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Frankfurts Kino-Zeit begann im Kaisersaal

Blick in den Kaisersaal: Der fast 600 Quadratmeter große Raum bot im Parkett und oberhalb von Kolonnaden an den Längsseiten mehr als 800 Personen Platz. Auf einer Bühne spielte regelmäßig ein Orchester. Diese Aufnahme entstand um 1910.
Blick in den Kaisersaal: Der fast 600 Quadratmeter große Raum bot im Parkett und oberhalb von Kolonnaden an den Längsseiten mehr als 800 Personen Platz. Auf einer Bühne spielte regelmäßig ein Orchester. Diese Aufnahme entstand um 1910. © Foto: MOZ
Ralf-Rüdiger Targiel / 26.09.2016, 05:53 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Das "Lichtspieltheater der Jugend" gehört zu den stadtprägenden Gebäuden in der Frankfurter Innenstadt. Seit acht Jahren wird es nicht genutzt und verfällt. Einst beherbergte das Gebäude eine der beliebtesten Vergnügungsstätten in Frankfurt. Heute ist es ein Schandfleck.

Dort, wo das seit acht Jahren geschlossene "Lichtspieltheater der Jugend" ist, befand sich einst eine Ziegelei, Kalk- und Gipsbrennerei. Mit dem Bau der Eisenbahn und der Verlegung des ersten Stückes der alten Straße nach Fürstenwalde zur Ziegelei Straße (dann Fürstenwalder Straße, später Wilhelm-Pieck-Straße, heute Heilbronner Straße) erwachte in der Mitte des 19. Jahrhunderts das bis dahin abgelegene Gebiet aus dem Dornröschenschlaf. Heinrich Saath, dem zuletzt die Ziegelei gehörte, konnte sein Grundstück günstig an den Spediteur und späteren Stadtrat Johann Heinrich Herrmann verkaufen. Der wiederum verkaufte den größten Teil seines Grundstückes noch günstiger an eine Interessentengruppe einheimischer Kaufleute, die hier 1870 mit einem Kapital von 200 000 Talern die "Frankfurter Actien-Brauerei AG" gründete.

Binnen kurzem wurden im hinteren Grundstücksteil die Brauereianlagen errichtet, darunter der Gär- und Bierlagerkeller. Im vorderen Teil, gut von der Fürstenwalder Straße zu betreten, entstand der einstöckige (Vor-)Gartensaal, daran anschließend, parallel zur Straße, das dreistöckige Restaurationsgebäude. In der ersten Etage des Gebäudes war ein weiterer Saal. Dahinter lag der Konzert-Garten mit einer offenen Halle, einem Büffet und seit 1895 auch mit einem achteckigen Konzertpavillon, wo Orchester aufspielten.

Die Aktien-Brauerei mit ihrem weitreichenden Brauerei- und Vertriebsgeschäft wurde um die Jahrhundertwende auch zu einer der beliebtesten Frankfurter Vergnügungsstätten - später nannte sich das verpachtete Etablissement "Groß-Frankfurt" und lockte die Frankfurter mit Tanzdiele, Café, Konzertgarten und Kabarett. Da passte es, dass dort, wohl im Gartensaal, am 12. Februar 1900 ein Berliner Unternehmer Vorführungen mit einem von Edison erfundenen Kinematographen und einem Phonographen veranstaltete.

Obwohl die Gesänge, die der Phonograph wiedergab, recht gut gelangen, war der Kinematograph beim zahlreichen Publikum der Renner. Die gezeigten Szenen vom Hindernislauf, dem Morgenbad und dem Mann mit den vier Köpfen erregten die größte Heiterkeit. Wie die "Frankfurter Oder-Zeitung" damals schrieb, gab "der reiche Beifall, den die Vorführungen erzielten, ... den besten Beweis dafür, wie gut sich das Publikum amüsierte".

Bald reichten die Säle für die verschiedenen Veranstaltungen nicht mehr aus und so plante man den Bau eines großen Konzertsaales aus Eisenbeton. Er sollte "an Größe und Eleganz alle übrigen ähnlichen Lokale vollständig in den Schatten" stellen. 1908 begann nach dem Entwurf des Berliner Architekten Ludwig Engel der Neubau. Der Stahlskelettbau entstand südlich des Restaurationsgebäudes, unmittelbar im Anschluss an den dortigen Saal und reichte bis in den Konzertgarten hinein. 1910 konnte der fast 600 Quadratmeter große "Kaisersaal", wie er fortan bezeichnet wurde, genutzt werden. 814 Personen hatten an Tischen im Parkett und oberhalb von Kolonnaden an den Längsseiten Platz. Eine Bühne bot Platz für ein Orchester.

