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Der Schrecken von Schwetig

Letzte Spuren: In einem kleinen Waldstück bei Swiecko finden sich noch Fundamente von Baracken des früheren "Arbeitserziehungslagers Oderblick". Es wurde 1945 weitgehend zerstört. Ganz in der Nähe gibt es seit 1977 eine kleine Gedenkstätte.Foto: MOZ/Thoma
Letzte Spuren: In einem kleinen Waldstück bei Swiecko finden sich noch Fundamente von Baracken des früheren "Arbeitserziehungslagers Oderblick". Es wurde 1945 weitgehend zerstört. Ganz in der Nähe gibt es seit 1977 eine kleine Gedenkstätte.Foto: MOZ/Thoma © Foto: MOZ/Thomas Gutke
Thomas Gutke / 06.10.2016, 06:15 Uhr
Frankfurt/Swiecko (MOZ) Rund um Frankfurt gibt es viele Orte und Menschen, die selten im Fokus stehen oder deren Geschichten in Vergessenheit geraten sind. Die MOZ hat einige davon erkundet. Heute: das frühere "Arbeitserziehungslager Oderblick" in Swiecko.

Über der Oder geht langsam die Sonne unter, als Matthias Diefenbach auf ein Gebüsch zusteuert. Inmitten von Sträuchern und Ästen kommen Fundamente eines Gebäudes zum Vorschein. Es sind Überreste des früheren "Arbeitserziehungslagers Oderblick" in Schwetig, dem heutigen Swiecko südlich von Slubice. Hunderte kamen in dem Lager bis 1945 zu Tode - ein Ort des Schreckens.

"Nach Schwetig kommen; das machte Angst, auch bei Deutschen", erklärt Matthias Diefenbach. Der Historiker und Kulturwissenschaftler arbeitet für das "Institut für angewandte Geschichte", einem Verein aus Frankfurt. Im Rahmen eines deutsch-polnischen Projektes hat er sich intensiv mit der Zwangsarbeit beim Reichsautobahnbau zwischen Frankfurt und Poznan beschäftigt. Finanziert wird die Arbeit unter anderem von der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft". Das Lager in Swiecko war bis 1942 eines von mindestens 30 geschlossenen Autobahnarbeitslagern entlang der Bautrasse, über die heute auch ein Großteil der Strecke führt.

Bereits kurz nach der Machtergreifung 1933 begannen die Nationalsozialisten mit dem Autobahnbau. Für das Großprojekt verantwortlich war Fritz Todt, Generalinspekteur für das deutsche Straßenwesen. Die Strecken sollten für die Ewigkeit gebaut werden und den (wenigen) Autofahrern ein Ideal der deutschen Landschaft durch die Windschutzscheibe bieten. Nach dem Überfall auf Polen 1939 begann dann eine neue Etappe des Autobahnbaus. Ziel war der schnelle und geradlinige Anschluss Posens (heute Poznan) an das Streckennetz.

Angesichts extrem harter Bedingungen habe jedoch schon ab 1935 auf den Großbaustellen ein permanenter Mangel an Arbeitskräften geherrscht, so Diefenbach. Zwangsarbeit gab es dort daher lange vor Kriegsbeginn. Für den Bau der Trasse zwischen Posen und Frankfurt wurden dafür ab 1940 vor allem Juden eingesetzt. Sie kamen aus den Ghettos im Wartheland. Die Großbaustellen dienten nun der brutalen nationalsozialistischen Logik der Vernichtung durch Arbeit. Zabikowo-Lubon (Poggenburg), Wasowo (Hardt), Torzym (Sternberg) und viele weitere Orte wurden zu Synonymen des Grauens: Innerhalb kurzer Zeit entstanden mindestens 30 Reichsautobahnlager für meist 200 bis 400 jüdische Zwangsarbeiter, mit denen die beteiligten Baufirmen viel Geld verdienten. Insgesamt mussten rund 10 000 Juden am Aufschütten der Trassen mitarbeiten, Hunderte wurden ermordet oder starben an Erschöpfung. Über viele der Lager ist dabei kaum etwas bekannt. Weil Zeitzeugen und das politische Interesse an einer Aufarbeitung fehlten. Beispiel Lagower See: Im Wald sind heute noch viele Fragmente von Baracken und der ursprünglich geplanten Trassenführung zu finden. Lokalhistoriker Slawomir Milejski hat sie entdeckt und dokumentiert - doch die Spuren verschwinden zusehends.

Das Lager in Schwetig hatte von Beginn an einen anderen Charakter. Es entstand im Oktober 1940 in Kooperation mit der Reichsautobahndirektion und fungierte als "Arbeitserziehungslager" sowie erweitertes Polizeigefängnis der Gestapo-Leitstelle Frankfurt (Oder). Im Unterschied zu anderen Autobahnlagern wurden hier vor allem ausländische Zwangsarbeiter aus den besetzten Ländern Europas interniert. Außerdem bestand es auch nach dem Stopp des Autobahnbaus 1942 bis Kriegsende fort.

