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Mehr als nur ein Kino

Trümmer des ehemaligen Ufa-Theaters: Diese Aufnahme stammt aus dem Jahr 1953. Im gleichen Jahr begann der Ausbau zum Lichtspieltheater.
Trümmer des ehemaligen Ufa-Theaters: Diese Aufnahme stammt aus dem Jahr 1953. Im gleichen Jahr begann der Ausbau zum Lichtspieltheater. © Foto: Stadtarchiv/Walter Fricke
Ralf-Rüdiger Targiel / 28.09.2016, 06:00 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Das "Lichtspieltheater der Jugend" gehört zu den stadtprägenden Gebäuden in der Frankfurter Innenstadt. Seit acht Jahren wird es nicht genutzt und verfällt. Einst beherbergte das Gebäude eine der beliebtesten Vergnügungsstätten in Frankfurt. Heute ist es ein Schandfleck.

Mitte 1951, Frankfurt war kreisangehörige Stadt und zugleich Sitz des ein Jahr zuvor gebildeten Kreises Frankfurt (Oder), erhielt die Stadt von der Investitionsabteilung des Brandenburgischen Innenministeriums die Nachricht, dass für Frankfurt der Aufbau eines Lichtspieltheaters mit einer Bausumme von 500 000 DM vorgesehen war. Die Stadt, die zu diesem Zeitpunkt mit der Stadthalle und den Efka-Lichtspielen nur zwei behelfsmäßig eingerichtete Kinos besaß, schlug sofort vor, das ehemalige Ufa-Theater zum Volks-Lichtspieltheater auszubauen und den Bau bis zur 700-Jahrfeier 1953 fertigzustellen. Vorentwürfe wurden beim VEB (Z) Projektierung Brandenburg, Außenstellen Frankfurt und Cottbus in Auftrag gegeben.

Doch auch diesmal wurde nichts daraus. Nach dem die Landesregierung das Projekt am 5. Dezember 1951 ablehnte, sprach der Rat der Stadt "bei der DDR" vor. Vergeblich, man erfuhr in Berlin, "es sind keine Mittel in diesem Jahr da". Im April 1953 begann der dritte Anlauf zum Ausbau des alten Ufa-Theaters, der schließlich, wenn auch mit manchen Wendungen, zum Erfolg führte. Frankfurt hatte seit 1952 seine Kreisfreiheit wieder und war zur Hauptstadt des neuen Bezirkes Frankfurt (Oder) bestimmt worden.

Neben dem Neubau eines Theaters (dort wo heute die Sparkasse Oder-Spree und das Kaufland-Gebäude stehen, nicht verwirklicht) war auch der Ausbau des ehemaligen Ufa-Kinos als neues Lichtspieltheater vorgesehen. Die Vorplanung hatte Chefarchitekt Wilhelm Flemming vom Entwurfsbüro für Hoch- und Industriebau Cottbus des Ministeriums für Aufbau übernommen. Als dann "in Auswirkung der Ministerratsbeschlüsse vom 29. Juni 1953" sogar ein umfangreiches Zusatzbauprogramm für Frankfurt zur Ausführung kam, wandten sich die SED-Bezirksleitung und Frankfurts Oberbürgermeister Erwin Hinze an Prof. Hermann Henselmann und erbaten dessen "Anregung und Hilfe für die richtige Planung". Prof. Henselmann, unter dessen Leitung gerade die Neubauten in der Bahnhofsstraße und die angrenzenden Häuser in der Wilhelm-Pieck-Straße entstanden - damals als Magistrale angesehen - ließ sich nicht lange bitten. Anfang Juli schaute er sich die Baustelle an.

Wer nun dachte, es handle sich um die Wiederherstellung eines Lichtspieltheaters, der irrte. Er machte den Frankfurtern klar, dass "in diesem Kulturbau  ... die neue gesellschaftliche Ordnung in Verbindung mit dem kulturellen Erbe der Baukunst in Frankfurt-Oder ihren harmonischen Ausdruck finden" müsse. Zugleich empfahl er, den Architekten Schmidt-Textoris von seiner Meisterwerkstatt mit der Projektierung zu beauftragen. Folgerichtig wurde das Projekt finanziell erweitert. W. Flemming vom Entwurfsbüro stoppte die Projektierung, um dann nach dem neuen Entwurf von Schmidt-Textoris das Feinprojekt zu bearbeiten. Am Ende lagen beim Leiter der Abteilung Aufbau des Rates der Stadt Wilhelm Neumann zwei komplette Vorentwürfe vor, bei denen dem eigentlichen Kinosaal zur Wilhelm-Pieck-Straße ein großer, dreistöckiger Eingangstrakt vorgebaut werden sollte.

