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Widerstand mit langer Mähne

Gastredner: Geschichtslehrer Frank Pischel (von links) hatte Carlo Jordan und Madeleine Petschke ins Schulhaus eingeladen.
Gastredner: Geschichtslehrer Frank Pischel (von links) hatte Carlo Jordan und Madeleine Petschke ins Schulhaus eingeladen. © Foto: MOZ/Katrin Hartmann
Katrin Hartmann / 23.05.2016, 22:47 Uhr
Wriezen (MOZ) Historisch gesehen ist die DDR-Zeit nur einen Wimpernschlag entfernt, aus Sicht von Jugendlichen ist sie allerdings Geschichte. Um den Salvador-Allende-Oberschülern die DDR-Zeit näher zu bringen, hat der ehemalige Bürgerrechtler Carlo Jordan am Montag von seinen Erlebnissen berichtet.

Carlo Jordan war Aktivist. Sein Markenzeichen - die langen Haare - hat er inzwischen abgelegt. Seine Lebendigkeit hat er allerdings behalten. Lange Haare als Zeichen des Widerstands? Heute kaum vorstellbar in einer Zeit, in der Jungen wie Mädchen ihren Schopf ganz unbefangen mit langen oder kurzen Haaren bedecken.

Während der DDR-Zeit war das anders, erinnerte sich Carlo Jordan. Für den Zeitzeugen waren seine langen Haare ein Zeichen der Auflehnung, eine Möglichkeit unabhängiger zu sein. "Wir lassen hier keine Hippies mitfahren, hat man mir damals gesagt, als ich bei der Friedensfahrt mitfahren wollte", berichtete der ehemalige Radsportler. "Ich durfte nicht mehr daran teilnehmen. Richtig erklärt hat man mir das nie", erzählte der Bürgerrechtler, Umweltschützer und Politiker, der die Partei "Die Grünen" 1989 mitbegründete.

Auch als er, als Jugendlicher mit einer Jeanshose und einem Cowboy-Aufnäher in die Schule kam, wurde er von der Sekretärin aus dem Flur gezerrt, erzählte der gebürtige Berliner. Dabei wuchs Jordan zunächst in einem System auf, das noch nicht durch Mauern oder Zäune getrennt war. Aufgewachsen ist der heute 66-Jährige in Ostberlin. Der Osten und der Westen unterschieden sich für ihn anfangs vor allem durch eines: "Im Osten gab es alles umsonst und im Westen kostete alles Geld", sagte Carlo Jordan. "Wenn man in das System hineingeboren wird, hinterfragt man es nicht gleich." Erst wenn Konflikte entstehen, seien Auseinandersetzungen unausweichlich.

"Was waren ihre Beweggründe, sich gegen das DDR-Regime aufzulehnen?", wollte ein Schüler wissen. Dafür gab es einige, berichtet der ehemalige Bürgerrechtler. Als Student fing es an. In den 1970er-Jahren beteiligte sich Jordan an Protestaktionen gegen das SED-Regime und legte Erich Honecker 1976 mit anderen einen schriftlichen Protest wegen der Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz vor. Als Folge wurden gegen ihn und seine Mitwirkenden Haftbefehle erlassen.

Ebenfalls beteiligte sich Carlo Jordan an den Protesten gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann, die sich in diesem Jahr zum 40. Mal jährt, bemerkte Madeleine Petschke von der Deutschen Gesellschaft - ein Verein, der mit der Unterstützung des Bundesministeriums des Innern für Jugendliche Gespräche mit Zeitzeugen organisiert. Der Verein will damit die Aufarbeitung Deutscher Geschichte begleiten und den gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Transformationsprozess veranschaulichen.

Ein wichtiger Beitrag, wie auch Geschichtslehrer Frank Pischel findet. Um den Alltag, die Auseinandersetzungen und das politische System in der DDR für seine Schüler zu gestalten, seien echte Erlebnisse eines Zeitzeugen einfach besser, so Pischel. Zudem wolle der stellvertretende Schulleiter damit dem Eindruck entgegen wirken, dass DDR-Geschichte in der Schule vernachlässigt werde. Auch jüngere Geschichte spiele im Unterricht eine Rolle. "Der Stoff soll bei uns im Unterricht nicht nach dem Zweiten Weltkrieg enden", sagte Frank Pischel.

Das Interesse an Gesprächen mit Zeitzeugen erfreue sich unterschiedlicher Resonanz, sagte Madeleine Petschke, die den Schülern zuvor einen Abriss der DDR-Geschichte schilderte. Was Menschen damals bei Fluchtversuchen alles probiert haben, sei für viele Jugendliche heute einerseits beeindruckend, andererseits unvorstellbar, berichtete die Referentin für Politik und Geschichte. So sei der Fluchtversuch des Zeitzeugen Bodo Müller als 15-Jähriger auf der Donau teilweise auf Unglauben und Faszination gestoßen.

Carlo Jordan teilt seine Geschichte gern. Eine Geschichte, über die sich die Schüler im Vorfeld der Unterrichtsstunde auch mit ihren Familien ausgetauscht haben, so Frank Pischel.

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