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Händchen halten wie Hänsel und Gretel

Eintritt in die Märchenwelt: Der Rabenmensch (Jacek Klinke) ist der Wächter des Tores. "Es wird Zeit, dass ihr euch erinnert. Es wird Zeit, dass ihr tief in den alten Wald geht", ruft er den Zuschauern zu.
Eintritt in die Märchenwelt: Der Rabenmensch (Jacek Klinke) ist der Wächter des Tores. "Es wird Zeit, dass ihr euch erinnert. Es wird Zeit, dass ihr tief in den alten Wald geht", ruft er den Zuschauern zu. © Foto: Andreas Gora
Anna Fastabend / 18.04.2016, 07:05 Uhr - Aktualisiert 18.04.2016, 15:20
Eberswalde (MOZ) Mensch und Natur zusammenbringen - das ist ein Ziel von Waldwelten. Zum fünfjährigen Bestehen hat die Stiftung die Theatergruppe Anu mit ihrer Märcheninszenierung "Schattenwald" eingeladen. Mit bis zu 50 Zuschauern starteten die Wanderungen am Forstbotanischen Garten.

"Habt ihr das Handy aus?" - werden die beiden Nachzügler gefragt. Nein. So ein Mist. Es liegt irgendwo tief unten im Rucksack. Wie soll man da jetzt rankommen, in der Dunkelheit, mit einem Schirm in der einen und einer schwach leuchtenden Funzel in der anderen Hand. Zum Glück ist die Gruppe bestens gelaunt und hilfsbereit. Sie hat sich nach Sonnenuntergang zur ersten Theaterführung "Schattenwald" zusammengefunden. Eine blonde Frau nimmt die Leuchte ab. Ihr Gesicht ist im düsteren Wald nur schemenhaft zu erkennen. Das Handy kann lautlos geschaltet werden. Der 70-minütige Fußmarsch beginnt.

Die Berliner Theatergruppe Anu verwandelt mit der Inszenierung „Schattenwald“ am Wochenende den Eberswalder Forst.
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Hunderte wandern durch die Märchenwelt

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Den Wanderern säuseln Stimmen von den Bäumen zu. Beim Blick nach oben sieht man kleine Lautsprecher, aber vor allem die schlanken, biegsamen Baumstämme, die sich schier endlos in den grauen Himmel schrauben. Wow. Irgendwie irre und gut. Im Bauch kribbelt es wie zuletzt beim Horrorfilm "Blair Witch Project". Bei dem Studenten im Wald auf Hexenjagd gingen. Nein, es kitzelt so wie auf der Klassenfahrt nach Sachsen-Anhalt, als man die Filmszenen eines Nachts nachgespielt hat. Nur gut, dass man jetzt nicht allein ist. Die harmlos wirkenden Fremden um einen herum. Die hübschen Laternen mit dem Scherenschnitt.

Die Flüsterstimmen möchten, dass man sich auf die Reise in die Welt der Grimm'schen Märchen und germanischen Mythen begibt. Die Wanderer sollen den Wald hören, riechen und fühlen. Ein bisschen klappt das auch. Der moosbedeckte Boden hat sich mit Regenwasser vollgesogen und gibt bei jedem Tritt nach. Manchmal knacken unter den schweren Stiefeln Äste. Doch statt nach Harz riecht es nach Gesichtscreme. Und hören tut man vor allem die anderen. Die tuscheln. Und an einigen Stellen den Rettungshubschrauber. "Der fliegt doch normalerweise nicht so oft", wundert sich die blonde Frau Bianca Leukhardt, die mit ihren beiden Söhnen teilnimmt.

Ein riesiger Rabe steht vor der Eberswalderin und den anderen auf einem Baumstamm. Der bewegt sich, flattert und krächzt. Dann nimmt er den glänzenden Vogelkopf ab. Auch ohne die Maske gibt sich der weißgeschminkte Schauspieler (Jacek Klinke) vogelhaft. Springt zwischen den Zuschauern herum. Und erzählt mit klagender Stimme die Geschichte von Walah, einem Holzfäller, der zu Urzeiten den heiligsten Baum aller Bäume gefällt hat. Zur Strafe wurde er von einer Nymphe zu unstillbarem Hunger verurteilt. Er verspeist erst den Wald, dann seine Schwestern und Brüder und zum Schluss sich selbst. Damit es den Teilnehmern des Abends - allesamt wahrscheinlich vom Konsum schon ziemlich zerfressen - nicht ebenso ergeht, schickt der Rabenmensch sie in die Märchenwelt. Aber erst, nachdem sich alle brav einen Partner ausgewählt haben, den sie wie Hänsel und Gretel an den Händen halten. Das klappt trotz des zumeist fortgeschrittenen Alters der Teilnehmer erstaunlich gut. Vielleicht, weil die Mitmachenden der Wanderung eher offen für Neues sind.

Es geht an leuchtend weißen Zeichnungen vorbei, die Märchenszenen zeigen. "Die sieben Raben, die sieben Geißlein, die sieben Zwerge", zählt Friedrich Leukhardt auf. Woher er das weiß? "Für irgendetwas muss das jahrelange Gucken von "Simsala-Grimm' auf Kika ja gut gewesen sein", erklärt der 15-Jährige. Es geht ziemlich steil hinauf. "Mama, hier waren wir doch zum Eiertrudeln", ruft der zehnjährige Heinrich.

Oben angekommen, wartet alles nur auf das "Trödelfleisch". So bezeichnet der zweite Rabe des Abends (Markus Moiser), der gleichzeitig eine todgeweihte Unke spielt, eine Frau, die nicht Schritt halten kann. Frech. Doch mit der bald toten Kröte muss man nachsichtig sein.

Keine Minute des Stückes ist langweilig. Die Schauspieler beherrschen es, Figuren zu spielen, die halb Mensch, halb Tier sind. Die Requisiten aus beleuchteten Tüchern und schwarzen Umhängen sind für Märcheninszenierungen angenehm schlicht und gradlinig. Die Texte, die den Zuhörer zu einem achtsamen und liebevollen Umgang mit der Natur bewegen sollen, sind poetisch und präzise auf die kurzweiligen Szenen abgestimmt. Für einen Moment lang glitzert es im düsteren Geäst.

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