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Stärkung von Jugendlichen im Fokus

Arbeitet bei Dreist: Andrea Metzner
Arbeitet bei Dreist: Andrea Metzner © Foto: MOZ/Anna Fastabend
Anna Fastabend / 28.09.2016, 06:30 Uhr
Eberswalde (MOZ) Der Verein Dreist für Kinder- und Jugendschutz bietet ein neues Projekt an. Mit "Körpergrenze" sollen Jugendliche zwischen 13 und 17 Jahren vor sexualisierter Gewalt geschützt werden. Für das Jahr 2017 kürzt die Stadt ihre Förderung von rund 8000 Euro auf 5000 Euro.

"Für Kinder gibt es zahlreiche Programme, die sie vor sexuellem Missbrauch schützen sollen", berichtet Medienpädagogin Andrea Metzner von Dreist, einem Verein für geschlechtsspezifische Bildungs-, Sozial- und Beratungsarbeit. Auch Dreist bietet seit Langem zwei Projekte an - in Eberswalder Bildungseinrichtungen sowie brandenburgweit.

Das Puppenspiel "Spielgrenze" ist für Kinder zwischen vier und acht Jahre. Im Workshop "Grenzwerte" erleben acht- bis 13-jährige Mädchen und Jungen ein Theaterstück mit grenzüberschreitenden Situationen. Gemeinsam mit den Darstellern suchen sie nach Abwehrstrategien und lernen so ihre eigene Grenze und die ihrer Mitmenschen kennen. Ein weiterer Aspekt des Projekts ist die Aufklärung und Weitergabe von Vorsorgetipps an Eltern, Lehrer und Sozialpädagogen.

"Sexueller Missbrauch und sexualisierte Gewalt an und unter Jugendlichen wird im wissenschaftlichen und sozialpädagogischen Bereich bisher zu wenig beachtet", sagt die Pädagogin. Studien zur Altersgruppe und Präventionsangebote seien rar. Laut dem Verein für Kinder- und Jugendschutz werde sexualisierte Gewalt an Jugendlichen von Erwachsenen oft verharmlost. Geschieht sie über die digitalen Medien, würden diese sich häufig überfordert fühlen.

Dreist will mit seinem neuesten Präventionsprojekt "Körpergrenze" für Mädchen und Jungen von 13 bis 17 Jahren darauf aufmerksam machen, dass etliche Jugendliche Opfer von sexuellen oder sexualisierten Übergriffen werden. Dabei seien es nicht nur die schwerwiegenden Übergriffe, die seelische Verletzungen hinterlassen können, betont Andrea Metzner. Auch die alltäglichen, manchmal unscheinbaren Belästigungen hinterließen Spuren.

Der Bereich der kleineren und damit oft bagatellisierten Übergriffe habe sich durch die digitalen Medien ausgeweitet. Die Pädagogin berichtet von einem typischen Fall von Internetmobbing, der sich in dieser Region zugetragen hat. Ihr hatte sich kürzlich eine Sechstklässlerin anvertraut, von der durch den gesamten Freundes- und Bekanntenkreis ein Foto gegangen war, auf dem sie obenherum nur einen BH trug. "Das Mädchen hatte dieses Foto einem Jungen geschickt, den sie interessant fand", erzählt Andrea Metzner. Der hatte es anschließend überall verbreitet.

"Laut einer Studie besitzen mittlerweile 90 Prozent aller Jugendlichen zwischen zwölf und 19 Jahre ein Smartphone", weiß die Pädagogin. Das Smartphone verleite viele zu Handlungen, von denen sie eigentlich wissen, dass sie nicht ungefährlich oder sogar falsch sind. Denn "auf "teilen' ist schnell geklickt."

Die Sechstklässlerin habe ein ganzes Jahr mit niemandem über das belastende Erlebnis gesprochen, berichtet Metzner. Ihr Verhalten decke sich mit Studien. "Nur die Hälfte vertraut sich jemandem an." Der Rest versuche allein mit den schrecklichen Erfahrungen fertig zu werden.

Dabei macht es laut der Medienpädagogin keinen Unterschied, wo ein solcher Übergriff erlebt wird. "Laut einer Schweizer Studie sind Jugendliche von sexualisierter Gewalt über die digitalen Medien psychisch genauso belastet wie von sexuellen Belästigungen ohne Körperkontakt im realen Leben."

Im Projekt "Körpergrenze" sollen Jugendliche sensibilisiert werden, welche Verhaltensweisen eines anderen Jugendlichen oder eines Erwachsenen bereits als sexuelle Übergriffe betrachtet werden. Außerdem soll ihnen aufgezeigt werden, wie sie sich in einer solchen Situation schützen können und von wem sie Hilfe bekommen. Das Projekt wird von Aktion Mensch und Childhood gefördert.

Im theaterpädagogischen Modul werden den 13- bis 17-Jährigen Erfahrungsberichte von Menschen vorgelesen, die Grenzüberschreitungen erlebt haben. "Dabei stellen wir Übergriffe aus dem alltäglichen Kontext vor, um die Bandbreite aufzuzeigen." Außerdem werde spielerisch auf Themen wie Einvernehmlichkeit, Homosexualität und Verhütung eingegangen.

Im sexualpädagogischen Modul würden die Mädchen und Jungen dann mit Fragen konfrontiert, die sie sich selbst oft stellen, aber unsicher über die Meinung der anderen zu dem Thema sind. Darunter fallen Fragen wie "Ist es okay mit 13 Jahren schon einen Freund zu haben?" oder "Ist es in Ordnung, wenn das Mädchen den ersten Schritt macht?". Dabei kämen oft interessante Sichtweisen heraus, die das Verhalten unbewusst beeinflussen, berichtet Metzner.

In den Workshops arbeiten die Projektleiter mit den Jugendlichen nach Geschlechtern getrennt und zusammen. Zudem werden bei "Körpergrenze" ebenfalls die Fachkräfte und Eltern geschult und es wird an alle Beteiligten zielgruppenspezifisches Infomaterial herausgegeben. Auch die individuelle Beratung durch geschultes Personal sei möglich. Bisher wurde das Projekt an einer Oranienburger Schule durchgeführt.

Die institutionelle Förderung durch die Stadt wird ab 2017 um etwa 3000 Euro gekürzt, informiert die Verwaltung. "Mit 5000 Euro sind unsere Kosten für Miete und Geschäftsführung leider nicht mehr gedeckt", bedauert Metzner.

Weitere Informationen im Internnet unter www.dreist-ev.de

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