Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Oranienburger Bürgermeister ist bekannt

Ist sich treu geblieben: Oranienburgs Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke.
Ist sich treu geblieben: Oranienburgs Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke. © Foto: OGA/Klaus D. Grote
Marion Voigt / 08.06.2016, 22:00 Uhr
Oranienburg (OGA) Beim Einkauf in Oranienburg, beim Kaffeetrinken in einem Straßencafé im italienischen Siena, beim Wandern in den österreichischen Alpen oder bei der Besichtigung der Klagemauer in Jerusalem - egal wo, irgendjemand kennt ihn immer: Hans-Joachim Laesicke, seit 22Jahren Bürgermeister von Oranienburg; von Einheimischen und Freunden kurz "Hansi" genannt.

Er dürfte wohl einer der populärsten Bürgermeister in Brandenburg sein. Betritt er öffentlichen Straßenraum, "habe ich immer eine kleine Versammlung um mich", beschreibt er mit einem Schmunzeln seinen Bekanntheitsgrad. Einkäufe in der Stadt erledigt Ehefrau Annemarie meist allein. "Ich schaffe es nicht mal, vom Auto bis zum Eingang, ohne von Passanten angehalten zu werden", plaudert das Stadtoberhaupt fröhlich aus seinem Alltag. "In den vergangenen Jahren ist kein Urlaub vergangen, in dem ich nicht angesprochen wurde. Dabei bin ich so froh, in der Fremde auch mal ganz inkognito und ohne Bürgermeister-Nimbus unterwegs zu sein. Die Leute stecken einen sofort in eine Schublade, wenn sie hören, der ist Bürgermeister und von der SPD", erzählt das Stadtoberhaupt. Und wie erklärt er dann Urlaubsbekanntschaften, als was er arbeitet? "Ich bin in der Verwaltung für Wirtschaftsförderung und Personal zuständig", hat Laesicke die Antwort sofort parat. "Das ist nicht gelogen."

15 Minuten früher geboren als sein Zwillingsbruder Wolf-Egbert in Eberswalde, aufgewachsen in Britz hat sich der junge Hans-Joachim für ein Studium an der juristischen Fakultät der Martin-Luther-Universität in Halle entschieden. Naturwissenschaften seien ihm ein Gräuel gewesen. "Da schien mir Jura die vernünftigste Alternative." Nach Armeezeit und Studium heiratete er und begann in Berlin bei der Deutschen Außenhandelsbank zu arbeiten. Die Bankkarriere mit Aussicht auf Reisen ins nichtsozialistische Ausland war vorbei, als der hoffnungsvolle Jung-Jurist die Mitgliedschaft in SED und Kampfgruppe ausschlug. Als "enttarnter Klassenfeind in den eigenen Reihen" suchte er einen neuen Job und wurde beim VEB Tiefbau Oranienburg - heute die Tiefbau Peter GmbH - fündig. Dort verdiente er bis zur Wende sein Geld als Justiziar "und ich war glücklich, außer, dass es mich maßlos störte, nicht reisen zu dürfen, wohin ich wollte, nicht lesen zu können, worauf ich Lust hatte und in vielen Persönlichkeitsrechten eingeschränkt zu sein".

Glücklich war der Jurist auch, weil er in Oranienburg eine größere Wohnung bekam. In Berlin hatte er mit seiner Frau und den drei Kindern in einer Eineinhalb-Zimmer-Wohnung im Prenzlauer Berg mit Außentoilette und ohne Badewanne leben müssen. Dagegen war der Plattenbau in der Ernst-Thälmann-, heute Walther-Bothe-Straße "ein Traum."

Er habe sich seit seinem Umzug nach Oranienburg in der Stadt "pudelwohl gefühlt", erzählt der Bürgermeister. Er habe nie zu denen gehört, die sich schämten, Oranienburg als ihren Wohnort preiszugeben. Sätze wie "Ich bin nur beruflich hier und suche gerade eine Wohnung außerhalb" seien nie über seine Lippen gegangen. "Freilich fand ich diesen Geruchscocktail von Pharma, Rußwerk, Kläranlage und VEB Spezialfarben auch nicht berauschend. Aber dafür hatte Oranienburg andere Qualitäten, hier war alles so familiär", blickt Laesicke zurück.

