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Mit Gottvertrauen 109 Jahre geworden

Über 100: Estella Marseille, Ehefrau von Ulrich Marseille, Gründer und Gesellschafter des Senioren-Wohnparks, mit Ottilie Diering bei einem Geburtstag vor einigen Jahren.
Über 100: Estella Marseille, Ehefrau von Ulrich Marseille, Gründer und Gesellschafter des Senioren-Wohnparks, mit Ottilie Diering bei einem Geburtstag vor einigen Jahren. © Foto: MZV
Holger Rudolph / 10.07.2016, 21:15 Uhr
Radensleben (RA) Die älteste Brandenburgerin lebt im Senioren-Wohnpark Radensleben. Sie heißt Ottilie Diering und wurde am Sonnabend 109 Jahre alt. Die alte Frau spricht nur noch selten. Doch sie lächelte, als ihre 82-jährige Nichte Hildegard Genzel sich neben sie ans Bett setzte und ihre Hand hielt.

Für Hildegard Genzel ist Ottilie Diering viel mehr als eine Tante. Die Familie stammt aus dem früheren Kreis Schwerin an der Warthe, der heute zu Polen gehört. Ottilie, die am 9. Juli 1907 in Poppe das Licht der Welt erblickte, war eine Bauerntochter und hatte viele Geschwister. Nur die wenigsten jungen Frauen erlernten damals einen Beruf. Ottilie arbeitete im bäuerlichen Betrieb ihres Bruders Johann mit.

Bis 1945 war der Kontakt zwischen Hildegard und ihrer Tante Ottilie eher sporadisch. Beide lebten in verschiedenen Dörfern.Nach dem Zweiten Weltkrieg, am 24. Juni 1945, verlangten die Polen, dass alle noch dort lebenden Deutschen das Land verließen. Hildegard Genzel erinnert sich: "Die Russen zuvor hatten nichts gegen uns, aber die Polen haben uns rausgeworfen." Mit Tausenden anderen waren Hildegard, ihr Bruder Alfred und Mutter Helene ein Teil des Trecks gen Westen. Die Oder war nun die neue Grenze zwischen Deutschland und Polen. Es war Hildegard Genzel anzusehen, wie schwer und reich an Entbehrungen diese Zeit gewesen sein musste. "In der Oder wären wir fast ertrunken. Es regnete sehr und das Gewitter wollte nicht aufhören", erzählte sie und blickte dabei vor sich hin auf den Boden.

Irgendwo unterwegs habe die Familie dann auch Tante Ottilie getroffen. Die gesamte Familie fand schließlich in Berlin am Lehrter Bahnhof in einem Güterwaggon mit Bestimmungsort Lichtenberg bei Neuruppin Platz. Die Flüchtlinge würden hier in der Landwirtschaft gebraucht.

Hildegard und Alfred wurden früh zu Waisen, ihre Mutter Helene verstarb 1948. Tante Ottilie übernahm die Vormundschaft und sorgte sich um die Kinder. Ottilie lebte mit ihren Schwestern Anna und Gertrud. Anna und Ottilie arbeiteten im Volkseigenen Gut Gnewikow, während Gertrud den Haushalt führte. Später wurde Hildegard Genzel Krankenschwester und wohnte in Berlin-Zehlendorf. Alfred machte Karriere bei der Bundeswehr und lebte in Neumünster.

Anna starb 1989 als erste der drei Tanten. Sie hatte sich sehr gewünscht, dass die innerdeutsche Grenze endlich fällt, den Tag der Maueröffnung dann aber nicht mehr erlebt. Am 15. Januar 1994 bezogen Gertrud und Ottilie ein gemeinsames Zimmer im Senioren-Wohnpark. Gertrud starb 2007.

Und welches Rezept hat Ottilie Diering für ein derart langes Leben? Einrichtungsleiterin Jutta König brauchte nicht lange zu überlegen: "Frau Diering hat als Katholikin einen äußerst tiefen Glauben an Gott. Das ist ihr Rezept. Ihr ganzes Leben liegt in Gottes Hand. Das Vaterunser kann sie heute noch komplett." Ziehtochter Hildegard Genzel bestätigte dies. Einst hätte sie bei einem Todesfall in der Familie selbst fast den Glauben verloren. Doch Tante Ottilie habe sie bestärkt: "Du musst weiter glauben." So habe sie neues Vertrauen in Gott und sich selbst gewinnen können.

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