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Der coolste Rocker östlich der Elbe: City-Sänger Toni Krahl hat seine Autobiographie veröffentlicht

Jens Rümmler / 28.07.2016, 18:19 Uhr
Frankfurt (Oder) (MäSo) Schon als Kind probte er Posen und große Gesten vorm Spiegel. Federballschläger waren seine Gitarren, die Klamotten der Eltern das Bühnenoutfit: Ein paar Jahrzehnte später gilt Toni Krahl, Sänger der Band City, als eine Ikone des Ost-Rock. Wie er erst in den Knast und später zur Musik kam, wie er mehrmonatige Mammut-Tourneen durch die Sowjetunion überstand und mit City in Griechenland ein Star wurde, darüber berichtet er in seiner neuen Autobiographie "Toni Krahls Rocklegenden" (Neues Leben, ISBN 978-3-355-01840-1).

Krahl Storys klingen abenteuerlich bis unglaublich und sind doch alle wahr. Der City-Frontmann schaffte es vom DDR-Staatsfeind zum Sänger des großen Ost-Hits "Am Fenster". Dabei wollte das Sieben-Minuten-Stück erst gar kein Radiosender spielen. Zu lang und zu kompliziert, monierten Redakteure. Und dann noch diese Geige im Hintergrund ....

Wie es sich gehört, beginnt der Buch-Autor von "Rocklegenden" in seinem Werk ganz von vorn. Am Anfang stand eine Beatles-Platte, die mit "Klein-Toni" den Weg in ein Kinderheim bei Bad Freienwalde fand und später mit den dienstreisenden Eltern und Sohnemann nach Moskau flog. Die ersten Akkorde brachte sich der junge Musikus auf der Klampfe der Schwester bei.

Nach seinem Protest gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Armeen in Prag 1968 flog Toni Krahl Jahre später von der Schule und fand sich im Gefängnis wieder. "Nach der Haftentlassung hieß es erst einmal "Bewährung in der Produktion"", blickt der Künstler zurück. Anschließend ging es eigentlich immer nur noch bergauf: Nach der Blechschlosser-Lehre folgte das Abi auf der Abendschule sowie der Besuch der Musikschule Berlin-Friedrichshain. Die ersten Muggen (Musikalische Gelegenheitsgeschäfte) ließen nicht lange auf sich warten.

Toni Krahls Arbeit war jetzt das Musizieren - aber nur abends. Denn tagsüber sonnte sich der Künstler im Freibad Pankow. Das heißt, offiziell hatte er einen Halbtagsjob als Telegrammausträger bei der DDR-Post. Wie das funktionierte, beschreibt er im Buch: "Jetzt war das Leben schön! Ich bin morgens aufgestanden, hin zur Post (Telegramme abholen - d. Red.), wieder nach Hause. Hab' mich nochmal kurz hingelegt, dann gewartet, bis die "Sesamstraße" anfing, die zu gucken, damals irgendwie "in" war. Dann Frühstück machen und bei schönem Wetter ins Freibad Pankow gehen ...." Dort sonnte sich die kommende Ostrock-Legende erst einmal ausgiebig. Wenn er keine Lust mehr hatte oder es zu kühl wurde, begann Toni endlich mit dem Telegramme austragen. "Genau dort, im Freibad Pankow, erzählte mir Henning Protzmann (Musiker) im Sommer 1974 von seinem Plan, eine neue Band (Karat) zu gründen", erinnert sich Toni Krahl, der das Angebot, als Sänger einzusteigen, aber ablehnte.

Heute lässt es sich Toni Krahl übrigens noch immer gut gehen - im brandenburgischen Oberhavel-Kreis nördlich Berlins. Schon vor über 40 Jahren, 1975, zog er hier raus in die Umland-Idylle. Ganz in der Nähe wohnt auch ein Kollege von City - dabei firmiert die Combo seit Jahr und Tag als Berliner Band. "Zum Telefonieren ging es damals noch sieben Jahre lang zur nächsten Telefonzelle in die Hauptstadt", seufzt Toni Krahl. Erst danach erhielt die Familie einen eigenen Anschluss.

Hier draußen im Märkischen steigt auch meist das Sonntagsfrühstück der Krahls. Toni selbst bezeichnet sich als echten "Frühstücksmensch". Zum Morgenmahl gehöre für ihn frisches dunkles Brot und gebratener Parmaschinken. Schinkenspeck würze er zudem dick mit Pfeffer, Cayenne-Pfeffer, Chilli und braunem Zucker. "Das Ganze kommt 20 Minuten in den Ofen - ein Gedicht", schwärmt Toni Krahl. Nach dem Frühstück geht's raus zum Spaziergang in die grüne Natur ringsum.