1913 begann die Zeit des Kinos für den Kaisersaal. Die Frankfurter Aktien-Brauerei baute im 2. Obergeschoss des Saalgebäudes, im Korridor zwischen Kaisersaal und Trockenboden, einen Filmapparat ein. Nun sollte es nicht mehr lange dauern, bis der Kaisersaal zu einem richtigen Lichtspieltheater wurde. Am 30. September 1919, der erste Weltkrieg war kurz zuvor mit dem Frieden von Versailles beendet worden, fand die Eröffnungsveranstaltung der neuen "Decla-Lichtspiele" statt. Die von Max Perlinsky geleiteten Lichtspiele gehörten zur Berliner "Decla-Film-Gesellschaft Holz & Co". Vom neuen Haupteingang an der Straße mit seinem bis 1929 charakteristischen Dreiecksgiebel gelangte man in einen großen Vorraum, in dessen Mitte sich die Kasse befand. Über eine breite Treppe ging man anschließend hoch in den ersten Stock, wo der Zugang zum "Parkett" war. Im graublau gehaltenen, komplett umgestalteten Saal gab es Logen auf dem Rang und lange Reihen "bequemer Klappsitze". Das Lichtspieltheater fasste im Parkett 650 Plätze und 368 im Galeriegeschoss. Es war die Zeit des Stummfilms, der Filme mit Klavierbegleitung.

1931 - zehn Jahre nachdem die "Universum-Film AG" die inzwischen zur "Decla-Bioskop AG" fusionierte Filmgesellschaft übernommen hatte und das Kino zuerst "Ufa-Decla-Lichtspiele" und seitdem nur noch "Ufa-Theater" hieß - wurde das Kinotheater erneuert. Die Stummfilmzeit war beendet, der Tonfilm benötigte eine ganz neue Lautsprecheranlage, die sich hinter der durchlöcherten Projektionswand befand. Die Wände erhielten eine rote, schallschluckende Plüschbespannung. Noch umfänglicher waren die Veränderungen im Jahr 1939. Die inzwischen unter Aufsicht von Goebbels Propagandaministerium stehende Ufa modernisierte auch ihr Frankfurter Lichtspieltheater. Die Seitenlogen wurden abgeschafft und ein neues, im Halbrund geführtes, jetzt ansteigendes Parkett mit Hochpolster-Reihenstühlen wurde eingebaut. Die Akustik wurde nach Schallmessungen verbessert, wozu unter anderem die Wände mit bespannten Sperrholzpaneelen versehen wurden. Die Ufa verlegte die Garderobe vom Erdgeschoss in den 1. Stock, in den Vorraum zum Parkett.

Als am 15. August 1939 das Ufa-Theater neu öffnete, ahnte hier noch niemand, dass zwei Wochen später mit dem Überfall auf den Sender Gleiwitz und Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg beginnen sollte. Im Ufa-Theater konnten die Besucher auf neuestem technischen Stand die neuen Ufa-Produktionen mit Heinz Rühmann, Hans Albers und Zarah Leander sehen. Die Wochenschau brachte immer noch siegreiche Propagandabilder, als der Krieg längst verloren war. Am Ende des Krieges erhielt die Bühne des Ufa-Theaters einen Bombentreffer. Der eigentliche Saalbau blieb erhalten.

Nach der Befreiung der Stadt bot sich den nach Frankfurt zurückkehrenden Bürgern ein weitestgehend zerstörtes Stadtzentrum. Auch das alte Ufa-Theater war beschädigt, es war jedoch noch ausbaubar. Doch als was sollte man den Bau nutzen? Schon im Februar 1946 wurde darüber beim Oberbürgermeister Dr. Ernst Ruge diskutiert, man dachte eher daran, es als neues Frankfurter Theater auszubauen. Zwar hatte die Stadt durch Bemühungen des städtischen Kulturamtes, das von seiner Frau Wally Ruge geleitet wurde, schon früh das als Militärlazarett für die Rote Armee vorgesehene ehemalige Musikheim zurückerhalten. Dort konnte schon am 8. Juli 1945 unter Leitung von Bruno Karl aus Goethes "Faust" rezitiert werden. Doch war der weit vom Zentrum entfernte Komplex kaum für den Theaterbetrieb geeignet. Deshalb beauftragte das städtische Volksbildungsamt Anfang Februar 1949 den Architekten Josef Gesing, den Ausbau des Lichtspielgebäudes als Stadttheater zu planen.

Der bestens mit den Baulichkeiten der Stadt vertraute Gesing - er hatte bis 1945 als Stadtbaumeister beim Magistrat gearbeitet - schlug vor, im ersten Bauabschnitt den erhalten gebliebenen Saalbau auszubauen und ein neues Bühnenhaus zu errichten. In drei späteren Bauabschnitten wollte er rechts ein Theater-Restaurant mit Café und Kleinkunstbühne sowie linksseitig einen Flügelbau mit kleineren Versammlungs- und Ausstellungsräumen errichten und schließlich sollte sogar noch durch entsprechende Gestaltung des Bühnenhauses der sich anschließende Garten als Sommertheater als auch als Cafégarten wieder zu Ehren kommen.

Doch schon zwei Monate später wurden die Projektarbeiten beendet. Da das Vorhaben nicht im 2-Jahr Plan aufgenommen war und damit nicht vor 1951 mit dem Baubeginn zu rechnen war, stellte das städtische Bauamt die weitere Bearbeitung einstweilen zurück.

Es folgt Teil 2 und der Schluss

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