Da kündigte sich eine neue Gefahr für das Projekt an: Auf der Sitzung des Architekturbeirates beim Ministerium für Aufbau in Berlin am 2. Oktober 1953 wurde der vorgesehene Standort des Lichtspieltheaters in Frage gestellt. Doch die Räte des Bezirkes und der Stadt beharrten auf den alten Standort und damit auf den Ausbau. Wilhelm Neumann - Frankfurts späterer Ehrenbürger - ließ beide Fassaden-Entwürfe in der Zeitung "Neuer Tag" veröffentlichen. Am 14. Januar 1954 forderte er "die Frankfurter als die Bauherren" auf, sich die Baupläne anzusehen, den Willen und Gedanken "zu diesem an städtebaulich bedeutsamer Stelle stehenden Kulturbau" kundzutun, um sich dann gleich "im Namen der Frankfurter Bevölkerung" öffentlich mit einer Standortverlegung nicht einverstanden zu erklären. Die Entwürfe wurden im Haus Fürstenwalder Str. 65a/ Ecke Thilestraße ausgestellt. Wilhelm Neumann empfahl bei Flemmings Entwurf die funktionell bessere Lösung, bei Schmidt-Textoris die bessere Fassadengestaltung. Doch anders als Wilhelm Neumann empfanden die meisten der Einsender Schmidt-Textoris geschwungenen, mit Skulpturen geschmückten Fassadenentwurf als nicht für Frankfurt passend. Am Ende wurde weitestgehend die Cottbuser Entwurfsplanung umgesetzt. Für das von Schmidt-Textoris vorgeschlagene Café, dass das Lichtspieltheater mit dem letzten Block der Henselmann-Bauten verbinden sollte und das keinen Befürworter fand, plante Flemming im Juni 1954 dann eine Mauer mit einer Pforte.

Derweil sahen die Frankfurter zu, wie sich der Bau entwickelte. Das Hickhack um die Projektierung brachte es mit sich, dass die Maurer des VEB Bau (Stadt) mitunter ohne Unterlagen arbeiteten mussten. Am 27. Oktober 1954 konnte Richtfest gefeiert werden und pünktlich am 30. April 1955 wurde das Lichtspieltheater mit seinen über 800 Plätzen seiner Bestimmung übergeben. Bei der Einweihungsfeier waren auch die Bauleute des VEB Bau und der Hauptdarsteller des anschließend als Bezirksuraufführung gezeigten DEFA-Films "Sommerliebe" Lothar Blumenhagen unter den geladenen Gästen. An diesem Abend verkündete Oberbürgermeisterin Else Powalka (Noack), dass künftig das Haus "Lichtspieltheater der Jugend" heißen wird (der Namensvorschlag kam vom Zimmerer und späteren Betriebsstättenleiter Manfred Gräfe). Am folgenden 1. Mai strömten die Frankfurter über die große Freitreppe in ihr Kino, sahen, wie im Film der Sommerurlaub von Milli und ihrer Liebe zu einem Filou am Ende natürlich doch noch ein gutes Ende fand.

Zur Eröffnung war das Lichtspieltheater noch nicht ganz fertig. Der Eingangsbereich war nicht mit Naturstein verkleidet. Es fehlten die dann kontrovers diskutierten Sgraffitoarbeiten des Frankfurter Kunstmalers Rudolf Grunemann (rechte Fassadenfläche: Stadt/ Industrie, linke: Land/ Landwirtschaft) und es fehlten noch die beiden vom Bildhauer Edmund Neutert in Verbindung mit Steinmetzmeister Th. Peissig geschaffenen, lebensgroßen Plastiken aus Naturstein, der "Hochöfner" und die "Genossenschaftsbäuerin". Auch der anfänglich eingesetzte Filmprojektor "Dresden D 1" von VEB Zeiß Ikon Dresden wurde bald mit dem größeren "Dresden D 2" getauscht.

Für die Frankfurter war das Lichtspieltheater mehr als nur ein Kino. Der Balkon dürfte Frankfurts bekanntester Balkon gewesen sein. Hier zeigte sich 1964 Goldmedaillengewinnerin Karin Balzer und auch später noch mancher Gast den Frankfurtern. Nach dem Umbau 1966 - ab da konnten 70mm-Filme gezeigt werden - war das Haus als Mehrzweckbau auch Ort für festliche Veranstaltungen und Konzerte, auch die Jugendweihe wurde hier durchgeführt. Ein Stock höher gab es fortan einen zweiten, kleineren Filmsaal, den "Pressefilmclub", in dem Filme für Filmkunstliebhaber zur Aufführung kamen.

Die letzte umfassende Rekonstruktion unter der Regie der Bezirksfilmdirektion fand 1985 statt. Nach dem gesellschaftlichen Umbruch 1989 übernahm die Ufa-Theater AG das Lichtspieltheater der Jugend. Mit den Filmen "Deep Empact" und "Mr. Magoo" schloss sich am 27. Mai 1998 für immer der Vorhang. Am nächsten Tag öffnete das neue Ufa-Multiplex-Kino mit sechs Kinosälen in der Bischofstraße.

Es ist heute den Denkmalpflegern zuzustimmen, dass das Lichtspieltheater der Jugend "zu den bedeutendsten Bauten der 1950er Jahre in Frankfurt" gehört und "ein Markstein des Wiederaufbaus des kriegszerstörten Zentrums nach den Vorstellungen des sozialistischen Städtebaus" ist. Von seiner Bedeutung und falls das Platzangebot ausreicht, dürfte es das richtige Gebäude für das jetzt diskutierte Landeskunstarchiv sein, welches im besonderen Maße die Kunst in der Zeit der DDR zum Gegenstand hat. (Schluss)

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