Doch zurück zur großen Karriere, die dem Wahl-Brandenburger 1978 den ersten West-Auftritt mit City bescherte. Das Okay der Behörden kam dem Buch zufolge erst am Tag des Konzerts im Kant-Kino Westberlin. Doch wer rüber durfte, der musste auch beim "Großen Bruder", der Sowjetunion, auftreten - gern auch mal sechs Wochen am Stück und dreimal am Tag. Genau so erging es auch City. Wegen des damals strikten Alkoholverbots in der SU befüllten die Musiker einen riesigen Benzinkanister mit Kaffeelikör, den sie beim Zoll übrigens als Nebelflüssigkeit deklarierten. Tatsächlich gab es in Russland und anderen Sowjetrepubliken oft keinen Tropfen Alkohol. Das Ergebnis: Schon nach zwei Tagen stand City, was Spirituosen anbetraf, auf dem Schlauch. Wilde Partys gab es trotzdem. Nach sechs Wochen war die Truppe aber erst mal K.O..

Munter ging es später in Griechenland weiter. "Wir waren dort völlig geflasht." Halb Thessaloniki war mit roten City-Postern zuplakatiert. An Souvenirständen lagen Band-Accessoires neben Che Guevara-Shirts. "Am Fenster" lief in Hellas rauf und runter. Bis heute gilt als Rätsel, weshalb "Am Fenster", aber auch andere City-Songs in Griechenland Hits wurden. Ein Grund dürfte sicher die dominierende Balkan-Geige in "Am Fenster" sein. Toni Krahl vermutet, dass griechische Gastarbeiter einige Songs aufnahmen und mit in ihre Heimat nahmen. Eine andere Möglichkeit wäre, dass westdeutsche bzw. Westberliner Touristen "Am Fenster" in Urlaubsorte brachten und Diskjockeys baten, den Hit zu spielen. Fakt ist, dass "Am Fenster" bis heute von griechischen Radiostationen gespielt wird. In Zypern gab es in den 90er Jahren einen Sender, der seine Kulturnachrichten mit der "Am Fenster"-Melodie untermalte. Tonträger mit dem Ohrwurm wurden bis heute weltweit zehn Millionen Mal verkauft !

Um ein Haar hätte es die Griechenland-Tournee aber gar nicht gegeben - wegen Mikis Theodorakis. Der heute 90jährige Komponist ("Alexis Sorbas") hatte laut City nicht nur etwas gegen Rock und Pop. Er haderte grundsätzlich mit "US-amerikanisch geprägter Unkultur". "Als Kommunist und Freiheitsheld hatte Mikis Theodorakis in der DDR etwas zu sagen", erinnert sich Toni Krahl. Die DDR-Künstleragentur setzte sich dennoch über sein Veto hinweg und genehmigte die Griechenland-Konzerte.

Eine andere unvergessliche Episode spielte sich nach einem Hamburg-Konzert auf der Reeperbahn in St. Pauli ab. Toni Krahl schildert sie natürlich im Buch ausführlich. Bandmitglied Klaus Selmke ging dort mit einer Dame "aufs Zimmer". Er sollte im Auftrag seiner Musikkumpel herausfinden, was passiert, wenn man sich auf das Haustürgeschäft einließ. Intimität als Geschäft war in der DDR schließlich tabu. Zumindest offiziell. Klaus Selmke ging den Schilderungen nach mit einem "Mädel" aufs Zimmer - und sie legt "Am Fenster" als Begleitmusik auf. Selmke ist von den Socken. An die geplante Vertragserfüllung im Etablissement ist nun nicht mehr zu denken. Im Freudenhaus hatten offenbar fast alle die Platte und der City-Trommler musste erst mal fleißig LP-Cover signieren. "Er hat dann im Puff auf der Reeperbahn Autogrammstunde gemacht", ist im Buch zu lesen. Die Damen des Hauses erklärten Schlagzeuger Selmke schließlich auch, weshalb das Sieben-Minuten-Stück "Am Fenster" genau der richtige Song war, wenn sie ihrer Arbeit nachgingen. Alle Details gibt es im Buch.

Insgesamt sieht Toni Krahl die Band City im Rückblick womöglich etwas schillernder als sie in Wirklichkeit war - der überwiegende Teil der gelernten DDR-Bürger hatte mit Ostrock schließlich nicht viel am Hut. Einige Passagen wirken ein wenig unpräzise oder sind nur von Insidern zu verstehen. Dennoch sind "Toni Krahls Rocklegenden" eine spannende Lektüre. Aufschluss- und anekdotenreich gewährt das Buch Blicke hinter die Kulissen und zeigt Strukturen der DDR-Unterhaltungsbranche. Das Ganze ist kurzweilig aufbereitet mit der flotten Schreibe von Toni Krahl. Als Bonus gibt es bislang teils unveröffentlichtes Bildmaterial.

Jens Rümmler

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