Als sich Ende der 1980er-Jahre der gesellschaftliche Umbruch in der DDR ankündigte, regte sich in dem damals 35-Jährigen wieder sein allgemeiner Unmut auf"dieses Dumpfe, Miefige und die vielen Einschränkungen". Laesicke trat im Oktober1989 dem Neuen Forum bei, "um die Allmacht der SED zu brechen". Im Januar 1990 wurde er SPD-Mitglied, gehörten doch Willy Brandt und der SPD seine großen Sympathien und die "DDR-Blockflöten boten keine Alternative". Bei den ersten freien Kommunalwahlen im Mai 1990 kandidierte er für die SPD und zog in die Stadtverordnetenversammlung ein. Bei der Wahl des Bürgermeisters zog er gegenüber Mitbewerber Udo Semper den Kürzeren, dem die Stadtverordneten "eine deutlich größere Reife" als ihm bescheinigten. Laesicke wurde stellvertretender Bürgermeister. Die erste direkte Bürgermeisterwahl am 5.Dezember 1993 gewann er dann mit deutlicher Stimmenmehrheit. Das Bürgermeisteramt übt er nun in der dritten "und für mich absolut letzten Legislaturperiode" aus.

Nochmals werde er nicht kandidieren, ist sich der 63-Jährige ganz sicher. Wenn er über die Zukunft spricht, benutzt er gern das Wort Lebenszeit statt Zeit. "Je älter ich werde, umso bewusster wird mir, dass in meiner Sanduhr des Lebens schon ganz schön viel Sand unten angekommen ist. Zeit ist für mich kostbar geworden, und ich muss mit ihr verantwortungsvoller umgehen, um noch all das verwirklichen zu können, was mir wichtig ist", philosophiert er laut. Er werde daher wohl erst einmal ein Jahr aus dem öffentlichen Fokus entschwinden und keinerlei Ämter annehmen. "Ich will reisen und andere Kulturen kennenlernen, auch exotische", berichtet er über seine Pläne. "Ich will alle Berliner Museen besuchen und noch öfter als bisher ins Theater und in Konzerte gehen." Ob er hier bestimmte Vorlieben hat? Die Frage löst ein Leuchten in seinen Augen aus. Ja, er gehe mit seiner Frau auch mal zu André Rieu oder Roland Kaiser. Aber am liebsten mag er Jazz in allen Stilrichtungen, "vor allem ganz wilden". Auch stehe er auf Klassik und Rock. Sting beispielsweise zähle zu seinen Lieblingsinterpreten. Mehr Zeit möchte er zudem seiner Leidenschaft für Geschichte und Zeitgeschichte widmen. Bestimmt werde er auch mehr Fahrrad fahren und Bücher lesen. Seine bevorzugte Lektüre ist beispielsweise Zeitgenössisches, Satire und Sachliteratur zu Kunst sowie preußischer Geschichte. Eines sei jedenfalls sicher, stellt er klar: "In ein tiefes Loch falle ich nicht."

Und wenn er schon heute ein erstes Resümee zieht, was bewegt ihn am meisten aus seiner Bürgermeister-Zeit? "Die Sanierung von Orangerie, Schloss und Schlosspark. Der Besuch von Königin Beatrice. Und natürlich jetzt die 800-Jahrfeier." Freudig klatscht er bei der Erinnerung in die Hände: "Die Orangerie war in einem so erbärmlichen Zustand, als die Stadt das Grundstück mit dem Kreis gegen das Grundstück am Bollwerk tauschte, wo heute das Landratsamt steht. Heute ist es ein Kleinod." Überhaupt sei die Zeit nun endgültig vorbei, in der sich Menschen schämen, in Oranienburg zu wohnen. "Im Gegenteil: Immer mehr Einwohner identifizieren sich mit der Stadt und engagieren sich. Es erfüllt sie mit Stolz, hier zu leben."

Eines ist gewiss: Hans-Joachim Laesicke war in dieser Zeit des Aufschwungs nicht nur dabei, sondern hat sie maßgeblich mitgestaltet. Ob und wie er in der Stadtgeschichtsschreibung Eingang findet, bleibt abzuwarten. Als "Hans-Joachim Laesicke - Ritter von Oranien-Nassau" dürfte ihm ein Platz jedenfalls reserviert sein - vielleicht sogar in Dokumentationen des niederländischen Königshauses. Hat doch der niederländische König höchstpersönlich den Beschluss gefasst, den Oranienburger Bürgermeister mit dieser Auszeichnung zu ehren.

Die Serie "Oranienburger Originale" läuft in Zusammenarbeit mit der Bürgerstiftung Oranienburg. In loser Folge werden zum 800. Geburtstag Oranienburgs verschiedene Einwohner vorgestellt.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2018 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG