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Die Show geht weiter

Anna Fastabend / 31.03.2016, 07:15 Uhr
Eberswalde (MOZ) Die Zinneckers lassen sich trotz schwerem Schicksalsschlag und Gegenwind nicht unterkriegen. Die Zehn glauben an ihren Zirkus Alamos. Noch bis Sonntag erwarten Besucher herzerfrischende Clownerie, atemberaubende Artistiknummern und Tiere wie aus dem Streichelzoo.

"Guten Tag, ich wollte wissen, wie teuer die Karten sind?", fragt eine weibliche Stimme, die aus Christine Zinneckers Handy zu hören ist. "In der ersten Reihe 20 Euro für Erwachsene, weiter hinten ist es günstiger", antwortet die Zirkus-Chefin freundlich. Die Telefonstimme wirkt unschlüssig, fast ein bisschen gelangweilt: "Ach, so viel? Haben sie Wildtiere im Programm?" Christine Zinnecker verdreht die Augen. Dann sagt sie höflich: "Nein. Löwen oder Tiger will niemand mehr in der Manege sehen." Die Dame am anderen Ende: "Hm, dann muss ich überlegen." - "Natürlich. Gern. Tun Sie das."

Zirkus Alamos steht seit vergangener Woche auf dem Finower Festplatz. Das Geschäft läuft erschreckend schlecht für so eine große Stadt wie Eberswalde, berichtet die 40-Jährige. Die Familie, die zum ersten Mal in der Waldstadt gastiert und mit freudiger Erwartung anreiste, hat bisher nicht mal ein Viertel der Ausgaben eingenommen. Von heute an bis Sonntag bleiben ihr dafür noch vier Tage. "In Dörfern mit 5000 Einwohnern haben wir schon mehr Zuschauer gehabt", sagt sie enttäuscht. Erklärungen müssen her. Die hübsche Frau - blondierte Haare, grüne Augen, puppenhafte Gesichtszüge - zählt auf: Das Zelt ist von der Straße aus nicht zu sehen. Die Leute seien ausgehungert nach Sonne und hätten bei dem schönen Wetter ihre Freizeit lieber an der frischen Luft verbracht. Über Ostern hätte es einfach zu viele Konkurrenzveranstaltungen gegeben. Und Ende des Monats sei bei vielen das Geld alle.

"Dabei ist eine Zirkusvorstellung doch etwas Wunderschönes", sagt Christine Zinnecker mit Nachdruck. Bei uns kann man in eine andere Welt eintauchen. Da sind die Bekannten von ihnen, die ein ganz "normales Leben" führen, sagt sie. Die würden in Büros arbeiten und viel Geld verdienen. Die könnten sich die teuersten Shows leisten. Aber wenn sie im Zirkus sitzen und ihre Enkelin, die dreijährige Elena, als Clown verkleidet durch die Mange wuseln sehen, oder ihre 21-jährige Tochter Vanessa als Luftakrobatin, wären sie wie verzaubert. "Wenn ich in ihre Gesichter sehe, dann sehe ich das Staunen", so Zinnecker. Überhaupt seien Staunen und Lachen wichtig. Die Sorgen seien für einen Moment lang vergessen.

Auch ihre eigenen Sorgen. Denn für den Zirkus Alamos war 2016 das mit Abstand schwerste Jahr seines neunjährigen Bestehens, so die Chefin. Ihr Mann, Stefan Zinnecker, erlitt einen Herzinfarkt. Konnte sich aber glücklicherweise wieder erholen. In Neuruppin hatte jemand der Familie kurz darauf vorgeworfen, sie würde unter anderem gegen den Tierschutz verstoßen. Das Veterinäramt kam vorbei - alle Vorwürfe erwiesen sich als haltlos. Das Amt lobte sogar die vorgefundenen Bedingungen für die Ponys, Ziegen und Lamas, wie der Ruppiner Anzeiger berichtete.

"Unsere Branche ist in Verruf geraten", sagt Christine Zinnecker. Dies liege an den schwarzen Schafen. Die gebe es in anderen Branchen aber auch, so die 40-Jährige. Dennoch müssten die Zirkusleute wie kaum einer dagegen ankämpfen. In Neubrandenburg etwa hätten vermeintliche Tierschützer Plakate zerstört und Farbbeutel an die Wagen geworfen. Die Familie hatte einen Schaden von mehreren Tausend Euro.

Dabei hätten sie nur Vierbeiner, die auch zu Hause oder auf einem Bauernhof gehalten werden können. Darunter Zebu-Rinder, Hunde und Alpakas. "Wir haben 2007 sogar ganz ohne Tiere angefangen", berichtet sie. "Wir hatten nur Artistik- und Clownsnummern im Programm." Doch das sei den Besuchern nicht genug gewesen. "Da kam die Omi mit ihrer Enkeltochter und hat gefragt, wo denn die Ponys sind." Leider gebe es da zwei Lager: Die einen wollen exotische Tiere sehen. Denen bieten sie nicht genug. Die anderen stünden dem Zirkus insbesondere wegen der gehaltenen Tiere kritisch gegenüber. Wie man es macht, macht man es falsch.

So war es auch mit den Flüchtlingskindern. Familie Zinnecker hatte diese eine Zeit lang in die Vorstellungen eingeladen. "Sie glauben gar nicht, wie die Mädchen und Jungen bei uns aufgeblüht sind." Doch dann habe es böse Kommentare aus der Bevölkerung gegeben. "Wieso kommen die umsonst oder vergünstigt rein - und wir nicht?", hätten viele gefragt. "Dabei weise ich niemanden ab, nur weil er zu wenig Geld hat", sagt Christine Zinnecker.

Trotz aller Schwierigkeiten will die Familie nicht aufgeben. Sie liebt das Zirkusleben und möchte den Menschen für einen kurzen Moment Unbeschwertheit und Glück schenken.

Zirkus Alamos, Festplatz ehemalige Chemische Fabrik, Donnerstag, Freitag, Sonnabend ab 16 Uhr, Sonntag 11 Uhr, 0174 9574034, www.zirkus-alamos.de

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