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Ruine gesprengt und Parteischule gebaut

Die Aufnahme aus dem Jahr 1960 zeigt die schon teilweise abgerissene Ruine nahe dem Oderufer.Foto: Walter Fricke/Stadtarchiv Frankfurt
Die Aufnahme aus dem Jahr 1960 zeigt die schon teilweise abgerissene Ruine nahe dem Oderufer.Foto: Walter Fricke/Stadtarchiv Frankfurt © Foto: MOZ
Ralf-Rüdiger Targiel / 12.09.2016, 06:02 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Frankfurts Zentrum war einst ein reiches Zentrum von Häusern unterschiedlicher Baustile. In einer Serie erinnern wir an einige nicht mehr stehende und inzwischen neu entstandene Häuser. Heute Teil 11: Auditorium maximum - vom Kasernenhof zum Universitätsplatz, Teil 2 und Schluss.

Obwohl der 1945 schwer in Mitleidenschaft gezogene Sitz der einstigen Reichsbahndirektion Osten 1952 als Ruine dastand, dachte der Rat der Stadt an den Wiederaufbau. Die tragenden Außen- und Innenwände waren noch erhalten. Wilhelm Neumann, Abteilungsleiter Aufbau des Rates, wollte vor allem wegen der soliden Gründung das Gebäude erhalten, "da vollkommene Neubauten an dieser Stelle wegen der Gründungsverhältnisse hohe Kosten verursachen". Im März 1952 fragte deshalb die Stadt beim Reichsbahnamt Berlin an, ob das Gebäude noch beansprucht würde. Der Rat wollte hier eventuell ein medizinisches Institut unterbringen, welches die 1950 in der nördlichen Oderkaserne eingerichtete Schwesternschule ergänzen sollte.

Wenige Monate später änderte sich die Stadtsituation: Frankfurt war Bezirkshauptstadt des neugebildeten Bezirkes Frankfurt (Oder) geworden. Da kam ein anderer Gedanke auf. Die Ruine, an der die Bahn kein Interesse mehr hatte, sollte zentraler Sitz der Bezirksbehörde der Volkspolizei werden. In die nördliche Oderkaserne war inzwischen schon die neugegründete Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit eingezogen. Während die Verhandlungen sich hinzogen, diskutierte man Anfang 1957 im Rahmen des Nationalen Aufbauwerkes den Abriss der Ruine, auch wenn dabei nicht "die erhoffte große Ziegelmenge gewonnen werden könne". Wie ein Artikel im "Neuen Tag" vom 6. Januar 1957 über eine solche Versammlung informierte, war man sich darüber klar, dass das Gebäude so massiv errichtet war, dass es nur durch Sprengung beseitigt werden könne, und so nur Ziegelschutt statt verwendbarer Ziegelsteine blieb.

Gleich nach dem Artikel meldete sich der Direktor des Großhandelskontors für Textilwaren, NL Frankfurt, mit dem Vorschlag, die Ruine zu einem Messehaus umzubauen. Hier könnten dann im Anschluss an die Leipziger Messe Bezirksmessen wie auch Sondermessen im internationalen Maßstab stattfinden. Dadurch würde Frankfurt - wie einst - wieder nationales Messegepräge erhalten. Sein Vorschlag stieß auf großes Interesse beim Rat der Stadt, klagte man doch gerade bei den Vorbereitungen zur 1. Bezirksmesse mit 120 Ausstellern auf dem Gelände der Ernst-Thälmann-Berufsschule über Platzprobleme. Nun hoffte man auf Messen mit 800 bis 1000 Ausstellern.

Doch der Rat des Bezirkes hatte andere Pläne: Die Ruine sollte zu einem Werk für die Leichtindustrie mit etwa 2000 Beschäftigten ausgebaut werden. Um es verkehrsmäßig zu erschließen, dachten die Planer erstmals daran, die Große Oderstraße bis zur Wilhelm-Pieck-Straße (Logenstraße) zu verlängern. Doch auch dieser Plan zerschlug sich. Obwohl der Rat der Stadt noch im März 1958 den Ausbau forderte, beseitigte man in den nächsten Jahren die Ruine. Es blieben nur noch das evangelische Gemeindehaus an der Priestergasse, einige kleine Nebengebäude der Kasernen im nördlichen Teil des Geländes, der von der BDVP bis 1975 genutzte Bunker und die beiden Kasernen an der Oder; in der nördlichen Oderkaserne befand sich von 1966 bis 1990 das Wehrbezirkskommando der NVA.

