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Vorlesestunde einmal anders

Laptop statt Buch: Daven (15), Richard (14) und Benjamin (14, v. l.) kichern mehr als sie lesen.
Laptop statt Buch: Daven (15), Richard (14) und Benjamin (14, v. l.) kichern mehr als sie lesen. © Foto: MOZ/Anna Fastabend
Anna Fastabend / 19.04.2016, 08:00 Uhr
Eberswalde (MOZ) Karaoke-Singen, aber Karaoke-Lesen? Dass das Event Spaß macht, zeigt der Auftakt zur Festwoche 70 Jahre Stadtbibliothek. Neuntklässler lesen aus Jugendbüchern vor. Den Klassenkameraden gefällt's. Einrichtung und Literaturvermittler bedienen sich eines einfachen Tricks.

Der Anblick eines simplen Buches sorgt nur noch selten für Begeisterungsstürme. Ebenso die Wasserglaslesung - also die Anwesenheit des Autors und seine Stimme, die live eine Geschichte vorliest. Heute muss da scheinbar wesentlich mehr passieren. Vor allem dann, wenn es darum geht, Jugendliche zum Lesen zu bringen. In Zeiten von digitalen Medien haben es Bibliotheken wie die städtische in Eberswalde schwer, genügend Nutzer in ihre Räumlichkeiten zu bewegen.

Deshalb ist auch im Literaturbereich das Event die Veranstaltung der Stunde. Oberstes Gebot: Kurzweiligkeit und Interaktion mit dem Publikum. Denn das gesprochene Wort allein - total öde. Dies wissen auch die Organisatoren der Festwoche zum 70-jährigen Bestehen der Einrichtung und werben mit zahlreichen kostenlosen Veranstaltungen - jeweils auf die verschiedenen Altersstufen abgestimmt - kräftig für das Buch und das Lesen. Mit der Unterstützung von Hilfsmitteln wie Beamer, Laptop, Kabarett, Puppentheater, Ralley, Clownerie und Glücksrad.

Vor allem die "Generation Snapchat" - die Software ist ein Nachrichtendienst - sei total lesefaul, glauben viele Erwachsene. Bei denen würde sich wie im Messenger selbst fast alles um Bilder drehen. Dass es sich bei diesen Annahmen um unbestätigte Vorurteile handelt, erklärt der Berliner Literaturvermittler Frank Sommer den neunten Klassen des Gymnasiums Finow. Bevor sie mit dem Karaoke-Lesen loslegen, gibt er den 14- bis 16-Jährigen einen kurzen Überblick über das aktuelle Leseverhalten der Menschen.

Er lässt sie schätzen, wie viele Stunden sie pro Tag mit dem Lesen verbringen. "Sind es zwei Stunden oder acht?", fragt er. Die Neuntklässler liegen gar nicht so falsch. Schließlich stecken sie allein schon für die Schule ihre Köpfe dauernd in irgendwelche Bücher. "Um es noch einmal zu betonen", sagt Sommer, "wir lesen pro Tag acht bis zehn Stunden." Auch wenn oft anderes behauptet würde, heutzutage werde mehr gelesen als vor 20 Jahren.

Doch der Schriftträger ändert sich. Die Informationen werden statt über Printprodukte nun oft über E-Book-Reader, Computer und Handys konsumiert. Das bestätigen am Montagvormittag auch die Gymnasiasten. Als Sommer fragt, wer denn noch Zeitung liest, melden sich lediglich drei. Bei der Frage, wer die neuesten News über das Mobiltelefon empfängt, heben Dreiviertel der 52 Schüler die Hände.

Dann startet das Karaoke-Lesen. Dies ist im Prinzip nichts anderes als das Vorlesen von Textstellen. Es klingt aber einfach besser. Auf Literaturevents dieser Art ist die Agentur von Frank Sommer spezialisiert. Am Freitagabend etwa stellt er auf satirische Weise die Besteller der vergangenen 30 Jahre vor. Beim Karaoke-Lesen tragen Freiwillige aus von ihm mitgebrachten Textstellen vor. In denen geht es um die Stoffe, die nicht nur Jugendliche lieben: Sex, Crime und Co.

Unter den Büchern ist auch "Mein Tagebuch" von "Freshtorge". Einem Youtube-Star, der eigentlich Torge Oelrich heißt und unter Jugendlichen ein beliebter Comedian ist. In dem Buch schildert er persönliche Erlebnisse aus seiner Schulzeit und den Weg zum Youtube-Star. Auch Figuren aus seinen Sketchen kommen zu Wort. Das Buch besteht aus wenig Text, vielen Bildern und Ratespielen. Auch hier ist die Abwechslung offenbar ein Erfolgsgarant.

Die Jugendlichen, die vorn sitzen, lesen meist abwechselnd vom Laptop aus den Jugendbüchern vor. Für das Publikum sind die Textstellen an die Wand projiziert. Bis auf den Einsatz der verschiedenen Medien und dem Fehlen des Gedruckten eigentlich eine ganz normale Lesung. Die in dem Format des Karaoke-Lesens bei den Jugendlichen gut ankommt.

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