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In Potsdam bricht eine Debatte über die Rückkehr zum alten Stadtbild neu auf

Debatte um Potsdamer Stadtbild: Wie viel Barock, wie viel Moderne?

Alt und neu: links das Fortunaportal des Potsdamer Stadtschlosses, rechts die marode Fassade der Fachhochschule aus den 1970er-Jahren.
Alt und neu: links das Fortunaportal des Potsdamer Stadtschlosses, rechts die marode Fassade der Fachhochschule aus den 1970er-Jahren. © Foto: dpa
Ulrich Thiessen / 17.03.2016, 16:53 Uhr
Potsdam (MOZ) Der Nachbau des Potsdamer Stadtschlosses steht, die barocken Stadtpalais an der Havel sind fast fertig und ab 2018 soll die restliche Rekonstruktion der historischen Altstadt beginnen. Oder kommt doch noch einmal alles anders und die DDR-Bauten werden neu bewertet?

André Tomczak sitzt in der dritten Etage des ehemaligen Rechenzentrums für den Bezirk Potsdam. Der Plattenbau mit seinem Kosmonautenfries rund um das Erdgeschoss hätte längst abgerissen werden sollen. Im vergangenen Jahr besann sich die Stadt eines anderen und bot jungen Kreativen Büroräume für zunächst drei Jahre zum Betriebskostenpreis an. 100 Büros sind bereits vermietet.

Der 31-jährige Kunsthistoriker will, dass das Rechenzentrum auf jeden Fall erhalten bleibt - auch wenn unmittelbar daneben der Turm der Garnisonkirche wieder aufgebaut werden sollte. Er hat zusammen mit zwölf Mitstreitern, vom Architekten bis zum Busfahrer, wie er erzählt, die Initiative "Potsdamer Mitte neu denken" gegründet.

Noch eine Bürgerinitiative, die bei der Gestaltung der Innenstadt mitreden will, könnte man ob der unüberschaubaren Zahl von Vereinen und Gruppen sagen, die sich regelmäßig in Potsdam zu Wort melden. Die Forderung von Tomczak und dessen Mitstreitern geht jedoch weit über die Anliegen der anderen Gruppen hinaus. Sie fordern ein Moratorium für den Bereich vom Alten Markt bis zur Garnisonkirche. Keine weiteren Abrisse, keine historisierenden Neubauten, sondern erst eine neue Diskussion über bestehende Gebäude und deren Nutzung, lautet die Prämisse.

Wichtigster Streitpunkt ist das Gebäude der Fachhochschule gleich neben dem Landtag. Nach jetzigen Planungen soll es ab Ende 2017 abgerissen und die alten Straßenzüge mit kleinteiligen Parzellen wieder bebaut werden. Für die jeweiligen Ecken sind Rekonstruktionen der barocken Fassaden geplant.

Die Initiative "Potsdamer Mitte neu denken" will zwei Dinge: einerseits Nachkriegsbauten erhalten und die widersprüchliche Geschichte so erlebbar machen. Andererseits plädiert sie dafür, das große Gebäude mit der inzwischen unansehnlich gewordenen Lamellenfassade nicht für einige teure Eigentumswohnungen zu opfern, sondern es mit öffentlichem Leben neu zu füllen.

Tomczak denkt an ein Haus der Zukunft - ein Transferzentrum aller brandenburgischen Hochschulen, ein Gründungs- und Innovationszentrum und im Gebäudeteil am Alten Markt an ein Kongresszentrum. Lauter Zentren im Zentrum also - ein Gebäude, gefüllt mit jungen Leuten und neuen Ideen. Außerdem wehrt er sich gegen das Argument, dass der 70er-Jahrebau nicht zum Stadtschloss und zur Nikolaikirche passe und schwärmt von den vertikalen Linien in allen drei Bauten und von spannungsreichen Bezügen der Gebäude.

