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Stubenhocker auf Europatour

Hansruedi Sutter und Matz Egli Sutter aus der Schweiz machen mit ihrem Hausboot Mizar an der Stadtschleuse halt.
Hansruedi Sutter und Matz Egli Sutter aus der Schweiz machen mit ihrem Hausboot Mizar an der Stadtschleuse halt. © Foto: MOZ/Thomas Burckhardt
Anna Fastabend / 04.08.2016, 07:50 Uhr
Eberswalde (MOZ) "We can do it!" steht nicht nur auf dem T-Shirt, es steht auch für den Lebensentwurf der zwei Weltenbummler aus der Schweiz. Ehepaar Sutter ist seit acht Jahren mit seinem 24 Meter langen Hausboot auf Europas Flüssen und Kanälen unterwegs - fast ununterbrochen.

Es gibt diesen Spruch, erzählt Hansruedi Sutter, das Gesicht voller Lachfalten und mit Schweizer Akzent: "Sind die Kinder aus dem Haus und ist der Hund tot, fängt das Leben richtig an." So sei es im Prinzip auch bei seiner Frau Matz Egli Sutter und ihm gewesen. In der verkürzten Version der Geschichte. Hinzu kam die Pensionierung des ehemaligen Piloten und eine gehörige Portion Abenteuerlust, die seine Frau, eine ehemalige Grundschullehrerin, und er miteinander teilen.

Der Traum vom transportablen Zuhause erwacht bei der heute 47-Jährigen und ihrem 72-jährigen Mann beim ersten Hausbooturlaub vor rund 20 Jahren. Danach lässt beide die Idee vom Wohnen auf dem Wasser einfach nicht mehr los. Vor neun Jahren entdecken sie dann das perfekte Boot, ein 24 Meter langes Frachtschiff, das 1926 in Holland gebaut und bereits vom Voreigentümer zum Hausboot umgebaut worden ist. Sie schlagen zu, vermieten ihr Eigenheim Nähe Zürich und legen ab.

In ein Leben, das sich auf den zweiten Blick gar nicht so sehr von der Sesshaftigkeit an Land unterscheidet, betont Matz Egli Sutter. "Im Prinzip sind wir Stubenhocker", erklärt die Frau mit den kurzen Haaren und dem T-Shirt, das ein beliebtes Motiv der Frauenbewegung zeigt. "Wir sind sehr häusliche Menschen. Schließlich sind wir fast den ganzen Tag auf unserem Boot."

Und das seit acht Jahren. Einen Großteil davon verbringen die Sutters davon in Frankreich. Dann schippern sie durch Belgien und die Niederlande. Seit diesem Frühjahr durchqueren sie die deutschen Flüsse, Seen und Kanäle. Eine Zeit lang haben sie sich Berlins Wasserstraßen angeschaut, seit ein paar Tagen sind sie auf dem Finowkanal unterwegs. Ihr nächstes großes Ziel ist Stettin.

Ein Stopp ihrer Reise ist Eberswalde. Am Dienstag ankern sie an der Stadtschleuse. Es ist früher Abend, über ihrem Boot sammeln sich die Regenwolken. Die Sutters haben es sich im Steuerhaus gemütlich gemacht. Bei Kartoffelchips und Bier. Auf dem Tisch liegen die gesammelten Werke Theodor Fontanes. Auf der ersten Seite der Ausgabe ein Stempel des Klosters Chorin. Das Buch haben sie von ihrem Fahrradausflug zum Kloster mitgebracht. Außerdem waren sie noch beim Schiffshebewerk in Niederfinow und in Eberswalde Besorgungen machen, erzählen sie.

"Wir haben den Vorteil, wenn es uns irgendwo gut gefällt, bleiben wir, so lange wir möchten", sagt Hansruedi Sutter. Und diese Region sei ganz nach ihrem Geschmack. "Die verwunschenen Wälder, der ursprüngliche Kanal. Das alles ist wunderschön", schwärmt er. Der Finowkanal mit seinen manuellen Schleusen käme den französischen Wasserstraßen sehr nah, findet er. Sonst sei ihnen vieles in Deutschland zu modern.

Denn für die Sutters muss es nicht immer der neueste Stand der Technik sein - im Gegenteil. Matz Egli Sutter haben es die historischen Schleusen des Finowkanals angetan. "Die wurden damals schon so gebaut, dass bei einem Schleusengang zwei Schiffe hineinpassen."

Überhaupt hat das Schweizer Ehepaar ein großes Herz für die Geschichte der Binnenschifffahrt. "Ohne die Frachtschiffe hätten Städte wie Berlin oder Paris niemals erbaut werden können", sagt Hansruedi Sutter. Denn die benötigten Baumaterialien hätten vor dem Aufkommen von Eisenbahn und Auto in der großen Menge nicht transportiert werden können.

Stromaufwärts ging das mit der Hand, erzählt der 72-Jährige und zeigt dabei durch das Fenster auf den Treidelweg gegenüber der Anlegestelle. "Der Mann hat gelenkt, die Frau und die Kinder zogen das Boot." Denn Treideln heißt, das Schiff ziehen, bevor es einen Motor gab. "In Frankreich sieht man an einigen Brückenpfeilern von den Seilen tiefe Einschnitte im Stein", berichtet Hansruedi Sutter. "Das ist erlebte Geschichte."

Das Boot war zu seiner Entstehungszeit eher Luxus, erzählt das Ehepaar. Denn anders als damals oft üblich musste die Familie des Fahrers nicht an Deck schlafen, sondern teilte sich eine Kabine hinter dem Steuerhaus. Den rund 12 Quadratmeter großen Raum bewohnten so ganze fünf Menschen: Eltern und drei Kinder. "Das ist heute unvorstellbar", findet Matz Egli Sutter.

In dieser Kabine befindet sich heute der Gästeraum. "Ab und zu fahren Freunde oder Familienmitglieder mit." Allerdings sei es mit einem Boot immer so eine Sache, pünktlich am vereinbarten Treffpunkt anzukommen, erzählen die Sutters. Ihr Leben auf Achse sei aber keinesfalls einsam. "Wir lernen ständig neue, interessante Menschen kennen."

Und die Abende verbringen sie in gemütlicher Zweisamkeit im ehemaligen Frachtraum, den sie in ein geschmackvolles Wohnzimmer mit offener Küche umgebaut haben. An den Wänden rundum hölzerne Einbauregale voller Bücher. Links ein mit grobem Stoff bezogenes Sofa zum Entspannen. Dahinter das Schlafzimmer, ein Bad mit Dusche, Waschbecken und Toilette. Alles in allem großzügig, sodass es sich gut aushalten lässt.

Nur im Winter nicht. Dann mieten die Sutters für einige Zeit einen Bootsliegeplatz. Sie selbst aber reisen einfach weiter. Vergangenes Jahr in die Südsee. Doch anschließend kommen sie gern wieder zurück auf ihr Boot, das sie nach dem Doppelstern Mizar benannt haben, und genießen Abenteuer, Entschleunigung und Einfachheit.

Gegen das Heimweh geht es jedes Jahr für ein paar Wochen in die Schweiz. Damit die Lieben und Interessierte wissen, was für Abenteuer die Sutters auf Tour erleben, schreiben sie auf www.ms-mizar.ch ein Reisetagebuch.

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