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"Haltet die Verbindung zu Polen"

Gesprächsrunde: Landrat Gernot Schmidt, Leiter Darius Müller, Ex- Ministerpräsident Manfred Stolpe, Moderatorin Martina Weyrauch und Gründungsmitglied Eberhard Grashoff
Gesprächsrunde: Landrat Gernot Schmidt, Leiter Darius Müller, Ex- Ministerpräsident Manfred Stolpe, Moderatorin Martina Weyrauch und Gründungsmitglied Eberhard Grashoff © Foto: MOZ/Doris Steinkraus
Doris Steinkraus / 18.03.2016, 19:25 Uhr
Trebnitz (MOZ) Kann ein Verein wie Schloss Trebnitz Zivilgesellschaft fördern und die Selbstbestimmung junger Menschen stärken? Unbedingt, befand Ex-Ministerpräsident Manfred Stolpe, einer der Gäste des Schlossgesprächs am Donnerstagabend. Er zollte dem Verein Respekt für seine Jugendarbeit.

Am diesem Sonntag ist es 24 Jahre her, dass Enthusiasten den Verein Schloss Trebnitz gründeten. Einer war Eberhard Grasshof, damals Sprecher der Landesregierung unter Manfred Stolpe. Ein Urgestein der politischen Bildungs- und Jugendarbeit nennt ihn Marina Weyrauch, Leiterin der Landeszentrale für politische Bildung, die den Abend moderiert. Gras-hoff kann viel erzählen, von der Aufbauarbeit in Berlin, über Verhandlungen mit den Siegermächten, um den Demokratischen Jugendverband für ganz Berlin bilden zu können, oder vom Aufbau des Wannseeheimes, das seit 1951 für parteiunabhängige und ideologiefreie Jugend-Bildungsarbeit steht. Nach der Wende konnte er endlich viele seiner Freunde in der DDR ungehindert besuchen, auch Ulrich Plenzdorf oder Martin Stade, die im Alt Rosenthaler Vorwerk lebten. So kam er nach Trebnitz und dem damals völlig maroden Schloss. Für ihn sei klar gewesen, dass unmittelbar an der Grenze etwas für Jugendbildungsarbeit getan werde müsse, erzählt er. "Denn die Beziehungen zu Polen waren die schwierigsten."

Ein Punkt, den sein einstiger Chef Manfred Stolpe unterstreicht. Als gebürtiger Stettiner habe er in Polen immer wieder erlebt, wie groß die Sorge ist, Deutschland könnte alte Gebiete einfordern. Orte wie Trebnitz seien bis heute ein Glücksfall. Brandenburg habe einst 1400 Schlösser gehabt, etwa die Hälfte gebe es noch. Sie seien für ihn nicht nur wichtige Zeugnisse einstiger Architektur, sondern identitätsstiftend. "Immer war mir wichtig, dass sie sinnvoll genutzt werden. Besser als in Trebnitz hätte das nicht geschehen können", lobt Stolpe.

Die besondere deutsch-polnische Note sei von Anfang an Bestandteil der Arbeit gewesen, versichert Darius Müller, Leiter der Einrichtung. Aus Versöhnungsarbeit wurde Alltagsarbeit. Auch heute noch, trotz der veränderten politischen Bedingungen in Polen. "Ich kann nur dringend raten: Haltet die Verbindung zu Polen, lasst die Kontakte nicht abbrechen", appelliert der einstige Ministerpräsident und Bundesverkehrsminister.

Nötig seien sicher auch neue Formen, so das Fazit der Runde. Denn für junge Menschen stehe das Thema Versöhnung meist gar nicht mehr. Sie fühlen sich als Europäer. Das wird in den Projekten im Schloss gelebt. Die Besucher des Schlossgespräches sahen beim Eingang selbst, wie junge Muslime, Deutsche, Serben und Polen ganz selbstverständlich zusammen sitzen, sich austauschen. Landrat Gernot Schmidt, ebenfalls Gründungsmitglied des Vereins, spricht von Visionen. Sie seien nötig, um ländliche Räume zu gestalten und eine intakte Zivilgesellschaft zu sichern. "Menschen ohne Visionen versinken in Selbstmitleid", steht für ihn fest. Deshalb würden sich auch Orte, in denen die Menschen selbst zupacken und nicht auf Anweisungen "von oben" warten, Lebensgefühl vermitteln. Diese Grundvision habe es unter Manfred Stolpe gegeben. Heute vermisse er sie mitunter. In Trebnitz seien Visionen umgesetzt worden und habe man sie noch immer.

Die Jugend-Bildungsarbeit mit ihrem Auftrag der Verständigung und Toleranz sei in der Flüchtlingskrise wichtiger denn je, sieht es Schmidt. Über die verständlichen Ängste der Menschen müsse man reden. Man könne aber nicht Demokratie fordern und die Werte, die sie ausmachen, in Frage stellen.

In Märkisch-Oderland werde das Thema Flüchtlingsunterbringung relativ ruhig bewältigt und zwar vor allem im ländlichen Raum. "Das heißt nicht, dass es überall Begeisterung gibt", weiß der Landrat. "Aber unsere Entscheidungen, die wir als Kreis treffen, weil wir in der Pflicht sind, werden akzeptiert." Und nicht nur das. Überall finden sich Menschen, die den Gestrandeten Hilfe zuteil werden lassen. "Gelebte Zivilgesellschaft", sieht es Schmidt.

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