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Von Null auf Neubeginn

Anna Fastabend / 16.03.2016, 07:20 Uhr
Eberswalde (MOZ) Seit mehr als drei Monaten lernen 30 Asylbewerber aus Eritrea und Syrien auf freiwilliger Basis Deutsch. Der Sprachkurs für Geflüchtete ohne Deutschkenntnisse, der die Zeit bis zum Integrationskurs überbrücken soll, ist beliebt. Auch wenn es nicht einfach ist, von vorn zu beginnen.

Der Mensch lernt sein Leben lang. Trotzdem muss es hart sein, als Erwachsene überall wieder bei Null anzufangen. Dies würden die Schwestern Nahla (29) und Asmaa (25) aus Syrien natürlich niemals so sagen. Doch versetzt man sich in die Lage der beiden Akademikerinnen, wird klar, dass der Besuch eines Deutschkurses für sie etwas anderes ist, als der Besuch einer dieser Spaßkurse, um bis zum nächsten Urlaub ein paar Brocken Französisch zu lernen.

Aber die Schwestern lassen sich nicht entmutigen. Sie drücken vier Mal die Woche die Schulbank im Bürgerbildungszentrum Amadeu Antonio. Insgesamt 320 Stunden lang. Dort bietet die Akademie 2. Lebenshälfte zwei Deutschkurse für Asylbewerber an. Einen für Geflüchtete, die das lateinische Alphabet bereits können und einen für diejenigen, die es noch lernen müssen. 26 Frauen und Männer aus Syrien und vier Männer aus Eritrea haben sich freiwillig zu den Einstiegskursen angemeldet, die seit rund drei Monaten laufen. Sie sind zwischen 18 und 49 Jahre alt. 30 Prozent sind Frauen. Die Kurse sind eine einmalige von der Arbeitsagentur finanzierte bundesweite Maßnahme. Sie endet Mitte April. Und soll die Zeit bis zum Integrationskurs überbrücken, den Geflüchtete mit guter Bleibeperspektive oder nach Anerkennung des Asylantrags besuchen dürfen.

Nahla ist Juristin, Asmaa Chemikerin. Bevor sie vor dem Krieg flohen, führten sie ein Leben wie Millionen junge Frauen überall auf der Welt. Sie wuchsen in einer liberalen muslimischen Familie in der Nähe von Hama auf. Ihr Vater ist Rechtsanwalt. Zum Studium gingen sie nach Damaskus. Dort lebten sie im Wohnheim. In ihrer Freizeit trafen sie sich am liebsten mit Freunden. Kochten gemeinsam, tanzten und genossen ihre Zeit. Bis es gefährlich wurde. Sie mussten fliehen - ließen fast alles zurück, woran ihre Herzen hängen, die Angehörigen, den Lebensplan, die Existenz.

"Was habt ihr in Eurem Kühlschrank?", fragt Lehrer Karl-Heinz Stephan die Schwestern und die anderen 13 Schüler des Kurses für Fortgeschrittene. Der Einkauf im Supermarkt, der Arztbesuch, die Umgangsformen - auf diese grundlegenden Dinge kommt es im Alltag an. Alle hören aufmerksam zu. Hände schnellen in die Höhe. "Käse, Eier, Fleisch und Gemüse", zählt einer auf. Dann ist sein Sitznachbar dran. Der lacht. "Ich habe gar keinen Kühlschrank", sagt er. Die anderen lachen mit. Auch Alan. Der 25-Jährige kommt jeden Tag den weiten Weg aus Joachimsthal zur Schule. Er hat in Damaskus Wirtschaftswissenschaften studiert. Hätte noch ein Jahr bis zum Abschluss gebraucht. Und jetzt? Statt Vorlesungssaal und komplexe Analysen, Klassenzimmer und einfache, erste Sätze.

"Sie sind ein dankbares Publikum", findet Lehrer Stephan. Seine Schüler seien motiviert und würden gute Fortschritte machen. Was es für sie leichter macht: Viele sind sprachbegabt, können bereits Englisch und damit die lateinischen Buchstaben. "Wie alle , die Deutsch lernen, haben sie aber Schwierigkeiten mit den Artikeln und Umlauten", sagt Stephan, der sich selbst als pensionierten "Pauker" bezeichnet. Ihm macht das Unterrichten Spaß. Auch abends. Dann gibt er älteren Leuten Französischunterricht. Kurzum - er ist ein Glücksgriff. Denn "Deutschlehrer sind Mangelware", berichtet Akademieleiterin Marion Köstler. "Der Markt ist leer gefegt."

Margit Streblow ist der zweite Glücksgriff. Sie ist Englisch-, Spanischlehrerin und Dolmetscherin. Ihr wurde die Klasse der Anfänger anvertraut. "Wir haben mit dem Schreiben der einzelnen Buchstaben begonnen", erzählt sie. Eine ihrer Schülerinnen ist Iman. Die 36-jährige Syrerin ist Mathematiklehrerin.

Zwischen den beiden Lehrerinnen ist eine gute Bekanntschaft entstanden. "Ich wurde schon zum Essen eingeladen", berichtet Streblow. Dort habe sie ein köstliches Gericht gegessen, das aus Molokhia, einem spinatähnlichen Gemüse, Hühnchen und Reis bestand. Danach gab es Blätterteig mit Nüssen gefüllt und Tee. "Nach dem Essen war ich fast nicht mehr in der Lage, die Treppe hinunterzugehen."

Für die Sprachlehrer ist die Zusammenarbeit mit den Geflüchteten eine Bereicherung, erzählen sie. "Wir lernen gerade eine Menge Neues", so Stephan. Ihm wurde schon ein bisschen Arabisch beigebracht. Streblow erzählt von einem Umstand in der syrischen Gesellschaft, der ihr gut gefällt. Dort seien Lehrer hoch angesehen, wurde ihr erzählt. Eigentlich logisch. Schließlich sind sie es neben den Eltern, die ein Kind formen.

Zwei Dinge beschäftigen Akademieleiterin Köstler. Zum einen sei es ihr schwer gefallen, die Afghanen wegzuschicken. Sie durften laut Arbeitsagentur an den Einstiegskursen nicht teilnehmen. Zum anderen gebe es zu wenig Kitaplätze. Zwar kümmere sich die pensionierte Erzieherin Edith Pietschmann zweimal die Woche liebevoll um die Kinder der Teilnehmerinnen, berichtet Köstler. Dennoch sei dies natürlich nicht genug. "Im Sinne der geflüchteten Frauen und Kinder muss in diesem Bereich dringend mehr getan werden."

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