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Alliiertenmuseum: Stille Zeugen des Kalten Krieges

Maria Neuendorff / 14.07.2016, 20:12 Uhr
Berlin (MOZ) Briefmarken, die vom "Postkrieg" erzählen, ein Kofferradio, das fast eine Republikflucht einleitete, ein Grenzkegel mit amerikanischen wie russischen Unterschriften: Das sind nur drei von 100 Objekten in der neuen Ausstellung zum Kalten Krieg im Alliiertenmuseum. Hinter vielen stecken ganz persönliche Geschichten.

Im Herbst 180 machte Micheal Schlosser Urlaub auf einem Campingplatz bei Prag. Über sein Kofferradio hörte er Radio Luxemburg. Eine Gewinnspiel ließ den Dresdener aufhorchen: Dem DDR-Bürger, der in einem Hubschrauber auf dem Dach des Axel-Springer-Verlages in West-Berlin lande, winkten eine Millionen D-Mark. Ein gutes Startkapital für eine eigene Kfz-Werkstatt, dachte sich der begabte Mechaniker, der sich in der DDR nicht selbständig machen durfte. Da er keine Hubschrauber-Teile fand, rief er aus der Tschechoslowakei bei Springer an. Er könne auch gerne mit einem normalen Leichtflugzeug die innerdeutsche Grenze bei Bayern überwinden, stimmte man dort zu. Zwei Jahre baute Schlosser an dem Flieger, doch zum Start kam es nicht mehr, weil ihn zwei Arbeitskollegen verrieten. In den Westen gelangte er trotzdem, weil er aus der DDR-Haft freigekauft wurde.

Das Kofferradio, mit dem diese verrückte Geschichte ihren Anfang nahm, ist eines von 100 Objekten, die ab heute in der Sonderausstellung des Alliiertenmuseum in Dahlem zu sehen sind. Jedes für sich soll eine ganz eigene Geschichte des weltumspannenden Konfliktes zwischen Ost und West erzählen.

Das alte braune Transistorgerät steht für die Kuratorin Jula Kugler nicht nur für den Mut des Einzelnen, sondern vor allem dafür, wie der Axel-Springer-Verlag mit seiner "klaren Anstiftung zur Republikflucht als Player im Kalten Krieg aufgetreten ist."

Für die Ausstellung hat sich die Museums-Mitarbeiterin nicht nur Objekte von Zeitzeugen ausgeliehen, sondern auch Schätze aus dem eigenen Depot geholt. Manche wirken auf den ersten Blick unscheinbar, wie ein zweiteiliger Stein. In seiner Mitte ist Platz für ein Kodak-Filmdöschen. Der Stein war ein Versteck des westdeutschen Nachrichtendienstes, der in Ost-Berlin ebenfalls seine Informanten hatte. Allerdings wurde der "tote Briefkasten" von der DDR-Staatssicherheit entdeckt und zu Schulungszwecken genutzt, erfährt der Museumsbesucher in einem Begleitheft, das ausführlich die lebendigen Geschichten zu jedem einzelnen der stillen Zeitzeugen erläutert.

Ohne das wäre es auch schwer, den Hintergrund des Briefes in einer der Vitrinen zu verstehen. Fünf rote Stempel prangen auf dem Umschlag, den Dedo Burhop 1969 aus Westdeutschland nach Leningrad schickte. Ganz bewusst hatte der Sammler dafür eine Marke mit dem Berliner Europacenter ausgewählt. Denn bereits die Namensgebung des Hochhauses am Kudamm sei für die Sowjetunion eine Provokation gewesen, erläutert Jula Kugler. "Nach Ost-Ansicht stand es West-Berlin als ,selbständige politische Einheit' nicht zu, den europäischen Gedanken per Post zu verbreiten."

So verweigerte das Auslandspostamt in Moskau, wie vom Absender erhofft, die Annahme und schickte den Brief mit einem roten Retour-Pfeil zurück. Für Burhops Briefmarkensammlung wurde das Exemplar damit nur noch wertvoller. Der sogenannte Postkrieg sei übrigens nicht einseitig gewesen, stellt die Ausstellungsmacherin klar. "Auch die Bundespost sandte ihrerseits Briefe zurück."

In der neuen Schau finden sich aber auch versöhnliche Gegenstände. Auf dem rot-weißen Straßenkegel von der Glienicker Brücke verewigten in den Wendezeiten sowjetische, britische und amerikanische Streitkräfte gemeinsam ihre Namen.

Durch seine Unterschrift hat auch Daniel E. Southard seine Sanitätsbinde zum Museumsstück gemacht. Er gehörte im Oktober 1961 der 6. US-Infantry Division an, die sich am Checkpoint Charlie mit den Russen die gefährliche "Panzerkonfrontation" lieferte. 16 Stunden standen sich beide Seiten gegenüber, bis sie ihre Geschütze abzogen. Dass der Sanitäter seinen Einsatz auf der Binde mit dem Roten Kreuz vermerkt habe, sei auch ein Akt der Erleichterung gewesen, glaubt Jula Kugler. "Er war sich bewusst, dass er damals am wohl gefährlichsten Ort der Welt Dienst hatte."

Die Ausstellung "100 Objekte. Berlin im Kalten Krieg" ist bis 28. Januar 2018 im Alliierten-Museum, Clayallee 135, zu sehen. Der Eintritt ist frei. Infos zu Öffnungszeiten und dem Rahmenprogramm mit Filmabenden und Vorträgen unter www.alliiertenmuseum.de

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