Das "Arbeitserziehungslager" Schwetig trug den zynischen Namen "Oderblick". Matthias Diefenbach nennt es ein KZ der Gestapo, denn die Lebensbedingungen waren ähnlich grausam. Ausgelegt war die mit Stacheldraht umzäunte, rechteckige Anlage auf etwa 400 Personen. Doch in den Baracken wurden oft mehr als doppelt so viele Menschen meist aus nichtigem Anlass gefangen gehalten.

Die Ankunft war für die Häftlinge eine existenzielle Erfahrung. Auf eine bestialische Prügelstrafe folgte eine mehrtägige Quarantäne mit Strafübungen und Schikanen. Anschließend begann die Zwangsarbeit. Teilweise arbeiteten die Gefangenen 14 Stunden und länger auf den Baustellen. An der Oder bereiteten sie den Baugrund für die Autobahnbrücke vor. Hunger, der nicht enden wollende Terror des Lagerpersonals, unvorstellbare hygienische Bedingungen, Krankheiten wie Typhus und die quälende Ungewissheit brachen sukzessive Physis und Psyche der Häftlinge. Darunter waren auch viele Frauen.

Ein Zeitzeuge berichtet: "Ein beliebtes Vergnügen der Wachmänner war das Rennen der Gefangenen über den kleinen Platz. An jeder Ecke standen Wachleute, die jeden, der stürzte, mit Kabeln, mit denen sie uns schlugen, zum weiterlaufen antrieben. Das "Spiel' ging, bis die Mehrheit der Läufer bewusstlos lag. Mir zerschlug man während eines solchen Rennens die linke Niere." Berüchtigt unter Häftlingen sei auch der Galgenhügel auf einer nahegelegenen Kiefernschonung gewesen. Nicht nur Lagerinsassen wurden hier exekutiert. "Im Erdboden waren zwei Betonklötze mit Löchern zum Aufstellen des Galgens vorhanden. Der Galgen selbst wurde im Lager aufbewahrt und zu jeder Hinrichtung durch Häftlinge hintransportiert und aufgestellt." Die Entlassungen seien in der Regel ohne Ankündigung erfolgt. "Keiner konnte wissen, wie lange er die Hölle noch durchmachen muss", so Diefenbach. Zermartert, abgemagert und gebrochen kehrten sie an ihren ursprünglich Zwangsarbeitsplatz zurück und sollten dort als Abschreckung für andere dienen. Im Ganzen durchliefen etwa 10 000 Menschen das Lager "Oderblick". Mindestens 1000 von ihnen starben - die letzten kurz vor der Evakuierung 1945, als man die Marschunfähigen in eine Baracke sperrte und anzündete.

Nicht weit von den letzten Spuren des Frankfurter Gestapo-KZ entfernt befindet sich eine kleine, gemauerte Gedenkstätte. Sie besteht bereits seit 1977. In den Jahren der Volksrepublik Polen sei das Lager als Erinnerungsort regelrecht inszeniert und auch ausgiebig erforscht worden, erklärt Matthias Diefenbach. "Für das Heimischwerden der polnischen Bevölkerung brauchte es solche Erinnerungsorte", sagt er. Als Lager vor allem für ausländische und damit auch polnische Zwangsarbeiter habe sich Swiecko dafür angeboten. Die Erinnerung an die jüdischen Zwangsarbeiter blieb in diesem Gedenkkontext außen vor. In Deutschland wiederum begann sich die NS-Forschung erst spät für das System der Polizeilager überhaupt zu interessieren.

Nach 1990 verwilderte die Gedenkstätte zunächst, ehe später eine zweite Erinnerungstafel angebracht wurde. "Diese hebt nunmehr den Aspekt der deutsch-polnischen Versöhnung hervor", sagt Diefenbach. Erinnerung und Politik sind auch hier wieder eng miteinander verknüpft.

In der Abendsonne sind die Namen der Toten und die Inschriften auf der Tafeln kaum mehr zu erkennen. Gut zu hören dagegen ist das Rauschen der Lkw in der Ferne, die auf dem Weg nach Polen oder umgekehrt die Autobahnbrücke überqueren. Autobahn der Freiheit - so wird die Europastraße 30 hier seit der Fertigstellung der noch fehlenden Teilstücke bis Poznan genannt.

Dabei führt sie über eine Trasse des Todes.

Zur Zwangsarbeit beim Reichs-autobahnbau geben das "Institut für angewandte Geschichte" und das Muzeum Martyrologiczne Zabikowo im Frühjahr eine Dokumentation heraus. Auch ein Audioguide ist in Planung.

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