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Camper kämpfen um ihre Idylle

CWollen nicht weichen: Bernd Mücke (l.) und Sebastian Semella (mit Sohn Klaus) campen seit Jahrzehnten am Mittelprendensee.
CWollen nicht weichen: Bernd Mücke (l.) und Sebastian Semella (mit Sohn Klaus) campen seit Jahrzehnten am Mittelprendensee. © Foto: MOZ/Sergej Scheibe
Henning Kraudzun / 18.08.2016, 07:00 Uhr
Biesenthal (MOZ) Campingfreunde am Mittelprendensee (Barnim) verstehen die Welt nicht mehr: Nach fast 50 Jahren sollen sie ihren Platz räumen. Der Landesforstbetrieb will den Pachtvertrag nicht verlängern und verweist auf rechtliche Probleme. Kein Einzelfall, wie Branchenvertreter berichten.

Es gibt kaum schönere Orte zum Campen. Die vor allem von Rentnern genutzten Wohnwagen stehen unter schattigen Bäumen, der nahe gelegene See lädt zum Baden ein, es gibt Spielflächen und einen Volleyballplatz. "Ein friedvoller Ort", findet Jürgen Baermann, Platzwart des Campingplatzes Mittelprendensee. Es gebe nie Streit, keinen Lärm und gewachsene Freundschaften.

Doch diese Idylle ist ernsthaft bedroht. Zuletzt musste der Betreiberverein einen regen Schriftverkehr bewältigen, um die Schließung des Campingplatzes abzuwenden. Denn es gibt Streit darüber, was das rund drei Hektar große Areal, das zur Gemarkung Biesenthal gehört, im rechtlichen Sinne darstellt. Der Flächennutzungsplan wird unterschiedlich gedeutet: Dort ist zwar ein Zeltplatz eingetragen, doch der Verpächter, der Landesforstbetrieb, geht von einem Waldstück aus. Daher wurde der Pachtvertrag nicht verlängert.

Baermann behauptet, dass die Forstverwaltung das Areal selbst bewirtschaften will. Dies sei ihnen so mitgeteilt worden. Verstehen kann er dieses Vorgehen freilich nicht: "Wir zahlen hier jährlich 8000 Euro Pacht und würden auch das Doppelte akzeptieren. So viel kann weder das Holz noch die Jagd einbringen", betont der 71-Jährige. Jetzt hofft der Verein auf Hilfe des Landes. Einen Brief haben die Mitglieder an Umweltminister Jörg Vogelsänger (SPD) bereits abgeschickt.

Der Vereinsvorsitzende Dieter Langbein ist der Meinung, dass die Camper nach knapp 50 Jahren einen Bestandsschutz erlangt hätten. Zu DDR-Zeiten habe es nie Probleme gegeben, so der 78-jährige Freiluft-Fan. Nach der Wende erhielt der Verein langfristige Pachtverträge von der Treuhandgesellschaft, das Land hatte diese nach der Rückübertragung verlängert. "Wir haben hier viel Zeit und Geld investiert, um die gesetzlichen Anforderungen zu erfüllen", sagt Langbein. Neue Wege, Toiletten, Sanitäranlagen, Sammelgruben und ein Brunnen seien geschaffen worden. "Das sollen wir jetzt alles abreißen", empört er sich. Für die betagten Camper wäre der Verlust des Standorts emotional schwer zu verkraften. "Es gibt Mitglieder, die hier in einem Wohnwagen geboren wurden", berichtet er.

Mittlerweile hat der Kampf des Campingvereins mit den Behörden auch Potsdam erreicht. Die Landtagsabgeordnete Margitta Mächtig (Linke) hat eine parlamentarische Anfrage an Vogelsängers Ministerium gerichtet. "Hier wird eine lange Tradition einfach vom Tisch gefegt", kritisiert sie. Auf dem Terrain habe es keine gravierenden Eingriffe in die Natur gegeben. Die Argumentation des Forstbetriebs, dass die Campingnutzung als Waldumwandlung aufzufassen wäre, sei falsch, betont Mächtig, die zugleich Stadtverordnete von Biesenthal ist. Sie fordert, dass die Kommune beim Land intervenieren müsse.

Hubertus Kraut, Direktor des Forstbetriebs, erkennt indes ungelöste rechtliche Fragen. "Der Pachtvertrag muss auf hoheitlich sauberer Grundlage erfolgen", erklärt er. Gerüchte von Anwohnern, dass am Mittelprendensee ein Jagdgebiet ausgewiesen werden soll, bezeichnet er als "Unfug". Finanzielle Interessen stünden überhaupt nicht zur Debatte.

Vertreter der Campingwirtschaft berichten unterdessen, dass Campingplätze immer wieder bedroht seien. So konnten Zeltfreunde am Schmöldesee bei Prieros (Dahme-Spreewald) nach einer zähen Auseinandersetzung mit dem Forstamt einen Kompromiss aushandeln - am Tisch von Minister Vogelsänger. "Wir verurteilen, dass Campingplätze verschwinden sollen", sagt Jörg Klofski, Vize-Präsident des Landesverbandes der Campingwirtschaft. Die Branche stellt nach seiner Ansicht einen wichtigen touristischen Wirtschaftszweig dar. Auch am Wolletzsee (Uckermark) gingen Camper unlängst auf die Barrikaden, als ihr Refugium verschwinden sollte.

Von einem Rückhalt ist in Biesenthal wenig zu spüren. Bürgermeister Carsten Bruch (CDU) verweist auf Windkraftflächen, die in einem nahe gelegen kommunalen Waldstück ausgewiesen wurden. "Wir wollen keine neuen Konflikte heraufbeschwören", sagt er. Um Rechtssicherheit für den Verein zu schaffen, benötige man Zeit. "Einen Flächennutzungsplan kann man nicht in wenigen Monaten ändern."

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