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Hilfe für Stalking-Opfer

Stalking ist Terror für die Psyche. Viele Opfer verhalten sich ruhig. Sie ziehen sich mehr und mehr von der Außenwelt zurück.
Stalking ist Terror für die Psyche. Viele Opfer verhalten sich ruhig. Sie ziehen sich mehr und mehr von der Außenwelt zurück. © Foto: dpa/Jens Büttner
Anna Fastabend / 20.03.2016, 08:00 Uhr
Eberswalde (MOZ) Am 20. März wird bundesweit der Kriminalitätsopfer gedacht. Der Weisse Ring hat den Aktionstag 1991 ins Leben gerufen. Der Tag soll die Öffentlichkeit auf die schwierige persönliche, rechtliche und wirtschaftliche Situation von Geschädigten aufmerksam machen.

Ein Jahr lang war Julia* mit ihm zusammen. Dann trennte sie sich. Doch Dennis* schien nicht zu begreifen, dass es endgültig aus zwischen ihnen war. Nein, schlimmer: Er akzeptierte die Entscheidung der 23-Jährigen nicht und begann ihr nachzustellen. Bald hatte sie keine ruhige Minute mehr. Anstatt aus ihrem Leben zu verschwinden, nistete Dennis sich erst recht dort ein. Zu Hause, bei der Arbeit - Julia war nirgendwo mehr sicher. Dennis rief an, Dennis stand vor ihrem Fenster - Tag und Nacht, stundenlang. Stand dort und starrte. Bald war Dennis das Einzige, woran Julia denken konnte. Er machte ihr furchtbare Angst. Sie zog sich zurück - von Freunden, von der Familie. Schloss mit Jalousien die Welt aus. In der Hoffnung, dass es aufhörte. Doch das tat es nicht.

Er lauerte Julia auf der Straße auf, zog sie in sein Auto, kidnappte sie. Zweieinhalb Tage lang hielt er sie in einem Ferienhaus fest. Dort missbrauchte und vergewaltigte er sie wieder und wieder. Dann ließ er von ihr ab. Dennis sitzt nun wegen Freiheitsberaubung und Vergewaltigung in Untersuchungshaft. Und Julia?

Julia vertraute sich dem gemeinnützigen Verein für Kriminalitätsopfer Weisser Ring an. Mit dessen Hilfe lernt sie nun Schritt für Schritt ins Leben zurückzufinden. "Sie hatte anfangs große Angst davor, in einen Wagen zu steigen", berichtet der Leiter der Außenstelle und Revierpolizist Jörg Matzke. Eine Mitarbeiterin des Weissen Rings habe deshalb mit ihr geübt, wieder Auto zu fahren. Auch sonst ist die Mitarbeiterin für Julia eine wichtige Bezugsperson geworden. Sie hört der Frau zu. Hat sie zur Polizei begleitet und wird im Gericht neben ihr sitzen. Sie kennt erfahrene Rechtsanwälte und Psychologen. Sie hilft Julia dabei, den Entschädigungsantrag auszufüllen. Nach dem Opferentschädigungsgesetz übernimmt der Staat die Kosten für Therapie, Medikamente, Hilfsmittel, Berufsausfälle und falls nötig sogar für die Rente. Auch der Weisse Ring hilft bei durch die Tat bedingten finanziellen Notlagen aus.

Als Stalker werden Täter bezeichnet, die eine andere Person verfolgen, belästigen und terrorisieren. Häufig lauern sie ihrem Opfer auf, rufen es pausenlos an, schreiben Drohbriefe, SMS oder E-Mails. In schlimmeren Fällen brechen sie in die Wohnung ein oder attackieren es körperlich.

Laut der aktuellsten Kriminalitätsstatistik von 2014 sind bundesweit mehr als 21 800 Strafanzeigen wegen Nachstellung erstattet worden. Stalking-Opfer sind Frauen und Männer, wobei Frauen häufiger betroffen sind. Rund ein Drittel der Täter sind ehemalige Partner. In den Landkreisen der Brandenburger Polizeidirektion Ost wurde die Straftat zwischen November 2014 und 2015 etwa 300 Mal angezeigt.

Im Barnim sind unter den 53 Menschen, die sich 2015 dem Weissen Ring anvertraut haben, viele Stalking-Opfer, berichtet Jörg Matzke. "Natürlich ist die Dunkelziffer höher als die angezeigten Taten", weiß er. Dem Weissen Ring würden sich ebenfalls wenige anvertrauen. "Einerseits wissen die Betroffenen oft nicht, dass es uns gibt. Andererseits haben sie Hemmungen, über das Erlebte zu sprechen", erklärt er.

Die Befangenheit möcht er ihnen nehmen. "Wir behandeln unsere Fälle anonym und vertraulich." Die 18 ehrenamtlichen Mitarbeiter, die sich im Barnim um die Opfer kümmern, seien geschult und würden sich regelmäßig fortbilden, so Matzke. "Wir stehen den Betroffenen und Angehörigen zur Seite und möchten ihnen Kraft geben, das Geschehene zu verarbeiten."

Matzke ermutigt Stalking-Opfer, den Weissen Ring so früh wie möglich aufzusuchen. "Mit uns ist das Opfer nicht allein. Wir überlegen gemeinsam, wie wir den Täter stoppen können." Der Polizist betont, dass Betroffene niemals hilflos sind. "Wer sich zurückzieht und lieb und brav verhält, macht einen Fehler."

Besser sei es, sich seinem Umfeld anzuvertrauen und dem Stalker unmissverständlich zu erklären, er solle einen in Ruhe lassen. Außerdem solle der Betroffene die Belästigungen dokumentieren und den Täter anzeigen. Vor Gericht könne erwirkt werden, dass der Täter sich vom Opfer fernhalten muss. Diese und weitere Tipps gibt es beim Weissen Ring.

Hilfe gibt es unter 03334 299433 oder der bundesweiten, kostenfreien Rufnummer 116 006. Weitere Infos unter: www.weisser-ring.de. *Die Namen wurden von der Redaktion geändert.

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