1972 kam eine neue Nutzung des Geländes ins Gespräch. Die Bezirksleitung der SED wollte ihre Parteischule von Eberswalde nach Frankfurt verlegen und hatte den Rat der Stadt aufgefordert, entsprechende Standorte für den Schulkomplex mit einem 5-geschossigen Internat vorzuschlagen. Von den zuletzt vier in die engere Wahl genommenen Standorten fiel die Wahl auf den Standort Uferstraße. Nach dem im Januar und Februar 1975 die städtebauliche Bestätigung und die Standortgenehmigung erteilt waren, begannen mit dem Abriss und Aushub der Baugrube die Arbeiten. Der Wertumfang des bis zum 31. Dezember 1979 zu errichtenden Baus war mit 34,5 Millionen Mark, darunter 21 Millionen Mark Baukosten, geplant. Im Westen des Geländes entstand das dreigeschossige Schulgebäude mit dem großen und kleinen Lektionssaal (in der Planung 450 und 100 Plätze), daran schloss sich die eingeschossige Vorhalle und  rechts das als 11-Geschosser geplante Internatsgebäude mit 300 Internatsplätzen an. Im Osten entstand die eingeschossige Mensa mit 200 Plätzen und 120 Café-Plätzen.  Im Zuge des Baus wurde - entgegen der historisch gewachsenen Stadtsituation - die Große Oderstraße über den gesamten Platz verlängert.

Statt der Priestergasse bildete nun die neue Straße den Anschluss zur Wilhelm-Pieck-Straße. Westlich der neuen Straße entstand, unter Einbeziehung der Priestergasse und dem Grundstück des inzwischen abgerissenen Gemeindehauses, ein großer Parkplatz. Der Bau wurde pünktlich beendet und so übergab am 17. August 1979 der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Jochen Hertwig an Horst Martens, dem aus Eberswalde nach Frankfurt gezogenen Schulleiter, die fertiggestellte Schule. Infolge des Baus verschwanden die bis dahin noch bestehenden alten Bauten einschließlich der südlichen Oderkaserne. Der Neubau mit den Gebäuden, den gestalteten Freiflächen, Sport- und Spielflächen sowie den neuen Straßen im Westen und Norden hatte das Aussehen des Platzes grundlegend verändert.

In den Wendemonaten mehr als zehn Jahre später hoffte der Runde Tisch der Stadt, im Komplex der inzwischen geschlossenen Parteischule eine neu zu gründende Umwelt-Universität unterzubringen. In seinem Auftrag  informierte Frankfurts Oberbürgermeister Fritz Krause das Ministerium für Bildung der DDR über die vorgeschlagene Gründung. Der Minister Prof. Dr. Dr. Emons lehnte jedoch am 17. Januar 1990 ab, "da es nicht beabsichtigt [ist], das zur Zeit bestehende Netz der Universitäten und Hochschulen zu erweitern". Nach dem sich damit die Hoffnung auf eine neue Universität vorerst zerschlagen hatte, wurde im April 1990 aus dem Gebäudekomplex ein Hotel- und Kongresszentrum. Im Kongresshotel (später Centralhotel) "Frankfurter Hof" mit seinen   150 Zwei-Bettzimmern gab es eine öffentliche Sauna, einen Frisiersalon, ein Fotoatelier, ein Terrassencafé, eine große öffentliche Gaststätte.

Wenn sich das Centralhotel auch zur Stadt geöffnet hatte und hier Kongresse und Bälle stattfanden, so konnte der große Konferenzsaal nicht seinen Möglichkeiten entsprechend genutzt werden. Das sollte sich ändern. Nach der Wiedervereinigung hatte Frankfurt 1991 mit der Europa-Universität doch eine Universität erhalten. Sie mietete vom Hotel das Schulgebäude als Hörsaal- und Seminar-Gebäude. Das Studentenwerk bekam die Mensa. Ende 1997 musste das Hotel trotz einer 1995/96 erfolgten Modernisierung und stabiler Auslastung Konkurs anmelden. Die Universität nahm im Jahr darauf das Schulgebäude in die eigene Verwaltung. Für den Hotelbetrieb folgten  Monate der Ungewissheit, bis dann Mitte 1999 das Studentenwerk das Hochhaus und den Verbindungsbau übernahm.  Derweil fertigte das Potsdamer Architekturcontor Schagemann + Schulte den Entwurf für den Umbau des Schulgebäudes.

Nachdem das Gebäude freigezogen war, begann im September 2009 der am Ende 9 Millionen Euro teure Umbau. Als die Universität am 13. September 2004 das Gebäude wieder übernehmen konnte, hatte sie unter Beibehaltung der alten Gebäudestrukturen ein modernes, allen Wünschen aus Lehre, Forschung und universitärer Repräsentation entsprechendes "Auditorium Maximum" erhalten. Nun blieb nur noch die Gestaltung des Platzes. Dabei wurde die Verlängerung der Großen Oderstraße zurückgeführt und ein einheitlicher Platz bis zu der wieder dem Durchgangsverkehr dienenden Priestergasse geschaffen. Der 2010 eingeweihte Platz trägt seitdem den Namen "Universitätsplatz".

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