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Helga Pollak-Kinsky beeindruckt Schüler

Zeitzeugin schildert Oranienburger Schülern ihre Zeit in Theresienstadt

Einst und Jetzt: Helga Pollak-Kinsky stellte Schülern in Oranienburg ihr Buch vor. Im Hintergrund ist das Cover des Tagesbuchs mit ihrem Bild und dem ihres Vaters zu erkennen.
Einst und Jetzt: Helga Pollak-Kinsky stellte Schülern in Oranienburg ihr Buch vor. Im Hintergrund ist das Cover des Tagesbuchs mit ihrem Bild und dem ihres Vaters zu erkennen. © Foto: MZV
Hagen Richau / 29.04.2016, 10:08 Uhr
Oberhavel (OGA) "Den Menschen zuerst als Menschen betrachten." Das ist die vordergründige Botschaft, die Helga Pollak-Kinsky den Schülerinnen und Schülern des Georg-Mendheim-Oberstufenzentrums in Oranienburg mit auf den Weg gab. Am Donnerstag fand dort eine noch vom ehemaligen Leiter der Schule und derzeitigen Dezernenten für Bildung und Jugend im Landkreis Oberhavel, Dieter Starke, initiierte Lesung mit der Holocaust-Überlebenden statt.

Die 1930 geborene Pollak-Kinsky las zusammen mit der Herausgeberin Hannelore Brenner Auszüge aus ihrem 2014 veröffentlichten Buch "Mein Theresienstädter Tagebuch 1943 - 1944" vor. Es schildert das Erlebte im Ghetto aus der Perspektive einer Jugendlichen, die das Grauen der Nazi-Herrschaft am eigenen Leib erfahren musste.

Die Autorin steht dabei als lebende Zeugin für das Vermächtnis der gerade einmal 15 Mädchen von Zimmer 28 des Mädchenheimes in Theresienstadt, die den Holocaust überlebten. Pollak-Kinskys Tagebuch-Aufzeichnungen dokumentieren dabei in beeindruckender Weise die Ängste, Sehnsüchte und Hoffnungen der Kinder, die sie teilten, die sie zusammenschweißten und zu Freundinnen werden ließen. Sie legen aber auch unverblümt dar, wie die Willkür der Nationalsozialisten ihre kleine Gemeinschaft auseinander riss und bisweilen ihr Schicksal, wie auch das tausender anderer besiegelte. "Ich hatte Glück", sagt Pollak-Kinsky. "Von den 1 714 Menschen, die mit mir am 23. Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert wurden, haben nur 211 überlebt."

Auffallend ist die bildhafte und präzise Sprache, in der die Autorin ihre Einträge, trotz ihres damals kindlichen Alters, verfasste. Nur eine Begabung für stilistische Mittel, wie sie es sagt, oder vielleicht darüber hinaus doch auch Ausdruck dafür, frühzeitig erwachsen werden zu müssen. Gerade für die jüdische Jugend habe es kaum eine Möglichkeit zum unbeschwerten Kindsein gegeben.

Wie bewusst die Kinder, nicht nur des Mädchenheimes, den Alltag der Unterdrückung durch die Nationalsozialisten und das eigene, ungewisse Schicksal erlebten, dafür steht in bezeichnender Weise eine von der Autorin in diesem noch so jungen Alter verfassten Geschichte. In dieser wird ein Rehkitz von einem Drachen entführt und gefangen gehalten. Es wird jedoch schließlich von den anderen Waldbewohnern aus dessen Fängen befreit und kann zu guter Letzt zu seiner Mutter zurückkehren. Eine Anekdote, die durchaus als Gleichnis für das Leben von Pollak-Kinsky in der Zeit des NS-Regimes zu verstehen ist.

Entsprechend mahnte die Zeitzeugin die Oranienburger Schüler zu "Toleranz, Verständnis und Empathie im Umgang miteinander." Ihre jungen Zuhörer würdigten die 85-jährige Autorin mit anhaltendem Beifall.

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