke auf Deutsch, bevor Corinne Douarre die Bühne übernimmt. Mit ihrer Autoharp, einem der Zither ähnlichen Instrument, spielt sie in Begleitung des Gitarristen Jonathan Bratoeff Chansons und erklärt auf charmant-witzige Art ihre Texte. Fulminant geht der Abend mit dem Auftritt von Isabel Neuenfeldt am Akkordeon und ihrem neuen Begleiter Giovanni Reber an der Geige zu Ende. Mit Leidenschaft und einer guten Portion Weltschmerz singt sie von dem alten Pariser Straßenmusikanten Léon, aber auch davon, für die eigenen Ideen zu sterben.

Professionelle Chansonniers, begeisterte Laien und eine familiäre Atmosphäre: Das ist die Mischung, die immer wieder Menschen nach Basdorf zieht. Aus Südhessen etwa ist Gerhard Kismann angereist. Mitgebracht hat er ein Fotoalbum, dass Bilder von ihm mit seinem Freund Georges Brassens zeigt.

Wenn er zum nächsten Konzert kommt, wird sich die Riege im Hintergrund verändert haben. Nach zwölf Jahren sei es Zeit für einen Wechsel gewesen, erzählt die langjährige Vorsitzende Marion Schuster. Vor Kurzem wurde ein neuer Vorstand gewählt: Martina Stegmann, Bénédicte Janoty, Peter Liebehenschel und Donald Schliep werden zum nächsten große Brassens-Festival laden - im September dieses Jahres zwischen Bernau und Berlin.

www.festival-brassens.info

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