Saskia Hüneke, Stadtverordnete der Grünen, warnt davor, jetzt ein Bau-Moratorium für die Innenstadt auszusprechen. Damit würde all das jetzt Erreichte in Frage gestellt, argumentiert sie. Hüneke verweist auf den jahrelangen Diskussionsprozess, dessen Ergebnisse über mehrere Kommunalwahlen hinweg immer wieder bestätigt wurden.

Es gehe nicht darum, der DDR-Architektur die Qualität abzusprechen, betont sie. Auch nicht der Fachhochschule. Aber nach dem Krieg sei in Ost und West in ähnlicher Weise die gewachsene Stadtstruktur aufgerissen worden. Die wolle man wiedergewinnen und die hohe Aufenthaltsqualität, die die Potsdamer Plätze auszeichnete, erlebbar machen.

Hüneke hätte gern einen Teil der Hochschulfassade erhalten, sagt sie. An der Nordseite des Gebäudes, wo die Stadt und Landesbibliothek umgebaut wurde, wäre das möglich gewesen. Stattdessen wurde dort eine beliebige Glasfassade vor das frisch sanierte Betonskelett gehängt.

Auch Mike Schubert, SPD-Fraktionschef in der Stadtverordnetenversammlung, will die Debatte nicht noch einmal neu führen. Es gebe beispielsweise an der Havelbucht in Sichtweite des Stadtschlosses ein ganzes Ensemble DDR-Bauten - mittendrin ein besonderer Pavillon aus Spannbeton, die sogenannte Seerose. Schubert ist daran gelegen, einen weiteren Streitpunkt in der Innenstadt zu einem Abschluss zu bringen: das Hotel Mercure im Lustgarten. Die Mehrheit der Stadtverordnetenversammlung erwartet von Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) bis zum Sommer ein Konzept, ob und wie das ehemalige Interhotel erworben und der Abriss finanziert werden könnte. Ziel ist es, gegenüber dem Stadtschloss den Lustgarten wieder erlebbar zu machen.

Dagegen läuft die Linke in Potsdam Sturm und fordert eine Bürgerbefragung. Mit solch einem Instrument hatte die Oppositionspartei schon einmal Erfolg, als es darum ging, den Standort für den Neubau der Schwimmhalle festzulegen. Die Mehrheit der Bürger entschied sich erwartungsgemäß für das Gelände am Brauhausberg in unmittelbarer Nähe des Bahnhofes. Dort wird inzwischen gebaut und das Entsetzen ist bei vielen Potsdamern groß, was für ein riesiger Betonklotz jetzt die Sicht auf den alten Landtag versperrt.

"Man muss mit den Konsequenzen einer Bürgerbefragung leben", sagt Saskia Hüneke, die einen Standort im Norden der Stadt für verträglicher gehalten hatte. Linken-Fraktionschef Hans-Jürgen Scharfenberg lobt die Funktionalität im Inneren des neuen Bades. Ein spektakuläres Äußeres sei für den Preis nicht zu machen, sagt er.

Nicht nur der Bad-Neubau, auch andere Gebäude der Nachwendezeit sind bei den Potsdamern auf wenig Gegenliebe gestoßen. Da war zunächst der klotzartige Hauptbahnhof und dann in Nähe des Filmmuseums der Neubau der Industrie- und Handelskammer mit seinen schießschartenartigen Fenstern. Diese Bauten werden bis heute als Argumente für die barocke Rekonstruktion der Innenstadt und das Unvermögen der modernen Architektur angeführt.

Tomczak ist überzeugt, dass gerade jetzt viel möglich ist in der Landeshauptstadt. Die Bürger wollen mitdiskutieren, beispielsweise über Erhalt oder Abriss des Mercure. Diesen Schwung wollen er und seine Mitstreiter nutzen, um die rund 13 000 Unterschriften für ein Bürgerbegehren zu sammeln. Wenn das nicht angenommen wird, wäre ein Bürgerentscheid der nächste Schritt. Zunächst aber muss noch eine griffige Formulierung gefunden werden, die die ganze komplizierte Diskussion zusammenfasst und vor den strengen Augen der Verwaltung rechtlichen Bestand hat.

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