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Mit Pinselstrich und Straßenwalze

In Gedanken noch das Plakat in der Hand: Die Maueröffnung am 13. Januar 1990 zwischen Stolpe-Süd und Heiligensee war Martin Gietz mehrere Motive wert. Es war der Tag, an dem sich ihm neue Horizonte öffneten. Foto: Roland Becker
In Gedanken noch das Plakat in der Hand: Die Maueröffnung am 13. Januar 1990 zwischen Stolpe-Süd und Heiligensee war Martin Gietz mehrere Motive wert. Es war der Tag, an dem sich ihm neue Horizonte öffneten. Foto: Roland Becker © Foto: MOZ/Roland Becker
Roland Becker / 28.05.2016, 06:00 Uhr
Hennigsdorf (HGA) Schon vor Jahrzehnten hat Martin Gietz gern die Sanddüne im Wald von Heiligensee erklommen. "Auf dem Sandberg habe ich die Schornsteine vom Hennigsdorfer Stahlwerk gesehen." Das, was er sah, war für ihn als Westberliner zwar keine verbotene, aber eine kaum erreichbare Welt. Vielleicht hat er deshalb von der kapitalistischen Inselstadt aus seine Sehnsucht gestillt, als er 1985 die Silhouette sozialistischer Industrie malte. "Das war ein irrer Blick auf die Hennigsdorfer Skyline mit 25 Schornsteinen", erinnert sich der studierte Kunsterzieher.

Niemals hätte er in diesen Jahrzehnten des Kalten Krieges zu hoffen gewagt, einmal in dem Gebäude ausstellen zu können, wo bis 1990 noch ein Bürgermeister mit SED-Parteibuch regierte. Es ist daher wohl kein Zufall, wenn Martin Gietz im Bürgerhaus Alte Feuerwache sehr schnell auf die Bilder zusteuert, in denen er die Grenzöffnung vom 13. Januar 1990 zwischen Stolpe-Süd und Heiligensee - "für mich ein Schlüsselerlebnis" - festgehalten hat.

Es gab damals eben auch Westberliner, für die sich mit dem Mauerfall das Leben zum Positiven änderte, eine neue Dimension bekam. Für Gietz bedeutete das, sich sowohl künstlerisch als auch räumlich gesehen neue Horizonte erschließen zu können. "Als leidenschaftlicher Radfahrer", als der er sich sieht, trat er nun ausgerüstet mit einem Skizzenbuch in die Pedale, um den Wandel der Zeit, aber auch die beruhigende Stetigkeit der Natur über alle politischen Stürme hinweg zu zeichnen. Eine der aquarellierten Radierungen entstand am 5. Februar 1990 und öffnet vom Wasserwerk Stolpe aus den Blick aufs Stahlwerk. "Das war an einem ganz milden Februartag", erinnert sich Gietz an den Tag, als diese heute schon Geschichte widerspiegelnde Ansicht des Havelufers entstand.

Ob als Kaltnadelradierung, als Acrylmalerei oder mithilfe lieblich wirkender Aquarellfarben - Gietz eroberte sich in aller Vielfalt seine neue Heimat. Und die wurde es für ihn - zumindest künstlerisch gesehen. Seine Künstlerwerkstätten befanden sich nun in Neubrück, später in Stolpe - sozusagen als Filialen seines Stammateliers in Konradsberg.

Mittlerweile fühlt sich der 67-Jährige auch in Velten heimisch. Sein Atelier mitten auf dem Gelände der Recyclingfirma Dunkel zeigt er allerdings nicht so gern. Im obersten Stockwerk einer Produktionshalle gelegen, nistet sich dort schon mal eine Taube ein. Und wenn Arbeiter den Bauschutt von Autobahnen zerkleinern, dringt der feine Staub auch bis unters Dach.

In dieser Industriekulisse agiert Gietz auch weniger mit feinem Pinselstrich denn mit robuster Technik. Für seine durchaus bis zu 1,5 mal zwei Meter großen Holzschnitte kommt ihm die Straßenwalze der Firma zupass. "Solche großen Platten gehen durch keine Druckerpresse", begründet er die Wahl des ungewöhnlichen Hilfsmittels. "Wegen der öligen Druckfarbe muss die Walze ganz langsam über die Druckplatte fahren. Sonst kommt sie wie bei einer Bananenschale ins Rutschen", beschreibt der Fachmann die Tücken dieser Technik. Was dabei entsteht, wirkt fast wie eines der modernen Wimmelbilder. Im "Neuer Turm für Babel" zum Beispiel hat der bekennende Fan von Pieter Bruegel dem Älteren so viele Details versteckt, dass der Blick gar nicht davon lassen will. Apropos Blick. Aus diesem etwas unwirtlich wirkenden Atelier fällt dieser auf eine bizarr wirkende Landschaft aus Bauschutt und frühlingshaft grüner Natur. In seinem jüngsten Skizzenbuch hat er genau diesen Blick festgehalten. Einer, der zu den neuen Horizonten gehört, "die sich 1989 für mich eröffnet haben".

Die Ausstellung "Stadtrand - Bilder aus dem nördlichen Berliner Umland" ist in Hennigsdorfs Alter Feuerwache, Hauptstraße 4, nochmals am Dienstag von 10  bis 16 Uhr und am Donnerstag von 14 bis 18 Uhr zu sehen. Zur Finissage am Donnerstag lädt der Künstler nochmals zu Gesprächen ein.

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