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Jazz auf Weltniveau in Neuhardenberg

Bestens aufeinander eingespielt: Branford Marsalis und Drummer Justin Faulkner in Neuhardenberg
Bestens aufeinander eingespielt: Branford Marsalis und Drummer Justin Faulkner in Neuhardenberg © Foto: MOZ/Uwe Stiehler
Uwe Stiehler / 10.07.2016, 20:01 Uhr
Neuhardenberg (MOZ) So kann der Eindruck täuschen. Wie Kurt Elling im hellen Anzug auf die Neuhardenberger Bühne schlendert, mit Einstecktuch und straff nach hinten gelegtem Haar, hat er etwas von einem Salonlöwen. Lässiger Typ denkt man, so sieht einer aus, der weiß, wie ein guter Cocktail gemixt wird. Dass Elling sich in den Werken Immanuel Kants und des preußischen Theologen Friedrich Schleiermacher viel besser auskennt und sich lange nicht sicher war, ob er hauptberuflich Religionsphilosoph oder Jazz-Musiker werden soll, da muss man erst einmal drauf kommen.

Kurt Elling, Grammy-Gewinner und in den USA als bester Jazz-Sänger des Landes gefeiert, trat in Neuhardenberg mit dem Saxofonisten Branford Marsalis und dessen Quartett auf. Keine zufällige Begegnung. Die fünf haben gerade ihre neue Platte "Upward Spiral" auf den Markt gebracht. Diese "Aufwärtsspirale" versammelt etliche Jazz-Klassiker aus der zweiten Reihe, die Elling mit seiner Vier-Oktaven-Stimme neu einkleidet. Erstens überrascht die Auswahl und zweitens ihre Interpretation. Da verdüstert sich "Blue Velvet" mehr als man das bisher kannte. So hört sich Verletzlichkeit an. Als würde Elling das Lied vorsichtig in Charles Bukowskis berühmten Nebel aus Rasierklingen hineinsingen. Oder dann diese dreist aufgeputschte, durchgewirbelte Vollgas-Version von "There's a Boat Dat's Leavin' Soon for New York" aus Gershwins Oper "Porgy and Bess". "Keiner von uns", sagt Marsalis über diese Platte, "hat gespielt, was er normalerweise spielt." Jedenfalls reifte diese Scheibe, die es übrigens auch auf Vinyl gepresst gibt, zu einer Leckerei für Jazz-Fans. Und natürlich haben Elling, Marsalis und Kollegen einiges davon in Neuhardenberg präsentiert. Aber nicht nur mit dieser perfekten Eleganz, wie sie das im Studio machen. Sie haben sich - verspielter noch, auch rotziger, kerniger und experimenteller - ihrer Improvisationlust hingegeben.

Das ging zum Beispiel so: Marsalis spielt auf seinem Sopran-Saxofon, dass es sich anhört, als würde er mit Elling singen. Dazu lässt Elling so ein Didadidadudadi vier Oktaven rauf und runter springen, als würde er irgendwo im Hals ein Instrument verstecken, das halb Posaune und halb Klarinette ist.

Dann nimmt er sich wieder zurück und gibt den Instrumentalisten ihren Raum und dann schleicht sich sein Gesang wieder ins Spiel und legt sich wie ein schwerer, weicher Teppich über die Musik.

Elling wirkt bei all dem ungeheuer sicher. Er hat sein Talent an einem der größten musikalischen Genies geschult, an: Johann Sebastian Bach. Als junger Mensch sang er dessen Choräle und studierte dessen Lehre vom Kontrapunkt. Gleichaltrige hielten ihn deshalb für schräg und uncool, darunter hat sein Interesse für diese Musik aber nicht gelitten. Es ist für die Creme der amerikanischen Jazz-Szene nicht ungewöhnlich, dass sie so auf Bach schwört. Als Marsalis im vergangenen Jahr solistisch in Neuhardenberg auftrat, spielte er unter anderem eine von Bachs Cello-Suiten. Auf dem Saxofon. Und sein Kollege Joshua Redman hat einmal gesagt, Bach sei der Vater der Harmonielehre, die der Jazz benutze, und man könne nicht Jazz spielen, ohne Bach zu spielen.

Was Marsalis, der quirlige Joey Calderazzo (Piano), Eric Revis (Kontrabass) und der feinfühlige, doch auch zupackende Justin Faulkner (Drums) zusammen mit Elling auf diesem Fundament aufbauen, ist für die Ohren ein Fest. Wie sie aus dezenten Anfängen abenteuerliche Klangebäude errichten, wie sie sich aufheizen, mit Pausen spielen, wie es aus ihnen herausbricht und diese Eruptionen harmonisch zusammenfinden, das ist ganz große Kunst. Jazz auf Weltniveau. Aber eben mal nicht in Berlin oder New York. Sondern weit draußen in Brandenburg.

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