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Die Eberswalder Studentinnen Leena-Maret Kröger und Steffi Wank haben Bootsflüchtlingen auf griechischer Insel geholfen

"Wir sind in den Bulli und los"

Anna Fastabend / 19.04.2016, 23:10 Uhr
Eberswalde (MOZ) Sie waren nächtelang wach und haben Hunderte Liter Tee gekocht. Leena-Maret Kröger und Steffi Wank haben auf der griechischen Insel Chios Bootsflüchtlinge empfangen.

"Wir sind in den Bulli und los" - mitten in die Pampa der grieschischen Insel Chios. Ein Holzboot ist in der Dunkelheit mit einem Felsen kollidiert. Die syrischen Frauen, Männer und Kinder sitzen fest. Die beiden Helferinnen Leena-Maret Kröger und Steffi Wank hören die Rufe der Geflüchteten vom Hafen aus. Sie suchen mit dem Fernglas das nächtliche Meer ab und entdecken ein beleuchtetes Boot. Dort angekommen, können sie nichts tun. Das Wasser ist zu tief. Sie holen mit dem Handy Hilfe. Die Menschen können gerettet werden.

Es sind Momente wie diese, an die sich die beiden Studentinnen der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde ihr Leben lang erinnern werden. Leena-Maret Kröger (24) - hellbraune Dreadlocks, seit Langem sozial engagiert - und Steffi Wank (26) - dunkelbraune Locken, berät an der HNE geflüchtete Studierende - sind von Mitte Dezember bis Mitte Februar als Flüchtlingshelferinnen unterwegs. Erst anderthalb Monate auf Chios. Danach die Balkanroute entlang. Die Reise finanzieren sie selbst. Für die Hilfsgüter sammeln sie im Freundes- und Bekanntenkreis Spenden ein.

Die Idee kommt den Freundinnen durch ihre Hilfe in der örtlichen Notunterkunft. "Wir sind dort seit September aktiv. Die Bewohner haben uns viel von ihrer Flucht erzählt", sagt Leena-Maret Kröger. Irgendwann kam für sie der Punkt, an dem sie nicht mehr stillsitzen und einfach weiterstudieren konnte, so die junge Frau. "Wir sind los, um uns selbst ein Bild zu machen." Was sie erwartet und wie sie helfen können, wissen die jungen Frauen zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Doch kaum auf der Insel angekommen, fügt sich alles wie von selbst. Sie schließen sich der Nichtregierungsorganisation Dresden-Balkan-Konvoi an, zu der sie vor ihrer Reise Kontakt aufgenommen haben. "Die Insel ist recht klein. Die Freiwilligen sind gut vernetzt. Man unterstützt sich gegenseitig." Die Studentinnen mieten sich mit anderen eine Wohnung mit Blick aufs Meer, um die ankommenden Boote möglichst früh zu entdecken.

Eine sinnvolle Aufgabe ist schnell gefunden. Sie übernehmen eine mobile Feldküche, mit der sie Tee für die durchgefrorenen Neuankömmlinge zubereiten. Fast jede Nacht brechen sie mit Bulli und Feldküche gegen 23 Uhr in die Dunkelheit und Kälte auf. Beim Hafen Ag. Ermioni angekommen, bereiten sie über Feuer süßen Tee zu. Es dauert fast zwei Stunden, bis das Wasser heiß ist. Sie kochen zwischen 80 und 200 Liter am Tag für Hunderte Geflüchtete. Bis es soweit ist, schlafen die Freundinnen im Bulli. Legt ein Schlauchboot an, herrscht reges Treiben. Im Hafen befinden sich zahlreiche Unterstützer, ausländische und viele einheimische, darunter auch Ärzte. "Die Inselbewohner sind extrem hilfsbereit. Sie haben die Leute lange vor den übrigen Freiwilligen in Empfang genommen, ihnen Essen und Kleidung gegeben." Die durchnässten, frierenden und erschöpften Menschen werden an Land geholt und aus meist untauglichen Rettungswesten geschält, berichten die Freundinnen. Dann bekommen sie trockene, warme Kleidung, auch Socken, die die Studentinnen von Spendengeldern gekauft haben. Zur Stärkung gibt es Obst, Kekse und den heißen Tee. Von dort aus geht es für die Geflüchteten in das Camp Tabakika.

Endlich in Sicherheit hätten die Menschen ganz unterschiedlich reagiert, so Leena-Maret Kröger. Viele seien erstaunlich positiv gewesen, so Steffi Wank. Hätten getanzt, gesungen und gescherzt. Besonders schnell hätten sich oft die Kinder erholt. Andere stünden erst einmal unter Schock. Doch alle seien natürlich erleichtert, die gefährliche Überfahrt von der Türkei nach Griechenland überlebt zu haben. Einige seien allerdings relativ fordernd aufgetreten, so die Studentinnen. "Das liegt an den Schleppern. Die erzählen manchmal, dass zu der rund 1000 Euro pro Person teuren Überfahrt Essen, Trinken und trockene Kleidung am Zielort dazugehören." Derartige Begegnungen seien allerdings selten gewesen. "Die meisten Ankommenden sind einfach nur unglaublich dankbar."

Gegen späten Vormittag ist die Arbeit am Hafen getan. Die Freundinnen ruhen sich aus. Später besuchen sie die Menschen im Camp. "Zuhören, für sie da sein - das ist das Wichtigste", sagt Steffi Wank. Eines Tages erreicht die Studentinnen die Nachricht eines geflüchteten Freundes aus der Eberswalder Notunterkunft. Seine Großmutter ist gerade auf Chios gelandet. Die jungen Frauen machen sich auf die Suche nach der alten Frau und finden sie.

Die Zustände auf Chios und in Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze haben sich seither dramatisch verschlechtert. Die wenigen Geflüchteten, die nach dem EU-Türkei-Abkommen die Insel erreichen, dürfen das Registrierungscamp nicht verlassen. Und unabhängige Helfer dürften nicht hinein, haben sich die Studentinnen berichten lassen. Die Fähren würden umgeleitet. Darunter wiederum leide die lokale Wirtschaft, die vom Tourismus lebe. Die Inselbewohner helfen trotzdem weiter, berichten die jungen Frauen, fühlen sich aber von der Regierung im Stich gelassen. In Idomeni seien bereits mehrmals unabhängige Freiwillige wie sie festgenommen worden.

Leena-Maret Kröger und Steffi Wank sind bei facebook unter http://bit.ly/1p8XzeN zu erreichen. Wer Geld spenden will oder selbst vor Ort unterstützen, kann sich bei ihnen melden.

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