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Geburtshaus vor ungewisser Zukunft

Marina Schmeißer hofft, dass sie ihre Form der Geburtshilfe noch lange in Eberswalde anbieten kann.
Marina Schmeißer hofft, dass sie ihre Form der Geburtshilfe noch lange in Eberswalde anbieten kann. © Foto: MOZ/Anna Fastabend
Anna Fastabend / 09.08.2016, 07:50 Uhr
Eberswalde (MOZ) Für freiberufliche Hebammen, Geburtshäuser und Kreißsäle sind die hohen Haftpflichtbeiträge kaum noch zu finanzieren. Auch für Geburtshelferin Marina Schmeißer aus Eberswalde wird es eng.

"Es kann nicht sein, dass der Lebenspartner seine berufstätige Frau mitfinanziert, damit sie sich ihren Job noch leisten kann", meint die Eberswalder Hebamme Marina Schmeißer. Sie betreibt gemeinsam mit einer weiteren Hebamme und einer Krankenschwester in Eberswalde seit mehr als zehn Jahren ein Geburtshaus. Wenn die Haftpflichtbeiträge für Hebammen weiterhin so drastisch steigen, könne es vermehrt zu derartig absurden Konstellationen kommen, befürchtet sie und prognostiziert, dass die Anzahl der Hebammen und Geburtshäuser noch stärker zurückgehen als ohnehin schon.

Auch für ihr Geburtshaus kann sie keine Entwarnung geben. "Ich bin nicht sicher, wie lange wir durchhalten." Eine düstere Zukunftsaussicht für werdende Eltern, die eine Alternative zum Kreißsaal oder eine Hebamme zur Nachbetreuung suchen und jetzt schon Schwierigkeiten haben. Denn in Eberswalde bieten überhaupt nur noch fünf Hebammen außerhalb des Krankenhauses ihre Dienste an und nur zwei begleiten Geburten. Schon jetzt empfiehlt Marina Schmeißer den schwangeren Frauen, die nach der Geburt von einer Hebamme besucht werden wollen: "Kümmert Euch besser ab der zwölften Woche darum."

Es gab Zeiten, da bezahlte eine einzelne freiberufliche Hebamme rund 500 Euro Haftpflicht pro Jahr, erinnert sich die seit 1980 in der Geburtshilfe tätige Marina Schmeißer. Mittlerweile sind die Versicherungsbeiträge auf mehr als zehn Mal so viel gestiegen. Die jüngste Erhöhung der Versicherungsprämie erfolgte vor rund einem Monat von 6274 Euro auf 6843 Euro, wie der Deutsche Hebammenverband (DHV) auf seiner Internetseite mitteilt. Fast drohte den freiberuflichen Geburtshelferinnen sogar das Aus. Der Vertrag zwischen dem DHV und dem einzigen Versicherer ging nur bis Anfang Juni. Er konnte bis Mitte 2018 verlängert werden. Jedoch mit dem Wermutstropfen, dass die Haftpflicht kontinuierlich weiter steigt. "Ein Ende ist nicht in Sicht", bedauert Marina Schmeißer.

Was man wissen muss: Die Versicherungsprämie ist für alle freiberuflichen Hebammen gleich hoch, egal, ob sie eine oder wie Marina Schmeißer 20 Geburten pro Jahr begleiten."Gerade in unserer Branche ist das ein Problem. Viele Hebammen sind selbst Mütter und können nicht in Vollzeit arbeiten." Für eine Geburt bekommt die Eberswalderin 400 Euro.

Laut dem DHV mit rund 19 000 Mitgliedern reicht der bisherige Versuch, die finanzielle Belastung der freiberuflichen Hebammen zu lindern, nicht aus. Seit 2015 können sie sich zwar einen Teil der Mehrkosten von den gesetzlichen Krankenkassen erstatten lassen. Dennoch bleiben sie laut dem Berufsverband auf fast 2000 Euro ungedeckter Kosten sitzen. Diesen Ausgleich können sie erst rückwirkend beantragen. Und mit dem weiteren Anstieg der Versicherungsprämien wird die Differenz zwischen Ausgleich und Prämie wachsen.

"Die Beiträge steigen, obwohl sich die Anzahl der bei einer Geburt zu Schaden gekommenen Kinder sogar leicht verringert hat", erklärt DHV-Pressereferent Robert Manu. Der Grund: Die Betreuungskosten für geschädigte Kinder sind gestiegen, da sie aufgrund des technischen und medizinischen Fortschritts länger leben. Der DHV plädiert statt der teuren Versicherung für einen Haftpflichtfonds, der ab einer bestimmten Schadenshöhe einspringt, sagt der Pressereferent.

Doch nicht nur die Geburtshäuser schließen der Reihe nach. Auch die Krankenhäuser mit Geburtshilfe werden weniger. "Zwischen 1991 und 2014 haben wir einen Rückgang von rund 40 Prozent zu verzeichnen", berichtet Robert Manu. Allein in den vergangenen drei Wochen hätten drei Krankenhäuser ihre Kreißsäle geschlossen. "Natürlichkeit kommt man gegen Wirtschaftlichkeit nicht an", bedauert Marina Schmeißer. Eine Gesellschaft, die Kinder haben möchte, müsse da dringend umdenken.

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