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Slow-Food-Aktivisten aus dem Oderland und Barnim erhalten und fördern regionale Lebensmittel

Die Retter des Fliedermuses

Kocht für sein Leben gern: Mathias Schirmer aus Neumädewitz ist neuer Vorsitzender der Slow-Food-Tischgesellschaft Barnim-Oderland. Hier bereitet er ein Erdbeer-Melonen-Dessert zu.
Kocht für sein Leben gern: Mathias Schirmer aus Neumädewitz ist neuer Vorsitzender der Slow-Food-Tischgesellschaft Barnim-Oderland. Hier bereitet er ein Erdbeer-Melonen-Dessert zu. © Foto: MOZ
Mandy Timm / 29.06.2016, 06:55 Uhr
Neumädewitz (MOZ) Die Slow-Food-Landkarte ist um eine Region reicher: Sie heißt Barnim-Oderland. Weil die Grenzen nicht so strikt gezogen sind wie zwischen Staaten, ist auch die Uckermark vertreten. Der erste Ansprechpartner hat früher das "Gänseblümchen" betrieben, Mathias Schirmer.

Er guckt jede Kochsendung - sie kann noch so schlecht sein. "Irgendetwas lernt man immer", ist Mathias Schirmer überzeugt. Wie ein Schwamm hat er sein Leben lang aufgesogen, was mit Kochen zu tun hat. Warenkunde, Lebensmittel, Garmethoden, das Anrichten auf dem Teller. Letztlich ist er Koch geworden, ohne Koch gelernt zu haben. Ingenieur für Pumpen und Verdichter heißt seine Berufsbezeichnung, für einen Job, in dem er nie angekommen ist.

Mathias Schirmer (65) ist in Neumädewitz zuhause. Bekannt geworden ist er in der Region als Gastronom und Koch im "Gänseblümchen", einem Restaurant, das er und seine Frau in Schiffmühle betrieben haben. Das liegt inzwischen einige Jahre zurück. Schirmer ist mittlerweile Rentner und Witwer. Seine Frau starb an einer Krebserkrankung. Der gebürtige Hallenser kocht unterdessen noch immer, meistens für die Gäste des Theaters am Rand. Er ist Vorsitzender des "Oderculinariums", eines Zusammenschlusses gleichgesinnter Köche, die vor allem auf regionale Produkte schwören, die zur Saison passen. Wenigstens Dreiviertel der Gerichte sollten aus regionalen Zutaten bestehen. Genmanipulierte Produkte kommen ihnen nicht in die Töpfe. Etwa 20 aktive Mitstreiter gehören zum Oderculinarium. Inzwischen sind das nicht nur Gastronomen, sondern auch Gastgeber, Touristiker, Produzenten. "Wir sind jetzt breiter aufgestellt", sagt Mathias Schirmer. "Für jeden Gast soll nachvollziehbar sein, wo sein Essen herkommt. Darum geht es uns vor allem."

Mathias Schirmer ist niemand, der die Biokeule schwingt, bei dem auch die kleinste Wacholderbeere oder der Flohsamen aus biologischem Anbau stammen muss. Bei ihm gehören auch Melonen zum Dessert oder Granatapfelsirup zum Verfeinern in die Schlagsahne. "Wer sich nur noch damit beschäftigt, was er isst, wo es herkommt und wie es am schonendsten zubereitet wird, dazu habe ich ein gespaltenes Verhältnis", sagt Schirmer. Nichts desto trotz sollte man darauf acht geben, wo die Lebensmittel herkommen. Die Ziele und das Anliegen des Oderculinariums sind denen der Slow-Food-Bewegung ziemlich ähnlich. "Gut, sauber, fair" lautet das Motto, das die Mitglieder verfolgen. Mittlerweile gibt es 1500 lokale Slow-Food-Gruppen in 150 Ländern. Das Oderland und der Barnim gehören auch dazu. Und weil es keine strikten Grenzen gibt, sind Uckermärker ebenfalls sehr gern gesehen. Die Gruppe um Mathias Schirmer, der der neue Vorsitzende ist, nennt sich Convivium, übersetzt heißt das Tischgesellschaft. Gerade haben sich die Mitglieder wieder in Eberswalde getroffen, zum Kochen - wozu sonst? Es gab Leipziger Allerlei in geselliger Runde. Mit Morcheln, Spargel und Flußkrebs. "So wie das Gericht ursprünglich als Arme-Leute-Essen zubereiten worden ist", sagt Mathias Schirmer. "Die Zutaten gab es früher im Überfluss." Er bedauert, dass Leipziger Allerlei mittlerweile so einen ramponierten Ruf hat. "Denn das Essen hat allen großartig geschmeckt", versichert Schirmer.

Auch regionale Lebensmittel fördern oder erhalten ist ein Thema der Gruppe. "Arche des Geschmacks" lautet der Titel der Rubrik. Der Eberswalder Spritzkuchen wird unter anderem so als Waldstadt-Spezialität demnächst eine Rolle spielen oder Fliedermus, das heute nur noch selten gekocht wird. Es geht um Küche, Kunst und Esskultur. Die Kalit, ein Brotbeutel der früheren Landarbeiter fürs Feld, gehört genauso dazu wie das Uckermärker Rind.

Immer mehr Menschen interessieren sich dafür, wo herkommt, was sie essen. Schon 40 Mitglieder machen bei der Oderland-Barnim-Slow-Food-Gruppe mit. Nicht alle aktiv. "Es gibt auch fördernde Mitglieder, denen der Gedanke gefällt und die ihn unterstützen wollen", erklärt der Vorsitzende Mathias Schirmer.

Vier bis sechs Aktivitäten der Tischgesellschaft gibt es pro Jahr. Meistens sind es Ausflüge in die Region, zu Produzenten, Gastronomen, Freunden des guten Geschmacks. Ein Team innerhalb der Gruppe macht beim sogenannten "Genussführer" mit. Das heißt, die erfahrenen Mitglieder suchen "vernünftige Gastronomie". Inkognito werden dafür Restaurants getestet und Kritiken geschrieben. Am meisten geht es darum, dass Köche keine Geschmacksverstärker verwenden, keine gentechnisch veränderten Rohprodukte, sondern regionale Lebensmittel und dass der Service stimmt. In einer überarbeiteten Ausgabe des Slow-Food-Genussführers, der 2017 erscheint, werden vier Restaurants der Region vertreten sein, kündigt Schirmer an.

Zum neuen Vorsitz gehören noch Stellvertreterin Martina Gülzow sowie Susanne Behring, Landwirtin und Herbergsbesitzerin aus Leuenberg. Junge Leute sind gern gesehen. "Slow Food vernetzt", sagt Schirmer. "Jeder, der sich mit dem Motto identifizieren kann, ist willkommen."

Im Internet: www. slowfood-barnim-oderland.de

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