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Steinerne Balance

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Peter Liebers / 25.07.2016, 21:22 Uhr
Bernau (MOZ) Der Ausblick von Friedrich B. Henkels "Sommerwerkstatt" genanntem Atelier in Biesenthal (Barnim) fällt auf eine unfassbar schöne Landschaft. Sie hätte das Zeug, als Filmkulisse entdeckt zu werden. Von einem mit diversen Gehölzen bewachsenen Plateau aus schaut man in ein Tal, wo Birken, Silberpappeln und andere Laubbäume in einer vor Jahren zum Landschaftsschutzgebiet erklärten Aue hoch aufragen. Ein Glücksfall für diese vor dem Bauboom im Berliner Umland geschützte Oase. Sie macht schlagartig deutlich, warum Henkel hier die für sein "mittleres Spätwerk" markanten, in Sandstein, Speckstein oder Marmor geschlagenen Skulpturen durchsichtig erscheinen lässt. Heute wird der in Bernau (Barnim) lebende Bildhauer und Grafiker 80 Jahre alt.

Ehe der Besucher Henkels Grundstück finden kann, müssen Ortsansässige gefragt werden - man weiß also, wer warum zu wem kommt. Henkel und seine Frau, früher wissenschaftliche Fotografin an der Berliner Charité, stört das nicht. Sie können den Vorteil darin sehen, dass ihr in den 1930er-Jahren erbautes Holzhaus, die Natur und die ihr anverwandelten Skulpturen dort ihren idealen Ort gefunden haben.

1936 in Zella in der Rhön geboren, absolvierte Henkel eine Holzbildhauerlehre. Von 1953 bis 1956 studierte er zunächst an der Fachschule für angewandte Kunst in Leipzig. Seine außerordentliche künstlerische Begabung wurde von namhaften Bildhauern wie Theo Balden (1904-1995) und Waldemar Grzimek (1918-1984) gefördert und an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee vollendet.

"Wir haben Grzimek alle bewundert. Er war ein moderner Bildhauer, er war auch menschenfreundlich, offen und hilfreich", erinnert sich Henkel voller Dankbarkeit an seinen Meister. "Grzimek hat mir geholfen, als ich mit dem Studium nicht zurechtkam, nachdem wir Kinder bekommen hatten. Ich hätte das Studium abbrechen müssen, aber Grzimek hat mich zu sich genommen, und ich durfte ihm bei seinem Sachsenhausen-Denkmal helfen. Das war eine Rettung für mich." Er bot aber nicht nur Hilfe zum Überleben: "Grzimek hatte etwas, was uns junge Leute damals sehr berührt hat." Diese Erfahrung setzte sich für Henkel als Meisterschüler von Fritz Cremer (1906-1993) an der Akademie der Künste Ende der 60er-Jahre fort.

Seinem Lehrer Grzimek verdankt Henkel auch den Kontakt zu dem Bildhauer Gerhard Marcks (1889-1981). Der habe ihn "unterstützt und ermutigt. Wenn man jung ist, ist es sehr wichtig, von jemandem Wärme und Interesse zu spüren".

Kaum vorstellbar ist aus heutiger Sicht die für den aufstrebenden jungen Bildhauer existenzielle Situation, die ihm im Defa-Studio in Potsdam-Babelsberg bis 1965 als Filmarchitekt sein Auskommen sichert. Das sind kostbare Jahre, die die eigene künstlerische Arbeit nur eingeschränkt ermöglichen. Darauf heute angesprochen, bejaht Henkel den Verlust eigener, kontinuierlicher Entwicklung. Trotz gewonnenem Ansehen als Bildhauer und einer Lehrtätigkeit an der Weißenseer Kunsthochschule, trotz Auszeichnungen wie dem renommierten Will-Lammert-Preis der Akademie der Künste, einem Stipendium der Stiftung Kulturfonds Berlin oder dem Brandenburgischen Kunstpreis der Märkischen Oderzeitung 2007 bestimmt den Künstler eine schöpferische Unruhe.

Seit seine Kraft nachlässt, sich der Herausforderung der Steine zu stellen, widmet sich Henkel auch wieder seinen aus Sammelstücken gefertigten Collagen. Daraus ergeben sich unverkennbar Bezüge zu seiner Heimatregion, der Rhön. Holz ist nun vorrangig zum Material des Bildhauers geworden. Auch das entstammt der Tradition einer in Jahrhunderten entstandenen alltäglichen Kultur, hat dieses Material doch in der Regel bereits anderen Zwecken gedient. Faszination geht von all seinen aus unterschiedlichen Materialien geschaffenen Arbeiten aus, indem es Henkel vermag, das Gleichgewicht der Kräfte in einer den Betrachter einnehmenden Balance zu halten. So gelingt dem Künstler bei aller kraftvollen Dynamik zugleich eine Ruhe, die seine Meisterschaft wohl vor allem ausmacht.

Ab 15.9. präsentiert Friedrich B. Henkel im EWE-Kunstparkhaus Strausberg unter dem Motto "Figur - Figuration - Zeichen" vorrangig neue Skulpturen und Zeichnungen.

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