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Tausende Menschen besuchen das diesjährige Oster-Kloster-Fest in Chorin / Sie sind von der Epoche fasziniert

Das Mittelalter lebt

Whirlpool anno dazumal: Was gibt es Schöneres, als bei schlechtem Wetter wie am Karfreitag ins dampfende Badewasser zu tauchen.
Whirlpool anno dazumal: Was gibt es Schöneres, als bei schlechtem Wetter wie am Karfreitag ins dampfende Badewasser zu tauchen. © Foto: MOZ/Thomas Burckhardt
Anna Fastabend / 29.03.2016, 06:15 Uhr - Aktualisiert 29.03.2016, 12:38
Chorin (MOZ) Seit fast drei Jahrzehnten pilgern jedes Jahr Tausende zum Oster-Kloster-Fest nach Chorin. Vier Tage lang tauchen sie in eine längst vergangene Zeit ein. Das Mittelalter gilt zwar als düstere Epoche, dennoch fasziniert es die Menschen. Einige berichten, warum.

Auf Mittelalterfesten wie dem Choriner Oster-Kloster-Spektakel trifft man ganz normale Eventliebhaber ebenso wie exzentrische Persönlichkeiten. Da sind diejenigen, die schon als Kind dem Zauber der Ritterwelt erlegen sind und denen es Spaß macht, für kurze Zeit in eine Epoche fernab des Alltags zu schlüpfen. Dann tummeln sich dort Menschen, die das Mittelalter leben. Da es das Mittelalter bei einem Zeitraum von rund 1000 Jahren aber gar nicht gibt, pickt sich jeder eben das heraus, was ihm angenehm ist. Ob es sich dabei um historisch Belegbares oder um Fantastisches handelt, scheint völlig unerheblich. Hauptsache, es macht Spaß.

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Familie Dietrich aus Berlin zählt zu den gemäßigten Mittelalterfans. Trotzdem fällt sie im Getümmel des regnerischen Karfreitags auf: Vielleicht, weil es so viele sind. Drei Generationen, sieben Personen - und alle in altertümliche Umhänge gekleidet. Auch die Kleinsten, die siebenjährigen Zwillinge Marlon und Marwin, sind mit Wollmänteln, Leinenhemden und Hosen ausgestattet. Die Blondschopfe sehen in ihrer einfachen Kluft ziemlich putzig aus. Das macht Eindruck. Dennoch nehmen die Dietrichs die Kleiderordnung nicht so streng. Bei den Jungs lugen unter den Umhängen Kapuzenpullover hervor. Und Großvater Klaus Dietrich trägt gewöhnliche regenfeste Schuhe. "Sonst müsste ich ja Holzpantinen tragen", sagt der 58-Jährige mit dem weißen Vollbart. Die kämen ihm aber nicht an die Füße. Viel zu unbequem.

Apropos Mode. Was bei den Dietrichs ins Auge fällt: Keiner von ihnen geht als schickes Burgfräulein oder edler Ritter. "Alle wollen ständig zur Oberschicht gehören, obwohl in Wahrheit die Mehrheit schon immer die anderen gewesen sind", erklärt Klaus Dietrich den bäuerlichen Aufzug. "Wir repräsentieren lieber das einfache Volk."

Auch wenn man vermuten könnte, dass die Dietrichs über die Mode zum Mittelalter gekommen sind. Das täuscht. "Uns hat zuerst die Musik begeistert", berichtet Katja Dietrich. Die 61-Jährige mit den feuerroten Haaren und ihr Mann sahen die Band Spilwut von Festivalorganisator Roman Streisand das erste Mal bei der Walpurgisnacht im Harz. "Wir lieben den Klang der alten Instrumente, die man heute sonst kaum noch hört", erklärt sie ihre Faszination. Außerdem sei das Essen hier lecker und die Handwerkskunst toll.

Nur wenige Meter weiter wird es ungemütlich. Dort stehen zwei raubeinige Typen an einem Holztresen. Die in die Jahre gekommenen Männer tragen Kettenhemd, Lederwams und Helm. Sie haben schon das ein oder andere Schwarzbier zu sich genommen. Bei einer einmaligen Gelegenheit wie dieser wollen sie nicht nur mit ihren reichverzierten Schwertern glänzen, sondern auch mit ihrem schier unendlichen Wissen über das Rittertum.

Einer der beiden ist der Eberswalder Tassilo Prütz - groß und stämmig. Der 55-Jährige ist im echtem Leben Krankenpfleger. Beim Oster-Kloster-Fest stellt er einen Ritter aus dem 10. Jahrhundert dar. Damit wären er und sein Kumpan sich nie über den Weg gelaufen. Denn der trägt nach eigenen Angaben eine Uniform aus dem 15. Jahrhundert. Die beiden Rüstungen unterscheidet, dass sie über die Jahre aufwendiger wurden. Der Kumpan möchte - wie viele andere an diesem Tag - seinen echten Namen nicht verraten. Der 62-jährige ehemalige Lehrer aus Eberswalde - grauer Bart und Brille - hört hier auf den klangvollen Namen Rumata von Estorien. Ihn interessieren besonders die Waffen jener Zeit. Das Schwert, das er in den Händen hält, ist aber nicht original. "Biste verrückt? Das würde ja 10 000 Euro kosten", ruft er aus - und berichtet anschließend bedauernd von seinem Niedergang und dem der anderen Ritter.

Gleich über ein ganzes Reiselager mit Feldlazarett und Händlerständen befiehlt ein echtes Original. Der 70-Jährige - ein gemächlicher Typ in historischer Ärztekluft - verkörpert einen Anhänger der Hospitaliter. Der Ritterorden hatte sich im frühen Mittelalter der Armen- und Krankenpflege verschrieben. Der Eberswalder hört auf den edlen Namen Norbert Richard de Lyc von Gusewski. Kaum zu glauben, aber dieser Name ist echt. "Ich bin der letzte Fürst von Gusiw", beteuert er. Seine Familie sei masowischer Adel aus einem Gebiet im heutigen Polen.

Von Gusewski bezeichnet sich als Spätberufenen. Er habe eine Tante gehabt, die hätte gesagt: "Du bist ein Ritter." Er habe mit seiner Familiengeschichte aber nichts zu tun haben wollen. Dann ging es ihm gesundheitlich schlecht. Er schwor, dass er sich mit seinen Vorfahren auseinandersetzen würde, wenn er wieder auf die Beine käme. Seit 1996 trägt er ausschließlich mittelalterliche Kleidung, die seine Frau ihm näht. Studiert die damalige Medizin, schmiedet allerhand und lebt das Mittelalter.

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